Politische Kultur

Hier wird der Versuch unternommen aufzuzeigen, wie vom Blickwinkel der politischen Philosophie aus die im heutigen Italien gängigen politischen und kulturellen Erscheinungen verständlich gemacht werden können, insbesondere der - nicht nur bei den Wahlen davongetragene - Erfolg Berlusconis der letzten Jahre und die bei jedem Reformversuch angetroffenen systematischen Schwierigkeiten. Die anzugehenden Themen geben vermutlich die Grundlage der erheblichen Hindernisse ab, auf die die Demokratische Partei (Partito Democratico) in ihrem begründenden Werdegang mit allen anfallenden Folgen für die Zukunft der italienischen Reformbestrebungen stößt.

Dabei handelt es sich sicherlich um eine typisch italienische intellektuelle Angelegenheit, sie betrifft jedoch gewissermaßen, natürlich mit den nötigen Unterscheidungen, auch Frankreich, Spanien und irgendwie Deutschland. Ohne zu weit über das Ziel hinauszuschießen, kann im Wesentlichen behauptet werden, dass die gesamte politische Kultur des XX. Jahrhunderts auf dem europäischen Festland – Skandinavien ausgenommen – eine grundlegende illiberale Prägung aufgewiesen hat. Das tritt umso deutlicher in Erscheinung, wenn man sie mit der Kultur Großbritanniens und der Vereinigten Staaten Amerikas vergleicht, die zudem durch eine unzweifelhafte Familienähnlichkeit verbunden sind. Hier soll die Bedeutung der klassischen Unterscheidung zwischen Erde und Meer im Sinne von Carl Schmitt oder zwischen Kultur und Zivilisation – davon die erstere angeblich kontinental und deutsch, die letztere ozeanisch und angelsächsisch – nicht kurzerhand abgetan werden. Bedenkt man jedoch das Bestehen einer angelsächsischen Gemeinsprache der politischen Philosophie im ganzen XX. Jahrhundert, dann erscheint diese als durch das Band der stark verwurzelten Überzeugung zusammengehalten, dass die liberalen und demokratischen Einrichtungen die für jegliche politisch-philosophische Auseinandersetzung erforderliche Grundlage abgeben.

Ein Nachschlagen in Handbüchern und Lexika erübrigt sich, weil man einsehen muss, dass auf dem europäischen Festland, insbesondere in Italien, alles anders gelaufen ist. In Deutschland herrscht gewiss nicht eine liberal-demokratisch ausgerichtete politische Kultur vor, denn rechterseits beobachtet man eine Äderung, die den naturalistischen Antikulturalismus eines Heideggers mit der rechtlichen und politischen Entschlusskraft eines Carl Schmitt verbindet, und linkerseits ein Hin- und Herpendeln der politischen Philosophie zwischen Marxismus und Frankfurter Schule. Jürgen Habermas hat zweifelsohne, besonders während der letzten beiden Jahrzehnte, versucht der vorherrschenden Entwicklung ein gesundes Gegenstück entgegenzusetzen. Immerhin handelt es sich um eine vorherrschende Entwicklung, und die in Deutschland verbreitete politische Kultur, die auch anlässlich von öffentlichen Unruhen und politischen Entscheidungen der Einrichtungen in Erscheinung tritt, kann sich sicher nicht auf das Gedankengut der klassischen Autoren des Liberalismus von Locke bis zu Constant berufen.

Ähnliches gilt für Frankreich. In der zweiten Nachkriegszeit herrschte in der Auseinandersetzung zunächst ein humanistischer Existenzialismus vor, der verschiedentlich mit Elementen aus Marxismus, Sprachwissenschaft und Psychoanalyse vermengt war (insbesondere bei Kojève, Sartre, Merleau-Ponty, Lacan), und später ein postmoderner Poststrukturalismus im Gefolge Nietzsches (insbesondere bei Foucault und Derrida). Natürlich fehlt es auch hier nicht an ruhmreichen Ausnahmen, darunter mit Sicherheit Raymond Aron, eine gewisse sozialdemokratische und liberale Tendenz sowie jene typisch französische Mischung des frankophonen “Republikanismus”. Dasselbe gilt für Spanien, das übrigens häufig eine philosophische Provinz von Deutschland und Frankreich gewesen ist und wo jedenfalls Ortegas Historismus, Existenzphilosophie und katholisches Gedankengut die Oberhand hatten und die sozialdemokratische und liberale Kultur ausschlugen. Wennschon gewann letztere nur in den letzten Jahren an Bedeutung und unterstützte unter anderem die Reformtendenz unter Zapateros Regierung.

