Kunst und Kultur

Von außen betrachtet erscheint die gegenwärtige italienische Kulturlandschaft wie eine Szene, die sich vor einem bestens beleuchteten Hintergrund und auf einer in einen Halbschatten getauchten Bühne abspielt. Einerseits gehört der Beitrag der italienischen Literatur, Dichtung, Kunst, Architektur sowie des italienischen Films und Designs - mit den entsprechenden originellen Gestalten, der Poetik und den oft heißen Auseinandersetzungen, vom Neorealismus bis zu Pasolini, von der Arte povera bis zur Transavanguardia - von Anfang des XX. Jahrhunderts bis zu den Siebzigerjahren inzwischen zum gemeinsamen Bestand auch außerhalb der Landesgrenzen. Dasselbe gilt jedoch nicht für die letzten Entwicklungen. Ausnahmen gibt es natürlich; man denke beispielsweise nur an die visuellen Künste, an Persönlichkeiten wie Maurizio Cattelan oder in der Literatur an Pier Vittorio Tondelli, Walter Siti, Antonio Tabucchi, um nur einige Namen zu nennen. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen – und die Italiener sind sich dessen wohl bewusst – dass die internationale Aufmerksamkeit hinsichtlich der italienischen Schöpfungen gesunken ist, die in einer Zeit erschienen sind, in dem der Umlauf (bzw. Verbrauch) der Kulturerzeugnisse sich weit jenseits der herkömmlichen Grenzen des Abendlands verbreitet hat.

Unsichtbarkeit und Isolierung

Nun, welches sind die Ursachen dieser relativen „Unsichtbarkeit“ Italiens? Ein Grund dafür besteht wahrscheinlich in der Schwierigkeit der italienischen Kultur insgesamt, sich an die Postmoderne anzupassen. Die Gesamtheit der theoretischen und kritischen Vorhaben, die von verschiedenen Standpunkten aus zu einer Neugestaltung des Spektrums der zeitgenössischen Schaffenspraxis geführt hat – wobei Grundbegriffe wie Autor, Text, Publikumsbezug und Interpretationsmechanismen umgestaltet wurden – wurde in Italien mit Vorbehalt oder gar ausgesprochenem Misstrauen aufgenommen. Dadurch kam es zu einer Verzögerung der kritischen Auseinandersetzung mit den tiefgreifenden Veränderungen der kulturellen Rahmenbedingungen. Die Belastung der Tradition, als familiäre Alltagswirklichkeit in der realen Landschaft und in der Vorstellungswelt Italiens empfunden, war sicherlich ausschlaggebend für die Orientierung der Künstler in eine Richtung, die sich von der hyperurbanen und ultraindividuellen Sensibilität unterscheidet, die sich inzwischen im internationalen Kontext verbreitet hat. Diese beiden Faktoren können teilweise die Ursachen des scheinbaren Mangels an Engagement der italienischen Künstler und Schriftsteller hinsichtlich der auf internationaler Ebene meistdiskutierten Probleme erklären. Zugleich vermögen sie wenigstens teilweise die (übrigens heiß umstrittene) Vorstellung eines selbstzufriedenen Landes rechtfertigen, das den draußen tobenden Wirrungen im Wesentlichen gleichgültig gegenübersteht und an einer „erbherrlichen“ Auffassung der Kultur haftet: ein für den Fremdenverkehr und ein Postkartendasein bestimmter mittelländischer „Garten“.

Näher betrachtet verhält sich jedoch alles anders. Der Kult der „Wurzeln“ erscheint zunächst zweckdienlich zu sein, und zwar in Bezug auf die Forderungen einer nach leichten Legitimationen suchenden Führerklasse und auf die Mechanismen einer wesentlich konservativ ausgerichteten Kulturindustrie. Das trifft besonders auf Bereiche wie Kino und Fernsehen zu, die dem Bedarf nach Massenkonsens stärker unterliegen. Die ebenso scheinbare Abwesenheit der italienischen Künstler von der internationalen Szene ist auch eher die Folge einer Flucht der Institutionen und nicht so sehr eines objektiven Begabtenmangels. In einem durch einen raschen Moden- und Künstlerwechsel gekennzeichneten Kunstsystem stellen gerade die verschiedenen Vermittlungsformen (Zeitschriften, öffentliche Sammlungen, nicht auf Gewinn ausgerichtete Foren, Stipendien, Akademien, Kunstschulen usw.) ein wichtiges Gegengewicht dar, weil sie im Hinblick auf Verwertung und kollektives Wachstum eine wesentliche Rolle spielen. Der entsprechende Mangel wird seit langem als einer der schwerwiegendsten Nachteile der italienischen Kultur überhaupt betrachtet.

