Religion und Religiosität

Der Katholizismus durchdringt die italienische Geschichte, Kultur und Kunst tief und ist immer noch die am weitesten verbreitete Religion des Landes: 85-90% der Bevölkerung sind getauft, auch wenn nur 20% davon „regelmäßige Kirchenbesucher” sind. Der Unterschied zwischen dem Anteil der Getauften und der Kirchenbesucher ist ein deutliches Anzeichen für die Folgen des Säkularisierungsprozesses, der bisher anscheinend die Zahl der Agnostiker steigen ließ und viel weniger die der erklärten und militanten Atheisten. Die Präsenz anderer christlicher Konfessionen (Protestanten, Orthodoxen) und Religionen (die Juden waren schon im II. Jahrhundert v. C. nach Rom gekommen) ist dagegen stets gering gewesen. Durch die beachtlichen Zuwanderungswellen der letzten Jahre hat sich dieses Gleichgewicht wesentlich verändert: die Muslime werden heute auf ungefähr eine Million geschätzt, wovon nur 3% italienische Staatsbürger sind.

Verfassungsmäßige Grundlagen

In der italienischen Tradition ist die „öffentliche“ Rolle der Religion weitgehend anerkannt. Zwei der ersten zwölf Artikel der italienischen Verfassung sind ausdrücklich der Beziehung zwischen Staat und Religion gewidmet (Art. 7 der katholischen Kirche und Art. 8 den nichtkatholischen Kirchen). Art. 3 bestätigt darüber hinaus den Grundsatz der Ebenbürtigkeit aller Bürger und deren Gleichheit vor dem Gesetz ohne Unterscheidung aufgrund der Religion und Art. 19 das Recht aller, „ihrem religiösen Glauben frei nachzugehen” und ihn zu verbreiten, während Art. 20 ausschließt, dass „der religiöse oder kultische Zweck eines Vereins oder einer Körperschaft” ein Grund für „besondere gesetzgeberische Einschränkungen“ sein darf.

Unter diesen Voraussetzungen wird der Laizismus des Staates nicht nach dem französischen Muster als Neutralisierung des öffentlichen Bereichs verstanden, womit die Belanglosigkeit des Glaubens außerhalb der rein privaten Dimension auch im ethisch-symbolischen Sinne unterstellt wird, und zwar in Bezug sowohl auf das Gesellschaftssystem als auch auf die politisch-institutionelle Ordnung. Das italienische Modell beschreibt ein berühmtes Urteil des Verfassungsgerichtshofs von 1989, das nicht Gleichgültigkeit oder gar der Staatsfeindlichkeit gegenüber den Religionen als Lösungsweg anzeigt, sondern ihre Rolle als Garant dieses grundlegenden Ausdrucks der Freiheit in einem pluralistischen Kontext betont, „im Dienst konkreter Bedürfnisse des bürgerlichen und religiösen Gewissens der Bürger”.

Fragen der Finanzierung

In dieser Vorgabe ist unter anderem die Verteilung eines Anteils von 8 Promille des Direktsteueraufkommens zwischen dem italienischen Staat und den verschiedenen Konfessionen aufzufassen, die diesbezüglich (im Konkordat von 1984) mit dem Staat entsprechende Vereinbarungen geschlossen haben. Die dem Konkordat beigetretenen Kirchen und Konfessionen erhalten die betreffenden Summen je nach den von den Steuerzahlern angegebenen Bestimmungen. Der Großteil dieser Finanzierung geht aufgrund der Asymmetrie zwischen der Rolle des Katholizismus und der anderer Konfessionen an die katholische Kirche. Das rechtfertigt jedoch nicht die Behauptung, dass die Frage der „Religion in Italien“ mit der der Beziehungen zwischen Staat und Kirche übereinstimmt. Eine solche Vereinfachung wird durch die anhaltende Entwicklung zu einer multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft hin widerlegt.

