Christlich-soziale Kollegenschaft

Bald nach Gründung der Einheitsgewerkschaft wuchs das Unbehagen der christlichen Gewerkschafter an der als einseitig empfundenen Publikationstätigkeit und parteipolitischen Orientierung des DGB (1951 Streikdrohung zur Durchsetzung der Mitbestimmung, 1953 Aufruf „Wählt einen besseren Bundestag“). Programmatisch und personell sahen sie sich in eine Minderheitenposition gedrängt, so dass sie schließlich vor der Frage standen, ob christliche Meinungsbildung weiterhin im DGB oder in neuzugründenden christlichen Gewerkschaften zu betreiben sei. Diese Frage wurde im christlich-sozialen Lager kontrovers diskutiert: Die christlich-sozialen Vertreter im DGB lehnten eine Abspaltung wie auch Versuche parteipolitischer Einflussnahme auf DGB-Positionen – etwa durch die sich als Mittler zwischen Union und Gewerkschaften verstehenden Sozialausschüsse der CDA – ab und organisierten sich ohne kirchliche oder parteipolitische Bindungen seit 1952 in den DGB-Gewerkschaften als lockerer Zusammenschluss unter dem Namen „Christlich-soziale Kollegenschaft im DGB“. Unterstützung erhielten sie dabei durch den Nestor der katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Breuning SJ. In ihrem Selbstverständnis fühlt sich die Kollegenschaft dem christlich-sozialen Ordnungsdenken verbunden, wobei sie ausschließlich für gesellschaftspolitische Zielsetzungen eintritt. Sie bekennt sich zum Vorrang des Einzelnen als Person und zum Privateigentum auch an den Produktionsmitteln. Als Führungs- und Grundsatzorgan dienten seit 1954 die „Gesellschaftspolitischen Kommentare“, als Informationsblatt seit 1957 „Solidarität und Freiheit“. Obwohl der Einfluss der Kollegenschaft im DGB kaum messbar ist, könnte sie – langfristig gesehen – eine mäßigende Wirkung auf den Kurs der Gewerkschaften gehabt haben.

Literatur

Christlich-soziale Kollegenschaft im DGB und in den DGB-Gewerkschaften. Werden – Selbstverständnis – Wollen. Schriftenreihe der Gesellschaftspolitischen Kommentare 1 (1960); H. Küsters/R. Uertz (Hg.): Christlich-Soziale im DGB. Historische und aktuelle Fragen (2010).

Günter Buchstab