Wissenschaft und Forschung

Vom Normativen her teilt sich die Organisation der Universität in Italien seit der Einheit in zwei Zeitabschnitte. Das Gesetz vom 13. November 1859 gab die Grundlage dafür ab, bis 1923 der gesamte Sektor von Giovanni Gentile einer tiefgreifenden Reform unterzogen wurde.

Während der ersten Zeit des Königreichs Italien wurden einige bestehenden Universitäten in einen zusammenhängenden Rahmen eingebettet, wobei zu Recht wegen unzureichender Qualität auch einige kleinere Universitäten geschlossen wurden. Schon damals betraf die kulturelle und politische Diskussion über die italienische Universität die Qualität von Studium und Forschung. 1862 schlug beispielsweise der Unterrichtsminister Francesco De Sanctis vor, zur Ausbildung der Gymnasiallehrer an den Universitäten Hochschulen nach dem Vorbild der damals schon bestehenden Scuola normale superiore in Pisa einzurichten; solche Einrichtungen wurden dann aufgrund eines Erlasses vom Januar 1874 in Neapel Rom, Padua und Turin gegründet. Der Minister Matteucci hatte noch 1862 eine Unterteilung der Universitäten in zwei Kategorien mit unterschiedlicher Lehrerbesoldung eingeführt. Das erste Sondergesetz zur Regelung der Universitäten (Regolamento universitario), erging durch den Minister Emilio Broglio 1869; wenige Jahre später wurde der Verstaatlichung- bzw. Laisierungsprozess der Universitäten 1872 mit der Abschaffung der Theologiefakultät vervollständigt (die beiden katholischen Universitäten – Mailand und Sacro Cuore in Rom – wurden auch als Reaktion auf diese Maßnahme 1921 und 1924 gegründet).

Die von Gentile 1923 durchgesetzte Reform räumte die Möglichkeit der Gründung von „freien“ Universitäten ein, d.h. von eigenständigen, gesetzlich anerkannten und zur Vergabe von rechtsgültigen Titeln zugelassenen Einrichtungen, die den Gesetzesbestimmungen hinsichtlich Lehrprogrammen und Organisation unterliegen. Die ersten freien Universitäten entstanden in Perugia, Urbino, Camerino und Ferrara. Außerdem richtete Gentile die nationale Forschungsanstalt Consiglio nazionale delle ricerche ein. Das faschistische Regime versuchte, seine Kontrolle auch auf die Universitäten auszudehnen, indem es den Lehrern einen Treueid auferlegte. Die einzigen zwölf Professoren, die den Eid verweigerten, wurden entlassen. Wegen des Rassediskriminierungsgesetzes von 1938 verloren zahlreiche Dozenten jüdischer Abstammung ihren Platz und mussten das Land verlassen.

Die faschistische Schulordnung blieb in der Nachkriegszeit größtenteils bestehen. Die Verfassung gewährleistet Universitäten, Akademien und Hochschulen das Anrecht auf Selbstverwaltung (Art. 33). In den Sechzigerjahren kam es unter den Mittelinksregierungen zu einem Reformentwurf, der auch wegen der 68er Studentenunruhen erst 1969 verabschiedet wurde. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Reform war die Liberalisierung des Zugangs, der von Gentile auf die Gymnasiumsabgänger beschränkt worden war. 1989 wurde ein Universitätsministerium eingerichtet, das später wieder mit dem Unterrichtsministerium verschmolzen wurde. Die eigentliche Selbstverwaltung wurde erst in den Neunzigerjahren verwirklicht.

Bologna-Prozess und letzte Reformen

Ein wesentliches Moment des Wandels im italienischen Hochschulwesen bestand im Versuch, die Universitätsstrukturen des Landes nach den im Bologna-Prozess festgesetzten Richtlinien dem europäischen System anzupassen. Dabei handelt es sich um einen Harmonisierungsprozess des Hochschulwesens durch eine in Bologna 1998 von 29 Ländern unterzeichnete Vereinbarung mit dem Fernziel, einen gemeinsamen europäischen Raum für höhere Bildung mit erleichterter Mobilität und gegenseitiger Titelanerkennung zu schaffen.

Auch wenn Italien als eines der ersten Länder versuchte, sein Hochschulsystem den in Bologna festgelegten Bestimmungen anzugleichen, bestehen immer noch Probleme hinsichtlich der Anerkennung der Titel, ihrer Bezeichnung und des tatsächlichen Verständnisses der jeweiligen Studienstufen. Derzeit sind die Kurse dreistufig aufgebaut: Bakkalaureat, Magisterabschluss (mit Ausnahme der Fakultäten, in denen kein Bakkalaureat vorgesehen ist) und Doktorat. Auch wenn nach dem Geist der Reform und dem derzeit in vielen Staaten Europas geltenden System diesen Stufen unterschiedliche Berufsprofile und Anwartschaften entsprechen sollen, gilt das in Italien lediglich für das Doktoratsstudium, das nur von künftigen Hochschulanwärtern unternommen wird. Dasselbe gilt aber nicht für die beiden anderen Stufen, zumal der Anteil der Studenten, die nach der ersten Stufe in die Arbeitswelt treten, noch sehr gering ist.