Integration der islamischen Gemeinschaften

Es ergibt sich somit die Notwendigkeit, die Voraussetzungen und Formen der Präsenz der Religion im öffentlichen Bereich zu überdenken. In den letzten Jahren wurden, nicht ohne Schwierigkeiten, zahlreiche Versuche unternommen, eine Integration der islamischen Gemeinschaften zu begünstigen und ihre Übereinstimmung mit den Grundsätzen des 2005 gegründeten Beirats für den italienischen Islam zu überprüfen, sowie mit Urkunden wie das Manifest des italienischen Islam, die Charta der Werte der Bürgerschaft und der Integration, die Absichtserklärung für eine Vereinigung des italienischen Islam (eine unentbehrliche Bedingung für den Zugang zu den Zuschüssen der 8 Promille).

Veränderungen im Gefüge der katholischen Kirche und ihrer Institutionen

Dabei handelt es sich um einen Prozess, der auf den verschiedenen Ebenen auch die katholische Kirche einbezieht, und die in der Zivilgesellschaft immer noch einer der Hauptakteure ist. Die katholische Hierarchie und ihre Bischöfe haben sich in den vergangen Jahren immer entschlossener als direkte Gesprächspartner der Politik für den Schutz besonderer Werte – typischerweise insbesondere im Zusammenhang mit der Achtung des Lebens, der Familie und der Erziehung – eingesetzt, die einen „nicht verhandelbaren“ Bestand der Kirchenlehre darstellen und heute den Auswirkungen des Pluralismus noch unmittelbarer ausgesetzt sind. Die verschiedenen Formen des Vereinswesens und des „organisierten“ Laientums sind dabei, ihre Positionen angesichts des zunehmenden Unterschieds zwischen den Inhalten der Soziallehre der Kirche und den Kräftelinien neu zu bestimmen, entlang derer sich die konkrete Konfrontation von Interessen und Lebensstilen der Personen abspielt.

Das Bedürfnis nach religiöser Orientierung

Beinahe ein halbes Jahrhundert lang hat die Christlich-demokratische Partei die Rolle der politischen Vermittlung zwischen den christlichen Grundsätzen einerseits und den Formen des öffentlichen Lebens sowie den gesetzgeberischen Entscheidungen andererseits gespielt. Heute erfordert eine solche Vermittlung anspruchsvollere begriffliche Mittel, weil sich nicht mehr geschlossene Weltanschauungen gegenüberstehen, sondern neue Ausdrucksweisen der Subjektivität, Marktversagen, Macht der Technik. Folglich ändert sich auch die Bedeutung der Glaubenserfahrung für den Einzelnen. Dieser neuen Brüchigkeit entspricht ein stärkeres Bedürfnis nach symbolisch-kultureller Zugehörigkeit, zu dessen Befriedigung die Religion mit ihren Traditionen, ihren Riten und der Bekanntheit ihrer Orte einen Beitrag leisten kann. Geschieht das jedoch, indem die eigentliche geistige, transzendente und folglich universale Dimension außer Acht gelassen wird, ist jedoch die Gefahr gegeben, dass das Zurückfinden zur Religion rein zweckdienlich im Sinne einer Strategie der Identitätssicherung und daher des Konflikts und der Aussonderung erfolgt.

Stefano Semplici

Weiterführende Literatur

  • Garelli, Franco: La Chiesa in Italia, Il Mulino, Bologna 2007.
  • Miccoli, Giovanni: Fra mito della cristianità e secolarizzazione: studi sul rapporto chiesa-società nell’età contemporanea, Marietti, Casale Monferrato 1985.
  • Pacini, Andrea (ed.): Chiesa e Islam in Italia: esperienze e prospettive di dialogo, Paoline, Mailand 2008.
  • Traniello, Francesco: Religione cattolica e stato nazionale: dal Risorgimento al secondo dopoguerra, Il Mulino, Bologna 2007.