Kulturelle Identität

„In Italien ist das Selbstverständnis des Italienischseins viel stärker als die Vorstellung des Nationalstaats“. Von dieser kritischen, jedoch teilweise treffenden Bemerkung des französischen Soziologen Alain Touraine ausgehend soll hier eine knappe Betrachtung zum Thema der kulturellen Identität in Italien angestellt werden.

Wie das italienische Volk selbst ist auch seine Identität komplex und vielfältig. Sie spaltet sich in eine religiöse Gesinnung und einen vielfach verkannten Staatslaizismus und ist tief in der Vergangenheit verwurzelt. Um diese Identität stritten sich schon die mittelalterlichen Städte und schürten einen ausgeprägten Lokalgeist, der heute wieder erstarkt und zuweilen zu einer selbstsüchtigen Identifizierung mit den „kleinen Vaterländern“ entartet ist.

Verletzt wurde diese Identität durch innere Auseinandersetzungen, die zuweilen in regelrechte Bürgerkriege ausarteten, die mit Waffen und Blut ausgetragen wurden. Im kollektiven Bewusstsein haben diese Konflikte Wunden hinterlassen, die ein Gefühl „getrennter Zugehörigkeiten“ geschaffen haben und dem Bewusstsein einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft entgegenstanden.

Das italienische Nationalgefühl in historischer Perspektive

Die italienische Nation entstand vor dem Hintergrund der sie bildenden Vielfalt geographischer Einheiten. Obwohl territorial und politisch zersplittert bestand Italien vor der nationalen Einheit aus kleineren und größeren Ländern, die sich durch die Gemeinsamkeit von Geschichte, Kultur, Sprache und Gemeinsinn als untereinander verbunden empfanden. Diese Länder betrachteten sich gebietsmäßig und in Bezug auf Identität seit jeher als einem einzigen Volk zugehörig.

Das Nationalbewusstsein war unter dem italienischen Königreich, das 1861 entstand, eher schwach ausgeprägt. Durch die Tragödie des Ersten Weltkriegs festigte es sich, nicht zuletzt wegen der in den Nachkriegsjahren darum aufgebauten Mythen. Deren Auswirkungen fielen in den verschiedenen Gesellschaftsklassen und Landesgebieten (Stadt/Land) unterschiedlich aus, wobei teilweise zu einer Überlagerung mit den ursprünglichen Lokalidentitäten kam. Diese mussten nicht unbedingt mit der Nationalidentität im Widerspruch stehen. Sie nahmen ihren Ursprung meist in alten Begründungen und Themen und waren gewissermaßen eigenständig. Dank ihrer Verankerung in der Vergangenheit konnten diese Identitäten auch das Drama des Zweiten Weltkriegs überstehen (Galli della Loggia 2003).

„Getrennte Zugehörigkeiten“ statt „gemeinsame Staatsbürgerschaft“

Die Verfassung, die 1948 verabschiedet wurde, setzte sich mit der Dialektik von lokaler und nationaler Identität auseinander, indem sie die Regionen im Geiste der demokratischen Selbstverwaltung als Gegengewicht zum staatlichen Zentralismus aufbaute. Die Regionen wurden jedoch nicht ausdrücklich als bestimmte regionale Identitäten und als regelrechte politische Subjekte gefasst. Die neue demokratisch-republikanische politische Kultur vermochte es nicht, den großen Unterschied zwischen der Demos-Nation, der auf der Wahlzugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft fußt, und der Ethnos-Nation zu erfassen, die sich eher auf der Gemeinsamkeit der kulturhistorischen Wurzeln gründet. Dadurch wurde eine Verschmelzung beider Dimensionen verhindert, obwohl sie seit jeher unsere Kultur und Identität so stark prägen.

Auch bedingt durch den Anfang des „Kalten Kriegs“ verfestigte sich im politischen Nationalbewusstsein eher ein Gefühl „getrennter Zugehörigkeiten“ als von „gemeinsamer Staatsbürgerschaft“, was die Bildung eines echten Nationalgefühls noch komplizierter werden ließ. Die Vorstellungen von Nation und Vaterland waren von der faschistischen Propaganda zu abgedroschenen Floskeln gemacht geworden.

Die Regionen wurden erst lange Jahre nach der Entstehung der Republik eingerichtet und mit weitgehend unzureichenden Verwaltungskompetenzen ausgestattet. Wegen Mangels an Innovationsfähigkeit und politischer Initiative erwiesen sie sich oft als reiner Multiplikator der Mängel des „nationalen Staatssystems“ und verstärkten die nationalen Spannungen, indem sie Roms Leistungsunfähigkeit und das (angebliche) Absterben der lokalen Identitäten beklagten und zugleich die Demokratie nur aufgrund der Zugehörigkeit zum Volksgebiet legitimiert wissen wollten. Dieser Prozess mündete später in ein konkretes politisches Projekt mit dem Ziel, eine leistungsfähige Regionalstruktur zur Verwertung des heute noch vernachlässigten Potentials der einzelnen Regionen zu realisieren.

Italienische versus europäische Identität

Parallel zur Auseinandersetzung zwischen Staat und Regionen vollzog sich der europäische Einigungsprozess, der – wie einige hoffen - allmählich zu einer „Euthanasie“ der Nationen und zur Schaffung eines einzigen europäischen Staates führen sollte. Der langsame und mühevolle europäische Integrationsprozess hat diese Hoffnungen zerschlagen, nicht nur weil einige Vorrechte der Nationalstaaten weiterhin bestehen, sondern auch weil die Bevölkerung den Wert der eigenen nationalen Zugehörigkeit wiederentdeckt hat.

