Bürgerschaftliches Engagement

Die Sechziger- und Siebzigerjahre waren in Italien eine Periode des starken Sozialprotests auf nationaler Ebene, wobei sich einige radikale Flügel bildeten (Della Porta 1996). In denselben Jahren kennzeichnete sich die Zivilgesellschaft besonders durch universalistische Bestrebungen, auf Protest ausgerichtete Aktionsstrategien und vernetzte Organisationsstrukturen. In den Siebzigerjahren büßte der Protest Positionen zugunsten radikalerer Aktionen ein und mündete schließlich in den Achtzigerjahren allmählich in einen Institutionalisierungsprozess ein. Das betrifft insbesondere Einzelzweckorganisationen, beispielsweise im Bereich des Genders, der Umwelt, des Friedens und der Bildung. Während der Neunzigerjahre kam es dann zu einem Zuwachs und einer Verdichtung der Vernetzung zwischen den einzelnen Organisationen der Zivilgesellschaft, die sich auf bestimmte Themenkreise spezialisierten, ihre Aktionsstrategie mäßigten und ihre Organisationsstruktur konsolidierten (Reiter & et. al. 2005). In jenen Jahren entwickelten sich die klassischen Sozialbewegungen der Siebzigerjahre in vier verschiedene Richtungen (siehe nachstehende Aufstellung).

Mit besonderer Bezugnahme auf die Freiwilligenvereinigungen soll hervorgehoben werden, dass sich der gemeinnützige Sektor in Italien besonders stark entwickelt hat und (wenngleich mit unterschiedlichen Ergebnissen) eine bedeutende Stabilitätsbasis mit Auswirkungen auf die gesamte italienische Zivilgesellschaft sichert (Barbetta et al. 2003; Donati & Colozzi 2004; Moro & Vannini 2008). Dabei handelt es sich um einen Sektor, in dem die herkömmlichen weltanschaulichen Unterschiede (zwischen Weiß und Rot) weiterhin bestehen und im Hinblick auf das Aufbringen von Geldmitteln in einer Wettbewerbssituation stehen. Dieser Sektor der Zivilgesellschaft hat sich auch am stärksten an das ordnungspolitische System angelehnt und somit seine Eigenständigkeit aufs Spiel gesetzt. Auf der entgegengesetzten Seite befindet sich die Schar der italienischen Sozialzentren, die den Weg der Unabhängigkeit eingeschlagen haben und sich dem ordnungspolitischen System widersetzen (Adinolfi et al. 1994)(Mudu 2004). Während der Achtziger- und Neunzigerjahre kam es zu einer erheblichen Zunahme selbstverwalteter, besetzter Sozialzentren (CSOA) und partizipativ geführter kulturpolitischer Denkfabriken, die sich durch besonders kritische Haltungen gegenüber der gegenwärtigen sozialen Situation Italiens kennzeichnen.

Parallel zur allgemeinen nationalen Entwicklung spielt sich in der sozialen Mobilisierung Italiens ein starker Trend zur Internationalisierung ab. Schon von den Siebziger- bzw. Achtzigerjahren an begann sich mit dem Aufkommen neuer Themenkreise (den sogen, new social movements entsprechend), wie Umwelt (Diani 1995), Frieden (Battistelli & et al. 1990) und Abrüstung (Marcon & Pianta 1999) das Bewusstsein um die Notwendigkeit breitzumachen, die Mobilisierung jenseits der Grenzen zu erweitern. Diesbezüglich seien lediglich die Protestbewegungen gegen die Euroraketen in den Achtzigerjahren erwähnt. Diese Art von Aktivismus erfuhr während der Neunzigerjahre eine weitere Entwicklung. Einerseits verzeichnete man einen größeren Einsatz im Balkankrieg (Marcon 2000, 2002) und andererseits eine entschlossenere Beteiligung der italienischen Zivilgesellschaft an Kampagnen über globale Fragen, wie beispielsweise die Kampagne zugunsten der Einrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofs (Pianta 1998). Dabei wurden durch die Annäherung hinsichtlich solcher unmittelbar wirkender, spezifischer Fragen die alten weltanschaulichen Schranken überwunden. Seit dem Anbruch des neuen Jahrtausends befindet sich die italienische Zivilgesellschaft im Mittelpunkt einer transnationalen Mobilisierung (Pianta 2001; Lunaria 2002). Diesbezüglich ist folgendes zu erwähnen: eine starke Beteiligung am World Social Forum, die Mobilisierung gegen das G8-Treffen in Genua 2001, die Organisation des European Social Forum in Florenz 2002.

Raffaele Marchetti

Weiterführende Literatur

  • Barbetta, Gian Paolo/Cima, Stefano/Zamaro, Nereo (eds.): La istituzioni nonprofit in Italia. Dimensioni organizzative, economiche e sociali, Il Mulino, Bologna 2003.
  • Donati, Pierpaolo/Colozzi, Ivo (eds.): Il terzo settore in Italia. Culture e pretiche, Franco Angeli, Torino 2004.
  • Marcon, Giulio: Le ambiguità degli aiuti umanitari. Indagine critica sul terzo settore, Feltrinelli, Mailand 2002.
  • Reiter, Herbert/et.al: The Global Justice Movement in Italy. In Donatella Della Porta and Herbert Reiter (eds.), The Global Justice Movement/s in Europe. EUI-DEMOS Project (WP1, final report), Florenz 2005,
S. 249-305.