Bundeswehr

Mit der Gründung der Bundeswehr wurde 1955 eine Armee ins Leben gerufen, die sich in Struktur, Ausbildung und Selbstverständnis von ihren Vorgängern deutlich unterscheidet. Die Bundeswehr sollte eine Organisation von „Staatsbürgern in Uniform" werden, die Verantwortung für die demokratische Gesellschaft trägt. Die Gründung entsprach sowohl dem politischen Ziel der Westintegration als auch den Verstärkungsbestrebungen der NATO angesichts des Korea-Krieges. Nach dem Scheitern des von Konrad Adenauer verfolgten Plans einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erlangte die Bundesrepublik Deutschland die Aufnahme in die NATO (1955). Die seit 1950 mit den Vorbereitungen zur Aufstellung von Streitkräften betraute „Dienststelle Blank“ (Theodor Blank) ging in das Bundesministerium der Verteidigung über. Unter dem Oberbefehl der NATO unterlagen die territoriale Verteidigung und die Wehrverwaltung bei einer Höchststärke von 500.000 Mann deutscher Verantwortung. Als prägend erwiesen sich das Wehrpflichtgesetz (1956) und das Konzept der Inneren Führung, zu dem im weiteren Sinn auch die 1973 gegründeten Bundeswehr-Hochschulen und die Kontrolle durch den Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages gehören. Die Bedeutung der Bundeswehr für die Sicherheit Deutschlands im Rahmen der NATO war seit ihrer Einführung unter den Volksparteien weitgehend unumstritten. Nach der Wiedervereinigung übernahm die Bundeswehr 90.000 Soldaten der aufgelösten Nationalen Volksarmee. Gemäß dem Zwei-plus-Vier-Vertrag wurde die Gesamtpersonalstärke auf 370.000 reduziert. Seit 2000 ist auch Frauen der uneingeschränkte Zugang zu den Streitkräften möglich. Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes veränderten sich die Anforderungen an die deutsche Sicherheitspolitik. Nahm Deutschland am 2. Golfkrieg 1990/91 mit logistischer Unterstützung und einem Minenabwehrverband nur mittelbar teil, ermöglichten Urteile des Bundesverfassungsgerichts Einsätze der Bundeswehr im Rahmen kollektiver Sicherheitsbündnisse. In den 1990er Jahren beteiligte sich die Bundeswehr mit Sanitäts-, Lufttransport- und Logistikkomponenten an fünf UN-Missionen und den NATO-Aktionen auf dem Balkan und in der Adria. Nach Beendigung des innenpolitisch kontrovers diskutierten ersten Kampfeinsatzes deutscher Soldaten im Zuge der NATO-Luftoperation „Allied Force“ gegen Jugoslawien beteiligt sich die Bundeswehr seit Juni 1999 an der KFOR-Mission zur Absicherung der Friedensregelungen für das Kosovo. Sinkende Verteidigungsausgaben bei einer steigenden Beanspruchung durch Einsätze und humanitäre Hilfsmissionen führten Ende der 1990er Jahre zur Unterfinanzierung und zu Defiziten in Ausrüstung und Ausbildung. Richtung und Ausmaß der notwendigen Reformen sind jedoch auch nach den Vorschlägen einer Wehrstrukturkommission politisch umstritten. Erst unter dem Eindruck der Folgen der internationalen Finanzkrise und der immer schwieriger werdenden Situation in Afghanistan wurde ab 2010 eine grundlegende Reform der Bundeswehr in Angriff genommen.

Literatur

  • R. Zoll u. a. (Hg.): Bundeswehr und Gesellschaft (1977);
  • Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hg.): Anfänge westdeutscher Sicherheitspolitik, 4 Bde. (1982–1997);
  • N. Philippi: Bundeswehr-Auslandseinsätze als außen- und sicherheitspolitisches Problem des geeinten Deutschland (1997);
  • Bundesministerium der Verteidigung (Hg.): Bestandsaufnahme. Die Bundeswehr an der Schwelle zum 21. Jahrhundert (1999);
  • K. Naumann: Was ist von der Reform der Bundeswehr zu erwarten? (2011).
Karl-Heinz Kamp