Wenn auch mit gewissen Unterschieden, hat sich diese Anomalie auch in Italien breitgemacht. Von Gentiles Zusage zum Faschismus bis zum historistischen Liberalismus des Benedetto Croce, von der kulturellen Hegemonie des Marxisten Gramsci bis zu Bobbios eklektischem Reformismus über den Katholizismus, hat sich die italienische Philosophie auf Hegel, Machiavelli, Marx, Kelsen, Dilthey, Thomas von Aquin berufen und – bis auf einige vereinzelte Ausnahmen - seltener auf Locke, Kant, Toqueville und Constant. Das offensichtlichste Kennzeichen der politischen Kultur Italiens bleibt also der Illiberalismus sowie ein grundlegendes Misstrauen der Demokratie gegenüber.

Eigenartigerweise äußern sich dieser verbreitete Illiberalismus und eine gewisse Furcht vor der Demokratie nicht nur bei ausgesprochen in diesem Sinne ausgerichteten Autoren, wie bei Gentile, Gramsci und beim jungen Colletti, sondern auch bei solchen, die instinkthaft oder aus Überzeugung eine gegenteilige Auffassung an den Tag legen. Dabei kann man an Croce und Bobbio denken, die wahrscheinlich (zusammen mit Gramsci) die gesamte italienische politische Kultur des XX. Jahrhunderts am stärksten beeinflusst haben (Croce während der ersten Hälfte, und Bobbio während der zweiten). Eine Zusammenfassung der Bedeutung des teilweisen Antiliberalismus dieser Autoren, die in anderer Hinsicht überzeugte Liberalisten waren, würde den vorliegenden Rahmen sprengen. Eine Vorstellung davon kann man sich jedoch vielleicht machen, wenn man ihre Unfähigkeit bedenkt, sich eine – wie man heute sagen würde - normative politisch-philosophische Vision des Liberalismus anzueignen. Von diesem Standpunkt aus reduziert Croces absoluter Historismus die politische Entscheidung auf die Praxis und verneint im Wesentlichen die Rolle der ethisch-politischen Theorie von innen her, indem er sie mit einer existentiellen und politischen Entscheidung im engeren Sinn übereinstimmen lässt. Bobbio bringt hingegen zu Recht aus seiner eklektischen philosophischen Grundeinstellung heraus in die politische Kultur Italiens das Thema der Rechte ein, tut es jedoch in einem reduktiven rechtspositivistischen Sinn. Auch in Italien fehlt es nicht an Ausnahmen, und der Vollständigkeit halber sollen hervorragende Persönlichkeiten unter den Sozialforschern nicht unerwähnt bleiben, die sich gewissermaßen auf John Stuart Mill und den Positivismus beriefen, wie Salvemini und Cattaneo. Doch auch in diesem Fall handelt es sich um Ausnahmen, die am Gesamtbild eines grundlegend illiberalen, spiritualistischen und unwissenschaftlichen politisch-kulturellen und philosophischen Klimas nichts ändern, das zudem häufig durch die im Lande des Sitzes des Petersthrons stets bedeutende katholische Weltanschauung bestärkt wird.

Ebenfalls als ruhmreiche Ausnahme kann grundsätzlich auch das übrigens intellektuell und moralisch durchaus ehrenwerte Gedankengut des Liberalsozialismus und des Sozialliberalismus gelten. Derartige Ideen und die entsprechenden Persönlichkeiten kamen im Schatten der faschistischen Diktatur auf und haben einen geringeren Einfluss auf die politische Kultur Italiens ausgeübt, als sie verdient hätten. Der Grund dafür liegt sicherlich, wie es mehrmals hervorgehoben wurde, in ihrem tendenziellen Elitismus sowie in der Befeindung durch die nach der Nachkriegszeit im italienischen Intellektuellenmilieu sehr stark vertretene, sowjetfreundliche, kommunistische Partei. Ein weiterer Hauptgrund besteht meines Erachtens in der grundlegenden Fremdheit dieser Tradition im Verhältnis zu der in der italienischen Kultur vorherrschenden Eigenheit.

