Staat und Kirche

Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche in Italien kennzeichnet sich durch zwei Besonderheiten. Erstens teilen sich Staat und Kirche dieselbe „Hauptstadt”: dem Einigungsprozess Italiens im 19. Jahrhundert fiel die weltliche Macht des Papsttums zum Opfer, doch Rom blieb der geistliche und administrative Mittelpunkt des Katholizismus. Der Anschluss des Kirchenstaats an den italienischen Staat verursachte einen traumatischen Bruch, demzufolge den Katholiken die Beteiligung am politischen Leben untersagt wurde (non expedit). Die sogenannte „römische Frage” wurde erst durch die Lateranverträge 1929 überwunden. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden diese Verträge in den Artikel 7 der Verfassung eingearbeitet und bildeten folglich einen der Grundsätze der neuen republikanischen Ordnung.

Trotz der bestehenden Spannungen muss man einräumen, dass das Land mit der katholischen Kirche durch ein besonderes Band verbunden ist. Ihre Anwesenheit und Lehre wird zuweilen – auch mit offenkundiger polemischer Absicht – als ungebührende Einmischung in die „internen Angelegenheiten“ eines hoheitlichen Staats hingestellt und nicht so sehr als Ausdruck einer in der Gesellschaft tief verwurzelten Glaubenserfahrung. Dabei handelt es sich offensichtlich um ein Unikum, doch dieser Tatbestand bildet lediglich den Rahmen einer komplexeren Dynamik, die mit einem zweiten Faktor verbunden ist: die in Bezug auf die religiöse Zugehörigkeit für Italien charakteristische monokulturelle Tradition.

Katholischer Monokulturalismus

Der Artikel 4 des deutschen Grundgesetzes beschränkt sich auf die Anerkennung der Unverletzlichkeit der Glaubens-, Konfessions- und Ausübungsfreiheit. Die Asymmetrie zwischen den Artikeln 7 und 8 der italienischen Verfassung verweist hingegen auf ein anderes und schwierigeres historisches Erbe. In dem Versuch, zwischen der in religiöser Hinsicht beinahe hegemonialen Rolle des Katholizismus und dem Gleichheitsprinzip aller Glaubensoptionen zu vermitteln, wird der Beziehung des Staates zum Katholizismus wird ein besonderer Vorrang eingeräumt.

Der 1929 abgeschlossene Vertrag erkannte den Inhalt des ersten Artikels des Albertinischen Statuts von 1848 an, das die katholische Religion als „einzige Staatsreligion“ bezeichnete. Als der Verfassungsgeber 1948 bei der Abfassung des Artikels 8 den Status der „von der katholischen Religion verschiedenen Religionen“ zu regeln hatte, wählte er eine ambivalente Formulierung, die „gleiche Freiheit“ anerkannte, aber auf die verbindlichere Form ihrer reinen und einfachen Gleichheit verzichtete.

Das Problem war damit freilich nicht gelöst und und wurde bei der Revision des Konkordats erneut angegangen. Im Zusatzprotokoll zur Übereinkunft des Jahres 1984 wurde der Grundsatz von 1929 endgültig überwunden, ohne jedoch die besondere Beziehung zwischen Staat und Kirche zu verändern. Gerechtfertigt wurde sie im Verweis auf den bestehenden Kreislauf zwischen Erfahrung bzw. Lehrinhalt des Katholizismus und den in der italienischen Gesellschaft verbreiteten Werten, die letztendlich auch die Grundlage der Grundsätze der Verfassung bilden. Die Dynamik dieses Kreislaufs illustriert beispielsweise die Erklärung zur Entscheidung, den katholischen Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen beizubehalten, wenngleich nicht als Pflichtfach,. Die italienische Republik werde diesen Unterricht weiterhin erteilen, indem sie „den Wert der religiösen Kultur anerkennt und der Tatsache Rechnung trägt, dass die Grundsätze des Katholizismus ein Teil des geschichtlichen Erbes des italienischen Volkes sind”.

Zu diesem Erbe gehören Werte, aber auch Orte und Denkmäler, Feste (auf dem Kalender bilden die Zivilfeierlichkeiten eine Ausnahme) und Symbole. In diesem Sinne hat ein Landesamtsgericht 2005 die Rechtmäßigkeit der Anwesenheit eines Kruzifixes in Schulräumen bestätigt. Es würde eine „offensichtliche Verwandtschaft“ zwischen den – auf Barmherzigkeit ausgerichteten - Prinzipien des Christentums und denen der republikanischen Verfassung bestehen, und zwar im Sinne „der solidarischen Würdigung der Freiheit aller und folglich der rechtlichen Gewähr der Achtung der anderen“.

Grenzen und Herausforderungen

Damit sind die Eckpunkte der heutigen Beziehung zwischen Staat und Kirche in Italien umrissen. Umstritten sind darüber hinaus auch die „christlichen Wurzeln“ Europas. In einer vom damaligen Kardinal Ratzinger unterzeichneten Note der Kongregation für die Glaubenslehre aus dem Jahre 2002 wurde der Begriff Laizismus dahingehend erklärt, dass der zivile und politische Bereich vom religiösen und kirchlichen unabhängig sei, „jedoch nicht vom moralischen”. Hier wurde der Versuch unternommen, die Auswirkungen der Säkularisierung einzuschränken, indem die Kontinuität zwischen den die Glaubenserfahrung ausmachenden Grundsätzen und den Prinzipien, die für die Gewährleistung der Gerechtigkeit der politischen Gemeinschaft unentbehrlich sind, besonders gewürdigt wurde. Diesen Kontinuitäten wird durch die fortschreitende Pluralisierung besonders zugesetzt und die gemeinsame Grundlage für geteilte Entwürfe und Lebensstile folglich ausgedünnt.

In einer Gesellschaft, die nicht mehr unkritisch den Mustern anhängt, die die Kirche als „naturgegeben” vorgibt, ist der oben beschriebene Kreislauf gestört und bietet Anlass zu Konflikten. Die Auseinandersetzung verschärft sich insbesondere, wenn es um Rechtsinhalte und die Frage geht, was nach demokratischen Verfahren für alle verboten, Pflicht oder erlaubt sein soll. Ein Urteil des Verfassungsgerichtshofs aus dem Jahre 2000 hat bestimmt, dass der Laizismus des Staates auf dessen „Äquidistanz und Unparteilichkeit“ zu allen Glaubensformen beruhe, unabhängig vom Ausmaß der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion.

Stefano Semplici

Weiterführende Literatur

  • Jemolom, Arturo Carlo: Chiesa e Stato in Italia negli ultimi cento anni, Einaudi, Torino 1974.
  • Scoppola, Pietro (ed.): Chiesa e Stato nella storia d’Italia. Storia documentaria dall’Unità alla Repubblica, Laterza, Bari 1967.
  • Verucci, Guido: La Chiesa cattolica in Italia dall’Unità a oggi: 1861-1998, Laterza, Rom-Bari 1999.
  • Pertici, Roberto: Chiesa e Stato in Italia. Dalla Grande Guerra al nuovo Concordato (1914-1984), Il Mulino, Bologna 2009.