Familie

Die Erörterung des Themas Familie hat in der Philosophie eine lange Tradition. So schrieb Aristoteles die mit dem Haushalt verbundenen Aufgaben der Ökonomie zu, die er neben der Ethik und Politik den praktischen Wissenschaften zuordnete, die die menschliche Lebenspraxis zu ihrem Gegenstand machten. Während die Ethik sich mit dem Handeln der einzelnen Individuen und die Politik sich mit dem Leben in der Bürgergemeinschaft (Polis) befassen sollte, war Gegenstand der Ökonomie das Leben in der Familiengemeinschaft.

Im Verständnis Aristoteles’ waren die praktischen Wissenschaften normativ. Sie sollten eine normgebende Darstellung des guten menschlichen Lebens in verschiedenen praktischen Bereichen liefern. Die Ökonomie hatte darin die Aufgabe, vor allem die Tugenden zu bestimmen, die die Mitglieder einer Familie besitzen mussten, damit die Beziehungen untereinander (Gatte/Gattin, Eltern/Kinder, Herr/Diener) zur Verwirklichung des menschlichen Glücks beitragen konnten.

Das Aufblühen der Humanität in jedem einzelnen Menschen war für Aristoteles das oberste Ziel der Lebenspraxis, und die praktischen Wissenschaften sollten dazu Empfehlungen aussprechen. Die Ökonomie beschäftigte sich daher auch mit der Erzeugung von Reichtum, doch auf einer untergeordneten Ebene im Vergleich zu dem viel wichtigeren Ziel: das menschliche Wohlergehen, die Eudämonie. Reichtum sollte nur insofern erstrebt werden, als er für das Wohlerheben und die Verwirklichung der Humanität der Familienmitglieder nützlich sein konnte, aber nicht um seiner selbst willen.

Entstehung des modernen Familienverständnisses

Die aristotelische Auffassung der Familie blieb bis zur Moderne vorherrschend als Georg Wilhelm Friederich Hegel Anfang des XIX. Jahrhunderts ein neues philosophisches Paradigma bestimmte, das heute noch Funktion und Aufgaben der Familien zu beschreiben vermag. Hegel bezeichnete den Bezugsbereich der herkömmlichen praktischen Philosophie mit dem Ausdruck objektiver Geist und wandelte den Begriff im modernen Sinn um.

Mit der Entwicklung der Marktwirtschaft wurde es notwendig, dass eine eigene Disziplin sich mit der Erzeugung von Reichtum und Wirtschaftsfragen als Gegenstand eigenständiger Untersuchungen beschäftigte: die Ökonomie.

Mit den Beziehungen zwischen Gatte und Gattin und Eltern und Kindern befasste sich nun eine andere, eigenständige Disziplin. Die Familie wurde zu jenem gesellschaftlichen Bereich erhoben, in dem der Einzelne sein privates Glück verwirklichen und zugleich Liebe und Solidarität vorfinden sollte. Rousseau hatte zuvor bereits die philosophischen Kategorien zur Bestimmung der Tugenden erarbeitet, die Gatte und Gattin besitzen sollen, damit der Familienverband nicht nur zum zweckdienlichen Ort werde, an dem die Gesellschaft sich fortpflanzt, sondern auch zum Ort, an dem das individuelle Gefühl eine echte Genugtuung erfährt. Die beiden Formen der Liebe, Eros und Agape, die die Philosophie traditionell getrennt und unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zugeordnet hatte, sollten sich nun innerhalb des Familienverbands verwirklichen. Das Scheitern dieser Zielvorgabe führte schließlich zur Rechtfertigung der Auflösung der Ehe, auf der sich die Familie gründete.

Eros und Agape im heutigen Italien

Die Erwartungen derer, die sich heute zur Gründung einer Familie entschließen, sind nicht sehr verschieden von den Vorstellungen, die in den philosophischen Erörterungen im XVIII. und XIX. Jahrhundert über die Ehe verbreitet wurden. Obwohl sich im Laufe von zwei Jahrhunderten vieles geändert hat, bildet die Familie für die meisten Menschen auch heute den Ort, an dem Eros und Agape zusammenfinden. Trotz der vielfältigen Spannungen, denen die Familie aufgrund der an sie gestellten Erwartungen unterzogen ist, vermögen anscheinend weder kritische Theorien noch gesellschaftliche Spannungen ihre grundlegende Funktion ernstlich in Frage zu stellen.