Die Angleichung an den Bologna-Prozess war auch der Anlass zur erstmaligen Verwirklichung einer echten Selbstverwaltung der Hochschulen. Das Gesetz von 1997 räumt den Universitäten eine tatsächliche Unabhängigkeit in der Gestaltung der Lehrpläne ein, und zwar von der Bezeichnung über die Lehrziele hinweg bis zu den Abschlüssen. Zentral werden nur noch einige grundlegende Kriterien zur Gestaltung der Kurse, der Fächer und der Parameter zur Rechtsgültigkeit der Abschlüsse festgelegt. Derzeit wird über eine weitere Hochschulreform diskutiert: zur Debatte stehen einige Bestimmungen zum rechtlichen Status der Lehrkräfte und eine teilweise Einschränkung der Eigenständigkeit der Universitäten. Die wichtigsten Gesetzesbestimmungen zum Hochschulwesen sind im Sondergesetz von 2001 zusammengefasst. Entsprechende „Richtlinien” wurden von der gerade amtierenden Regierung im November 2008 vorgelegt.

Die laufende Debatte

Einige der wichtigsten Punkte der von der jetzigen Regierung hinsichtlich der Reform zur Debatte gestellten Themen betreffen die Kriterien zur Einstellung der Lehrkräfte und zur Bewertung der wissenschaftlichen Aktivität. Die bestehende Ordnung sieht für die Einstellung eine vergleichende Bewertung der wissenschaftlichen Titel vor, doch die entsprechenden Kriterien sind der Prüfungskommission anheim gestellt. Verschiedene Vorschläge – Zitatverzeichnisse, internationale Gutachterkommission – sind bisher ergangen, doch bisher wurde nicht beschlossen, welche Lösung in den Gesetzestext Eingang finden werde.

Einige Zahlen

Die zuverlässigsten statistischen Angaben zum italienischen Hochschulwesen sind dem OECD-Bericht mit dem Titel “Education at a Glance” und der vom Unterrichtsministerium herausgegebenen Publikation “Università in cifre” zu entnehmen. Vor allem im OECD-Bericht (hier wird insbesondere auf die Ausgaben von 2008 und 2007 Bezug genommen) finden sich die wichtigsten Elemente zur Bewertung des italienischen Hochschulwesens. Kurz und bündig handelt es sich dabei um folgende Fragenkreise und Hauptfaktoren:

  • Der Anteil an vorzeitigen Abgängen und Langzeitstudenten übersteigt noch den europäischen Durchschnittswert: nur 49% der Studenten absolvieren ihr Studium rechtzeitig gegenüber 69% des Europa-Durchschnitts. 20% geben vorzeitig auf.
  • Internationalisierung: nur 2% der im Ausland Studierenden kommen nach Italien.
  • Öffentliches Budget für das Hochschulwesen: in Italien ist der Aufwand um ein Viertel geringer als der Europa-Durchschnitt – 8.206 US$/Student/Jahr gegenüber 11.512 $; der entsprechende Zuwachs steht hinter dem Zuwachs des BIP zurück und beträgt 0,75% des BIP. Unbedeutend ist auch der Beitrag der Freien, auch wenn diesbezüglich der im Jahre 2005 verzeichnet Zuwachs 31% betrug.
  • Hohes Alter der Lehrkräfte: 55% der ordentlichen Dozenten sind über 50 Jahre alt.
  • Geringe interne Mobilität: nur 21% der Studenten studieren außerhalb ihres Heimatorts.
Auch der Anteil an der Finanzierung der italienischen Universitäten aus internationalen Mitteln und die Anzahl der Dozenten aus dem Ausland sind sehr gering, und das ist ein Anzeichen einer geringen Internationalisierung.

Weiterführende Literatur

  • Conferenza dei Rettori delle Università italiane (CRUI): Il presente comincia dal futuro. Relazione sullo Stato delle Università Italiane, Rom 2006.
  • Giglioli, P.: Baroni e burocrati. Il ceto accademico italiano, Bologna 1979.
  • Miozzi, U. M.: Lo sviluppo storico dell'università italiana, Florenz 1993.
  • Stefani, Emanuela: Qualità per l’università, Mailand 2006.