Dritter Weg

Dritter Weg ist eine Bezeichnung für unterschiedliche Richtungen, die sich nicht auf einen Begriff bringen lassen. Gemeint sind damit vor allem (sozialistische) Konzeptionen, die einen wie immer verstandenen Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus befürworten. Das Spektrum reicht vom Revisionismus Bernsteinscher Prägung über den Austromarxismus und den Eurokommunismus bis zu reformkommunistischen Vorstellungen, die sich ihrerseits wieder in mannigfache Zweige gabeln. Ihre Repräsentanten setzen die Vereinbarkeit von Kernbestandteilen wie Sozialismus und Pluralismus voraus. Tatsächlich hat es einen solchen dritten Weg in der Praxis niemals gegeben. Viele Repräsentanten der politisch alternativen Gruppen verstanden sich in den 1980er Jahren auch als Verfechter eines dritten Weges. Zumal in Deutschland wurde der dritte Weg kulturkritisch mitunter als eine Absage an den östlichen Kollektivismus wie an den westlichen Individualismus begriffen. Verfechter eines vereinigten Deutschland unter neutralen Vorzeichen firmierten ebenfalls als Repräsentanten eines dritten Wegs. War nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Kommunismus die Debatte um den dritten Weg zunächst verstummt, so ist jüngst durch Überlegungen von Anthony Giddens, einem Vordenker britischer Reformpolitik Tony Blairs, wieder aufgeflammt. Er versteht den dritten Weg als modernisierte Variante der Sozialdemokratie, die sich von der alten Linken ebenso abhebt wie vom Neoliberalismus.

Auch wenn ordoliberale Wirtschaftswissenschaftler (u. a. Wilhelm Röpke) und manche Vertreter der katholischen Soziallehre die Soziale Marktwirtschaft zeitweilig als einen dritten Weg zwischen Planwirtschaft und Marktwirtschaft, zwischen Liberalismus und Sozialismus oder zwischen Individualismus und Kollektivismus angesehen haben, verwarfen die Verfechter der Christlichen Demokratie mehr und mehr diesen Begriff, weil er ihnen irreführend und vorbelastet erschien.

Literatur

A. Giddens: Der dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie (1999); D. Rochtus: Zwischen Realität und Utopie. Das Konzept des „dritten Weges“ in der DDR 1989/90 (1999); A. Gallus: Die Neutralisten – Verfechter eines vereinten Deutschland zwischen Ost und West 1945–1990 (2001); A. Gallus/E. Jesse: Was sind dritte Wege? Eine vergleichende Analyse, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 16/17 (2001).

Eckhard Jesse