Ähnlich ausgegrenzt wurde eine intellektuell gleichermaßen bedeutende Tendenz, den Liberalismus sozusagen von rechts einzuführen, und zwar in der in Italien als „liberismo“ (= wirtschaftlicher Liberalismus) bezeichneten Optik. Dieser Versuch war häufig von einer rückblickenden Polemik begleitet, die in den letzten Jahren oft vom Tagesblatt „Corriere della sera” aufrechterhalten wurde. Ziel der Polemik war und ist zuweilen heute noch der „Salon“ der italienischen Kultur im Zeitabschnitt von 1950 bis 1985, der die Verlagshäuser Feltrinelli, Einaudi, Laterza, il Saggiatore usw., das Feuilleton der wichtigsten Tageszeitungen, bedeutende Gymnasiallehrer und Professoren sowie Kulturzeitschriften umfasste und die italienische liberale Kultur systematisch in den Schatten gestellt haben soll. Eine gewisse Wahrheit steckt in dieser Polemik zweifelsohne.

Auch der Verfasser stieß nach Mitte der Siebzigerjahre oft beim Versuch, hochkarätige Autoren wie Popper und Koestler veröffentlichen zu lassen, bei bedeutenden Verlagen auf hartnäckigen Widerstand. Es bleibe jedoch dahingestellt, dass sich hinter diesem abweisenden Verhalten hegemonische Machenschaften im Sinne Gramscis verbargen.

Eine gewisse objektive kulturelle Bedeutung errangen Vorgänge, von denen der Verfasser wegen seiner persönlichen Verwicklung nicht ganz neutral berichten kann. Einen großen Einfluss übten Autoren wie die Amerikaner John Rawls (die Übersetzung dessen Meisterwerks A Theory of Justice stammt von Verfasser) und Ronald Dworkin aus (mit dem zusammen der Verfasser bei Laterza Fondamenti del liberalism veröffentlicht hat). Solche Autoren, ihre Werke und ihre sozialdemokratische und liberale kulturpolitische Botschaft übten einen erheblichen Einfluss aus und fanden auch in den schon erwähnten Salon der italienischen Kultur Eingang. Die entsprechenden Folgen im Sinne von Veröffentlichungen, Zeitungsartikeln und akademischen Arbeiten waren beachtlich. Der Verfasser konnte allein schon Hunderte von im Gefolge von Rawls entstandenen Büchern und Artikeln erscheinen lassen. Die akademische Disziplin „politische Philosophie“, die Kulturspalten der Zeitungen und der Inhalt der italienischen Essayliteratur erfuhren insgesamt einen Wandel in diesem Sinne, angefangen von den wissenschaftlichen Zeitschriften (darunter die von mir gegründete „Filosofia e questioni pubbliche”). Im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass die entsprechenden Auswirkungen lediglich ein hohes und anspruchsvolles Niveau der italienischen politischen Kultur betreffen. Der harte Kern der italienischen politischen Kultur, dem man auf der Straße und im Parlament begegnet, wurde von diesen Entwicklungen kaum gestreift, als ob der Wandel nur den Kopf des politischen Italiens leicht verändert hätte und kaum den Bauch. Im Großen und Ganzen hat sich an der allgemeinen, durch politiktheoretische Schwierigkeiten mit der liberalen Demokratie gekennzeichneten Lage kaum etwas geändert.

Sebastiano Maffettone

Weiterführende Literatur

  • Croce, Benedetto: La Filosofia della Pratica, Laterza 1950.
  • Bobbio, Norberto: Politica e Cultura, Einaudi 2005.
  • Maffettone, Sebastiano: Valori comuni, Il Saggiatore 1990.
  • Coletti, L.: Intervista sul Marxismo, Laterza 1974.
  • Gramsci, A.: Governi dal Carcere, Einaudi 1947.