Antisemitismus

Der Begriff Antisemitismus wird in der Regel zur Bezeichnung sämtlicher historischer Manifestationen von Judenfeindschaft verwendet. Erfunden aber haben ihn um 1880 deutsche Judenfeinde gerade zur Distanzierung von allen älteren und zeitgenössischen anderen Formen. Über ähnliche oder sich anverwandelnde ideologisch-politische Strömungen ist er bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs in vielen Teilen Europas aufgenommen worden. Schon damals wurde der Begriff wegen seiner Fixierung auf die Juden, keineswegs auf Semiten im allgemeinen, auch auf anders motivierte und bezweckte Arten von Judenfeindschaft bezogen. Im Zeichen krisenhafter Modernisierungserfahrungen, nationalistischer Frustrationen und mannigfacher Integrationsprobleme im neuen deutschen Nationalstaat, im Zeichen auch zunehmenden Bedeutungsverlusts traditionaler Religiosität forderten die Antisemiten, alsbald in neuartigen Verbänden organisiert und einige Zeit mit besonderen Parteien regional erfolgreich, wenigstens die Rücknahme der bürgerlichen Emanzipation der Juden (1869 im Norddeutschen Bund, 1871 im Deutschen Reich), immer häufiger aber auch völlige Entrechtung und Austreibung. Die von ihnen propagierte Konfrontation von Deutschtum und Judentum wurzelte im nationalistischen Antijudaismus des frühen 19. Jahrhundert und insbesondere in jener Strömung, welche die Nation als volkliche Abstammungsgemeinschaft, Religion als Funktion unveränderlicher Nationalität, die Juden als verstreutes Volk vorgestellt und so jede Idee ihrer Gleichstellung im Zuge kultureller Anpassung oder nach Konversionen rigoros abgewiesen hatte.

Diese Konfrontation wurde im Antisemitismus nun rassistisch begründet und dadurch sowie durch die Einordnung von Judenfeindschaft in ein universelles biologistisch-sozialdarwinistisches Weltbild zu einer existentiellen Dichotomie radikalisiert: Die Juden galten als entscheidende Verursacher angeblich nationsfremder Modernisierung in Politik, Gesellschaft und Kultur, als Nutznießer damit einhergehender krisenhafter Umbrüche, als biologische und geistige Gefährdung der deutschen wie jeder anderen Nation, ihre Emanzipation als Dammbruch nationaler Selbstbehauptung und ihre Assimilation als schiere Täuschung. Antisemitismus wurde Anstoß und Kernstück in der Entwicklung sogenannter „völkischer Weltanschauung“ und „Bewegung“ seit den 1890er Jahren. In diesem Rahmen ging Antisemitismus wegen der jüdischen Herkunft des Christentums regelmäßig einher entweder mit radikal christentumsfeindlichen Orientierungen oder zumindest mit dem Verlangen nach artgemäßer Säuberung deutscher Christlichkeit. Letzteres hat mancherlei Anklang und Beförderung in evangelischen Kreisen gefunden und den Anfangserfolg der „Deutschen Christen“ 1933 mitbegründet. In der Zentrumspartei sowie im deutschen Katholizismus überhaupt begegnete man zwar judenfeindlichen Haltungen, aber höchst selten Antisemitismus. Die Partei folgte bis zu ihrer Auflösung 1933 dem 1880 von Ludwig Windthorst u. a. durchgesetzten ablehnenden Kurs, bestätigt darin durch den massiven „völkischen“ Antikatholizismus. Indessen bedeutete (und bedeutet) jede Art von Judenfeindschaft eine Begünstigung des Antisemitismus, insofern auch sie judenfeindliche Stereotypen verbreitete und so den Antisemitismus weniger gefährlich und abnormal erscheinen ließ. In Teilen der sozialen Eliten und der Mittelschichten schärften die „völkische“ Agitation und Propaganda jene mentalen Grundmuster ein, in welchen dann die Ursachen der Weltkriegsniederlage und der Revolution von 1918 gedeutet und die Juden als Hauptschuldige denunziert worden sind, folglich Judenhass aufs Äußerste gesteigert wurde. Damit war ein Punkt erreicht, von dem her direkte Linien zur nationalsozialistischen Judenpolitik und zum millionenfachen Mord an jüdischen Deutschen und Europäern geführt haben.

Literatur

U. Tal: Christians and Jews in Germany (1975); H. Berding: Moderner Antisemitismus in Deutschland (1988); W. Altgeld: Protestantismus, Katholizismus, Judentum (1992); V. Karady: Gewalterfahrung und Utopie: Juden in der europäischen Moderne (1999).

Wolfgang Altgeld

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15. November 2019
Antisemitismus - Zum historischen Hintergrund der aktuellen Debatte