Die Besonderheiten der Rahmenbedingungen

Was kann man also dem empfehlen, der sich von außen her der jüngsten italienischen Kunstproduktion nähert? Zunächst sollten Klischees und die herkömmlichsten Erwartungen aufgegeben werden: de Chirico, Pasolini, Fontana und Arte povera stehen uns heute nicht näher als Schwitters, Beuys oder Fassbinder für Deutsche. Daher sollten die Besonderheiten der italienischen Kulturszene berücksichtigt werden, einschließlich des ausschlaggebenden Gewichts der Medien sowie der Unterschiede zwischen Ober- und Unteritalien und zwischen Zentrum und Peripherie beim Bedingen des kollektiven Empfindens und der individuellen Entscheidungen. Zu bedenken sind auch das Fehlen eines Netzes von der zeitgenössischen Kunst gewidmeten Museen und öffentlichen Stellen sowie die Notwendigkeit, das Originale und Neuartige außerhalb jenes institutionellen Kreislaufs zu suchen, auch wenn dieser während der letzten zehn bis fünfzehn Jahre eine bewerkenswerte Erweiterung erfahren hat.

Vor diesem Hintergrund wird die Recherche der italienischen Künstler der Generationen ab den Neunzigerjahren leichter verständlich. Diese Künstler haben allerdings die Bedeutung der italienischen Besonderheit stark eingeschränkt und in die richtige Perspektive gerückt. Was dabei in Erscheinung tritt, kann man als ein „Minimal“ ansehen, das sich auf die systematische Kultivierung der Unterschiedlichkeiten konzentriert sowie auf den zeitgemäßen Taumel und die Auswegslosigkeit der Identität. Piero Manzoni und Alighiero Boetti sind die vortrefflichsten Vertreter dieser Strömung, die darauf ausgeht, die Bilder gegen ihre eigene täuschende Fülle neuzugestalten und wieder zu „verwildern“ (Stefano Arienti, Vedovamazzei, Francesco Vezzoli). Andernfalls – und das bezieht sich insbesondere auf die Künstler, die am Ende des vergangenen Jahrzehnts und in diesen letzten Jahren über die Bühne gegangen sind – stellt sich eine unmittelbarere, politischere, ungeniertere Beziehung zur Welt ein, wobei die Reibungspunkte zwischen individuellem Schaffen und kollektiver Streuung zum Vorschein kommen. Dabei gewinnt das Bild wieder an kommunikativer Wirksamkeit, emotionaler Einschlagskraft, zeitlicher Dichte, wenngleich auf diese Weise eine brutale Abwendung von jener klassischen „Fülle“ in Kauf genommen werden muss, die gewissermaßen seit jeher die italienische Tradition gekennzeichnet hat (Francesco Arena, Elisabetta Benassi, Diego Perrone).

Im Spannungsfeld zwischen Anschluss an das Weltgeschehen und Abgeschiedenheit

In einer internationalen Landschaft, in der es eher zu chaotischen horizontalen Bewegungen kommt als zu vertikalen Wertlehren, die durch die Immanenz des „Systems“ und die Diktatur der Bekanntheit beherrscht ist, in der die Bestimmung des individuellen Werdegangs zwischen eher parallelen als sich gegenseitig ausschließenden Optionen erfolgt, fühlen sch die italienischen Künstler gewissermaßen eher abgesondert und ausgesetzt. Wahrscheinlich handelt es sich dabei ursächlich um Fragen des Kulturerbes, der Bildung, der Sprache. Trotzdem gereichen letztendlich der ungelungene Anschluss und die kritische Distanz, die das jüngste Kunstschaffen in Italien kennzeichnen, dahingehend zu ihrem Vorteil, dass sie somit über eine weitere Chance der Einfühlung in die Gegenwart verfügen als Beispiel jener Sprengkraft, die Deleuze und Guattari den Sprachen der Minderheiten als einzige zuschreiben, die unverdächtige Fluchtlinien weg von der Übermacht der vorherrschenden Kulturen zu schaffen vermögen. Streben nach Zugang, nach Teilnahme am Weltgeschehen und zugleich Wille zur Abkehr: Anziehung und Abstoßung. Darin scheint tatsächlich der - auch existentielle – Geheimschlüssel zu bestehen, anhand dessen die italienischen Künstler ihre Lage objektiviert haben: die Peripherie in die Mitte rücken, ohne jedoch die Fähigkeit aufzugeben, das Randgeschehen zu erschließen. Alle möglichen Sprachen erlernen und doch weiterhin in der eigenen denken, aber auch sie als ehemalige Trägerin einer Sprachenvielfalt wiederentdecken. Eine heterodoxe Sensibilität, ein Drang zum Denken außerhalb der Regeln und innerhalb einer am Rande des Entschwindens befindlichen Erinnerungsdichte: das macht den Unterschied aus, den die Kunst Italiens an diesem Jahrhundertanfang in einem nunmehr schwindelerregend globalen Szenario an den Tag legt. Ein Unterschied, der offensichtlich aus Unterschieden besteht und dessen einzigartige Verschiebungen sich dem dartun, der ihn als Anstoß zum allgemeinen Überdenken unserer Zeit angeht.

Stefano Chiodi

Weiterführende Literatur

  • Bonito Oliva, Achille: Il territorio magico, Florenz 2009.
  • Chiodi, Stefano: La bellezza difficile, Florenz 2008.
  • Chiodi, Stefano: Una sensibile differenza, Rom 2006.
  • Chiodi, Stefano (Hg.): Marcel Duchamp. Critica, biografia, mito, Mailand 2009.
  • Cordelli, Franco: Il poeta postumo, Florenz 2008.