Offensichtlich geht durch die Bildung einer Europapolitik die Identität der historischen europäischen Nationen nicht verloren, eher werden diese – ausgehend von den jeweiligen Unterscheidungselementen - zu einer Neubestimmung und einem wechselseitigen Dialog gezwungen. Dazu äußerte sich der französische Historiker François Furet folgendermaßen: „Um in die europäische Kultur einzutreten, muss man durch die Tür einer oder mehrerer Nationalkulturen gehen. Der Versuch eines Kurzschlusses auf dem Weg zu einer supranationalen Europakultur ist ausgeschlossen, weil eine solche nicht besteht. Die großen Künstler Europas sind fest in ihrer nationalen Tradition verwurzelt. Fellini ist ein großer europäischer Filmmacher, weil kein anderer so italienisch ist wie er.“

Die Herausforderungen des Multikulturalismus

Ausschlaggebender als die europäische Integration war im Hinblick auf eine Neubestimmung der nationalen Identität das Phänomen der Einwanderung. Italien, seit jeher ein Auswandererland, muß sich seit den 1970er Jahren mit Einwanderungsströmen auseinandersetzen, die nicht nur neue Arbeitskräfte, sondern auch deren kulturellen und religiösen Bestand ins Land bringen. Dadurch ausgelöst fand in dem Versuch einer konzeptionellen Neubestimmung der nationalen Identität eine kritische Rückbesinnung auf die eigenen geschichtlichen Wurzeln und Erinnerungen statt.

Die fast übertriebene Ausländerfreundlichkeit, die seit den 1950er Jahren die italienische Kultur gekennzeichnet und sich bald in eine Abhängigkeit von ausländischen Kulturen und in ein Unterlegenheitsgefühl verwandelt hat, wobei alles Italienische als „provinziell“ abgetan wurde, ist seit Anfang der 1980er Jahre etwas zurückgegangen, als der Erfolg italienischer Erzeugnisse anscheinend einen neuen Nationalstolz förderte.

Nationale Identität und Religion

Die eigentliche und ernste Herausforderung an unsere Nationalidentität wurde jedoch von der direkten Gegenüberstellung mit anderen Kulturen und ihren Religionen provoziert. Im Kulturkonflikt erfuhren Werte, Rechte, Religion und Sitten eine notwendige Wiederentdeckung als gemeinsamer Bestand im Gegensatz zum Fremden.

Als emblematisches Element kann dafür das religiöse Gefühl gelten. In dieser Hinsicht bewahrheiten sich die in der Schrift „Warum können wir nicht umhin uns als ‚Christen’ zu bezeichnen“ angestellten Betrachtungen des Philosophen Benedetto Croce. Gerade in den letzten Jahren verzeichnet man in unserem Land eine Rückkehr zur Religion (nicht mit einer Rückkehr zum Glauben zu verwechseln) als Identifikationselement, zu dessen Verteidigung man insbesondere in seinen äußeren Erscheinungen bereit ist. Das religiöse Imprinting der Identität und Kultur der italienischen Gesellschaft steht nicht auf dem Spiel, weil das Christentum zur DNS des italienischen Volkes gehört. Selbst die Verfassung, ein Willensakt eines kulturellen oder weltanschaulichen Laizismus, bestätigt diese Annahme. In der italienischen Gesellschaft finden sich überall deutliche Spuren einer jahrhundertealten christlichen Tradition. Sie begreift sich nach christlichem Vorbild als eine offene, gastfreundliche, solidarische Gemeinschaft, gestützt auf den Grundsatz der Subsidiarität.

Das bezeugt beispielsweise die wirtschaftliche Struktur des Landes, die aus vielen Klein- und Mittelbetrieben besteht als Ergebnis eines genossenschaftlichen Kreditvergabesystems, das Anfang des 20. Jahrhunderts von Katholiken gegründet wurde. Ein weiteres Beispiel bietet das auf ein Höchstmaß an Pflege ausgelegte Gesundheitssystem, das auf eine jahrtausende alte, besonders in den Hospitaliterorden verankerte Tradition zurückblickt. Der Einfluss des Christentums auf Kunst und Literatur in Italien und auf der ganzen Welt bedarf schließlich keiner weiteren Erklärung.

Die Wiederentdeckung der eigenen Nationalidentität stellt eine Herausforderung an alle Länder des alten Kontinents dar, die sich immer häufiger mit andersartigen Kulturen konfrontiert sehen und die Aufgabe einer fortschreitenden europäischen Integration auch auf der politischen Ebene meistern müssen. In dieser Hinsicht kann man die Worte des polnischen Historikers Bronislaw Geremek durchaus teilen: „Europa kann nicht gegen die nationalen Identitäten integriert werden.“

Antonio Iodice

Weiterführende Literatur

  • Bollati, Giulio: L’italiano. Il carattere nazionale come storia e come invenzione, Einaudi, Torino 1998.
  • Foa, Renzo: Il decennio sprecato. Ma è davvero impossibile cambiare l’Italia?, Fondazione Liberal, 2005.
  • Lepre, Aurelio: Storia della Prima Repubblica, Il Mulino, Bologna 1993.
  • Zavoli, Sergio: C’era una volta la Prima Repubblica, ERI – Mondadori, Mailand 1999.