Frieden

Mit Frieden wird ein zentraler politischer und zugleich theologischer Wertbegriff bezeichnet. Der Begriff ist manipulationsanfällig und wurde in der Geschichte oft von totalitären Ideologien propagandistisch missbraucht. Die Frage nach dem Wesen des Friedens bestimmt auch die Verfahrensweisen praktischer Friedenspolitik. In einer pluralistischen Gesellschaft ist es freilich nicht leicht, sich auf fundamentale Friedenswerte zu einigen: Welcher Frieden ist verteidigenswert? Diese Frage ist entscheidend auch für die Verteidigungsbereitschaft. Vom politischen Friedensbegriff (auf interpersonaler, sozialer, nationaler und internationaler Ebene) zu unterscheiden ist ein theologischer. Im Christentum wird das Reich Gottes als ein ewiges Friedensreich vorgestellt, das menschlicher Verfügung und politisch-ideologischer Vereinnahmung entzogen bleibt. Versuche, diesen eschatologischen Gedanken zu negieren, hat es in der Geschichte immer wieder gegeben. Mit der christlichen Tradition unvereinbar ist ein konsequenter Pazifismus, der sich auf die Bergpredigt beruft, mit der „keine Politik zu machen“ ist. Christlich-demokratisch orientierte Politik konzentriert sich auf eine Strategie der Gewaltminimierung und auf die Realisierung positiver Friedenswerte. Frieden ist mehr als das Fehlen von Krieg, Friedenspolitik mehr als Rüstungskontrolle. Augustinus definierte den Frieden als „Ruhe (in) der Ordnung“, was nicht mit statischer Zwangsordnung gleichzusetzen ist. Frieden ist vielmehr eine dynamische Ordnung des Gemeinwohls, die auf Wahrheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit ausgerichtet ist – Grundwerte, wie sie die Friedensenzyklika Papst Johannes XXIII. „Pacem in terris“ (1963) hervorhebt. In der Missachtung dieser Werte liegt die eigentliche Ursache des Unfriedens, vor allem des Krieges. Andererseits gilt die Sicherung des negativen Friedens (in Sinne der Abwesenheit von Krieg) durch Abschreckung oder Abrüstung als notwendige Bedingung für den Aufbau eines positiven Friedens. Vor allem seit der Erfindung moderner ABC-Waffen kann der Krieg kein Mittel der Politik zur Herstellung des Friedens sein. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus scheint die Gefahr der (zu ächtenden) Anwendung von Massenvernichtungswaffen gebannt zu sein. Auch haben sich die Chancen für einen globalen Friedensdialog („Weltethos“) wesentlich verbessert und institutionell gefestigt. Andererseits entzünden sich vielerorts (Balkan, Afrika u. a.) neue inner- und zwischenstaatliche Konflikte um die Rechte ethnischer oder kultureller Minderheiten. Zunehmend werden völkerrechtliche Souveränitätsansprüche durch menschenrechtlich begründete „humanitäre Interventionen“ relativiert. Dies wirft erneut Fragen nach dem „gerechten Krieg“ auf. Die klassische bellum iustum-Lehre wird in ihrer christlichen Intention, Gewalt zu minimieren, zu aktualisieren sein. Demnach hängt die Legitimität militärischer Gewalt von universalisierbaren Kriterien ab. Hierzu gehören: gerechter Grund, rechtmäßige Entscheidungsinstanz, Ultima ratio-Prinzip, Abwägung der Folgen, Erlaubtheit der Mittel, Friedensordnung als Ziel.

Literatur

H. B. Streithofen/W. Ockenfels: Diskussion um den Frieden (1974); E. J. Nagel: Die Friedenslehre der katholischen Kirche (1997).

Wolfgang Ockenfels