Homosexuelle Partnerschaften

Wie in anderen Ländern so hat sich auch in Italien die Antwort auf die Frage nach dem Recht von Homosexuellen auf Eheschließung, die Gründung einer Familie und auf Kinder das traditionelle Bild der Familie verändert. Diese Rechte wurden in Italien nicht anerkannt vor allem wegen der von der katholischen Kirche hierzulande ausgeübten politischen Funktion. Die Forderungen der Homosexuellen haben eine beachtliche Solidarität besonders vonseiten derer erhalten, die noch immer fest an die Möglichkeit glauben, dass die Familie der geeignete Bereich zur Persönlichkeitsentfaltung ist und die diese Möglichkeit niemandem entziehen möchten.

Familie im Spannungsfeld von Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung

Auch in Italien werden Ehescheidungen immer häufiger und tragen damit zur Auflösung von Bindungen bei, die der persönlichen Selbstverwirklichung im Wege stehen. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass die klassische Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau, auf der sich die Familientheorie ursprünglich gründete, heute nicht mehr funktioniert. Darin wurden dem Mann die Bereiche Arbeit und Gesellschaft zugeordnet, während der Frau der Haushalt und die Kindererziehung vorbehalten waren. Innerhalb der häuslichen Sphäre galt es für die Frau zudem, die Bedürfnisse des Mannes nach Gefühlen zu befriedigen (dessen erotische Befriedigung innerhalb und außerhalb der Familie stattfand).

Heute hingegen werden die verschiedenen Aufgaben zwischen beiden Geschlechtern – wenigstens im Idealfall - gleichmäßig verteilt. Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist in Italien jedoch lange noch nicht erreicht. Die Auflösung herkömmlicher Rollenmuster und Aufgabenteilung führt gewiss zu Spannungen zwischen den Geschlechtern und häufig auch zu Ehescheidungen, doch läuft diese Tendenz nicht auf eine Überwindung der Familie hinaus. Es handelt sich vielmehr um Anzeichen eines kulturellen Wandels, der die Verwirklichung des vor Jahrhunderten festgelegten Fernziels der Persönlichkeitsentfaltung zum Gegenstand hat.

Der italienische Familismus unter Druck

Die italienische Familie verstanden als Solidargemeinschaft ist zunehmend unter Druck geraten. In Europa stellt normalerweise der Wohlfahrtstaat bei wirtschaftlicher Not Rettungsanker zur Verfügung. In Italien verhält sich das vielfach anders. Bei einer Umfrage antworteten 67% der Befragten, dass ihnen in wirtschaftlicher Not persönliche Verwandte aushelfen würden. Das ist der höchste Prozentsatz in der ganzen Europäischen Union.

Die Folgen des italienischen Familismus sind schwerwiegend. Der Familismus birgt vielerlei Fallen, schadet insbesondere den Frauen und Jugendlichen, die im Gegenzug für die elterliche Unterstützung oft ihre Selbständigkeit einbüßen. Die häusliche Solidarität folgt nicht immer einer Logik der verteilenden Gerechtigkeit und kann schwere Ungerechtigkeiten verursachen. In Krisenzeiten verwandelt sich der Familismus zudem häufig in Amoralismus (Opportunismus, Partikularismus, Klientel). Ein gesellschaftliches Modell, das die Lebenschancen der Einzelnen zu eng an ihren familiären Kontext bindet, misst zu Unrecht dem Zufall eine allzu große Bedeutung bei (niemand kann seine eigenen Eltern wählen).

Der Druck, dem die italienische Familie als Solidargemeinschaft unterliegt, läuft jedoch nicht auf ihre Überwindung hinaus. Die Herausforderung lautet, ihre Leistung zu verbessern, indem der Staat gewisse Aufgaben übernimmt, dadurch die Familien und den Einzelnen entlastet und damit zum Abbau von Ungerechtigkeiten beiträgt, die insbesondere das Leben der Jugendlichen und der Frauen in Italien zu stark bedingen.

Vanna Gessa Kurotschka

Weiterführende Literatur

  • Aristoteles: Nikomachische Ethik, Uebers. Von U. Wolf, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002.
  • Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Die „Rechtsphilosophie“ von 1820, in: „Rechtsphilosophie Edition Ilting“ , Band 2, frommann-holzboog 1974.
  • Rousseau, Jean-Jacques: La nouvelle Héloise, ed. Mornet, Paris 1925.
  • Kurotschka, Vanna Gessa: Il desiderio e il bene. Sulle orgini della moderna filosofia pratica in Germania, in: La Oeconomia e la sua dissoluzione. Sentimento individuale in Germania fra Seicento e Settecento, Guerini, Mailand 1996, Cap. IV, S. 112-146.
  • Sen, Amaratya: On Ethics and Economics, Basil Blackwell, Oxford 1987.