Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB)

Der DGB wurde 1949 in München als Dachverband von 16 unabhängigen Einzelgewerkschaften gegründet. Als Einheitsgewerkschaft überwand er die Richtungsgewerkschaften (u. a. die freiheitlich-sozialistischen, christlichen Gewerkschaften; Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften Deutschlands), wie sie bis 1933 bestanden. Die Mitgliederverbände waren nach dem Industrieverbandsprinzip organisiert und standen Arbeitern, Angestellten und Beamten gleichermaßen offen. Dieses Prinzip beseitigte im DGB im wesentlichen die Konkurrenz um Mitglieder in den Betrieben und Verwaltungen. Zwischen dem Bund und den ihn finanzierenden Einzelgewerkschaften besteht eine Arbeitsteilung; der DGB ist für die Gesellschafts- und Sozialpolitik zuständig, während die Einzelverbände für die Tarifpolitik und die Betreuung der Betriebs- und Personalräte verantwortlich sind. Mitgliederzahl und Organisationsgrad schwankten zwischen 5,5 Millionen 1949 und 6,3 Millionen 2009. Seine Stellung als wichtigster Interessenverband der Arbeitnehmer bleibt stabil.

Das Grundgesetz konstituierte die Bundesrepublik als demokratischen und sozialen Rechtsstaat, der DGB identifizierte sich mit der parlamentarischen Demokratie. 1949 forderte der DGB die Neuordnung der Wirtschaft, Überführung von Schlüsselindustrien in Gemeineigentum und Mitbestimmung der Arbeitnehmer in der Wirtschaft. Hans Böckler, erster Vorsitzender des DGB, begründete 1949 die Forderung nach Demokratisierung der Wirtschaft u. a. mit Verweis auf die päpstliche Enzyklika „Quadragesimo anno“ (1931). Diese beinhaltet Vorstellungen zur Neuordnung von Arbeit und Kapital, wie sie auch Repräsentanten der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) vertraten. Soziale Partnerschaft und Entproletarisierung der Arbeiterschaft waren Vorstellungen, die die CDA-Mitglieder zur Einheitsgewerkschaft führten, die gegenüber den Parteien auf Autonomie pochte und auch als politischer Verband agierte (z. B. beim Konflikt um die betriebliche Neuordnung 1950–1952). Der DGB konnte die paritätische Mitbestimmung im Kohlebergbau und in der Stahlindustrie durchsetzen, dieses Ziel aber beim Betriebsverfassungsgesetz nicht erreichen. Nach dieser Niederlage verlor der Bund gegenüber den Einzelgewerkschaften kontinuierlich an Bedeutung. Seit den 1950er Jahren dominiert die Tarifpolitik; diese und die damit verbundenen Streiks und Demonstrationen prägen das Bild der Gewerkschaften in der Öffentlichkeit. Der DGB beteiligte sich am Ausbau des Sozialstaates und forderte vom Staat industriepolitische Interventionen (z. B. für die heimische Steinkohle).

Politischen Einfluss gewinnen die Gewerkschaften auch über ihre Mitglieder unter den Parlamentariern (der Einfluss des DGB im Bundestagsausschuss für Arbeit und Sozialordnung ist offenkundig). Die Einheitsgewerkschaft stellt sich als parteipolitisch unabhängig nach ihrem Programm dar, will jedoch nicht politisch neutral sein. Die Mehrheit der Funktionäre gehört der SPD an, die CDA-Vertreter waren immer eine Minderheit, deren Einfluss im DGB stark abnahm. 1981 gab sich der DGB ein neues Grundsatzprogramm, in dem er die Forderung nach Wiedervereinigung aufgab; zugleich betonte er die freiheitlich-sozialistischen und christlich-sozialen Wurzeln der Einheitsgewerkschaft. Die Absicht, auf das Bekenntnis „zur weltanschaulichen, religiösen und politischen Toleranz“ im DGB-Programm zu verzichten, wurde nach heftigem Widerspruch der CDA fallengelassen. Im Prozess der deutschen Vereinigung 1990 übernahmen der DGB und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände gemeinsam Verantwortung im Rahmen der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion für den Arbeitsmarkt in der DDR. Durch Ausdehnung des DGB auf die neuen Länder stieg die Mitgliederzahl vorübergehend auf über 10 Millionen an.

Anfang der 1980er Jahre brachen die gemeinwirtschaftlichen Unternehmen des DGB zusammen (u. a. die „Neue Heimat“), was zu einer Finanzkrise, zugleich aber auch zu einer Reorganisation des DGB führte. Der wirtschaftliche Strukturwandel nötigte in den 1990er Jahren traditionsreiche Gewerkschaften wie Textil und Bekleidung, Holz und Kunststoff zur Fusion mit der IG Metall. Ein neues Organisationsprinzip bildete sich heraus: Die Multibranchengewerkschaft löste den Industrieverband ab. 2001 schlossen sich fünf Gewerkschaften zu einer Dienstleistungsgewerkschaft für die Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst und in der privaten Wirtschaft zusammen (ver.di). Heute hat der DGB nunmehr noch acht Mitgliedsgewerkschaften (IG Bauen-Agrar-Umwelt, IG Bergbau, Chemie, Energie, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, IG Metall, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, Gewerkschaft der Polizei, TRANSNET, ver.di - Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft).

Literatur

  • M. Wilke: Einheitsgewerkschaft zwischen Demokratie und antifaschistischem Bündnis. Forschungsbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung (1985);
  • M. Wilke/H.-P. Müller: Zwischen Solidarität und Eigennutz. Die Gewerkschaften des DGB im deutschen Vereinigungsprozeß. Forschungsbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung (1991); *W. Schroeder: Katholizismus und Einheitsgewerkschaft (1992);
  • M. Schneider: Kleine Geschichte der Gewerkschaften (2. Auflage 2000);
  • R. Uertz: Christlich-soziale Gewerkschafter im DGB (2009).
Manfred Wilke