Gentechnik

Der Mensch ist durch seine anthropologische Verfassung als Kulturwesen dazu bestimmt, durch Wissenschaft, Technik und Arbeit die ihm vorgegebene Natur zum eigenen Lebenserhalt und zu seiner umfassenden Bedürfnisbefriedigung zu nutzen. Der biblische Schöpfungsglaube erinnert ihn sowohl an seinen Herrschaftsauftrag und die darin begründete Sonderstellung unter allen Kreaturen wie auch an seine unvertretbare Verantwortung für das Wohlergehen der gesamten Schöpfung, die ihn gerade aus seiner herausgehobenen Rolle als Stellvertreter und Platzhalter Gottes erwächst. Aus der Sicht des jüdisch-christlichen Menschenbildes gehören Gestaltungsauftrag für die eigenen natürlichen Lebensgrundlagen und Mitgeschöpflichkeit untrennbar zusammen. Da die Natur nicht nur die Schönheit, Lebensfülle und Herrlichkeit ihres Schöpfers widerspiegelt, sondern durch den Bruch der Sünde entstellt ist, kann sie in ihrer faktischen Gestalt nicht einfach mit dem göttlichen Schöpfungswillen identifiziert werden. In ihr sind vielmehr auch die materialisierten Folgen des Bösen sichtbar, die das Leben von Menschen und Tieren in Form von Krankheiten, Unfällen und Katastrophen bedrohen. Weil die Schöpfung immer auch die Einbruchstelle des Bösen ist, sind nach biblischem Verständnis Eingriffe des Menschen zur Nutzbarmachung der Natur grundsätzlich erlaubt; sie müssen theologisch als ein Mitwirken am göttlichen Schöpfungshandeln verstanden werden.

Soweit in der Gentechnik die Mittel und Wege durch planerisches Handeln des Menschen aufgegriffen und nachvollzogen werden, die in der Natur selbst zu erkennen sind, gilt diese grundsätzliche Befugnis auch für gentechnische Verfahren, sofern sie ethisch gebotene Schranken nicht überschreiten. Da die ethischen Grenzen menschlicher Eingriffe in einem evolutiv-dynamischen Weltbild nicht an vorgegebenen Naturordnungen abgelesen werden können, müssen sie von der entwerfenden Vernunft des Menschen je neu freigelegt und anerkannt werden. Dass solche Grenzen sein müssen, folgt aus der Endlichkeit und konstitutiven Begrenztheit des Menschen. Wo aber diese Grenzen exakt verlaufen, kann nur durch eine kritische Reflexion auf die Bedingungen und Folgen menschlichen Handelns erkannt werden, die das jeweils technisch Machbare auf seine humane Vernünftigkeit hin befragt. So sind wissenschaftliche Selbstkontrolle und ethische Reflexion gefordert, die Grenzen anzuerkennen, innerhalb derer Wissenschaft und Forschung, Medizin und Gentechnik dem Wohl des Menschen dienen. Das Kriterium der Menschenwürde, der Respekt vor der Selbstzwecklichkeit des Menschen und seinem Leben sowie das Tötungsverbot (Schutz des Lebens) geben wichtige Maßstäbe der ethischen Urteilsbildung an die Hand, an denen die einzelnen Anwendungsverfahren der Gentechnik zu überprüfen sind. Sie umschreiben die einschränkenden Bedingungen, unter denen gentechnisches Handeln im Grenzbereich von Leben und Tod steht. Da Eingriffe in die unveräußerlichen Rechte eines Menschen auch dann unstatthaft bleiben, wenn sie um an sich wünschenswerter Zielsetzungen willen (hochrangige Erkenntnisziele in der Grundlagenforschung, therapeutische Erfolge im klinischen Anwendungsbereich, Erfüllung des Kinderwunsches unfruchtbarer Paare) geschehen sollen, kommt diesen negativen Unterlassungspflichten im Konfliktfall der Vorrang vor den positiven Handlungspflichten zu. Unterhalb dieser Ebene bedarf es weiterer ethischer Bewertungsmaßstäbe, um konkrete gentechnologische Forschungsprojekte und Anwendungsverfahren zu beurteilen. Hier ist vor allem an die Rechtfertigung der Ziele und die Verantwortung der Folgen zu denken, die der Genforschung vorangehen muss und diese zu begleiten hat.

Für den Einsatz der Gentechnik im Bereich der Pflanzen- und Tierzucht gelten keine grundsätzlichen ethischen Einwände, sofern dabei die Sicherheitsbelange für Mensch und Umwelt durch eine Nutzen-Risiko-Abwägung gewahrt bleiben. Ebenso ist der Einsatz gentechnischer Verfahren zur Herstellung hochwertiger Medikamente auf gleichbleibendem Qualitätsniveau (z. B. Humaninsulin) oder zur Therapie defekter Körperzellen (somatische Gentherapie) ethisch unbedenklich. Schließlich sind die Verfahren der Gendiagnostik in sich als wertneutral zu beurteilen, sofern bei ihnen die bislang mit anderen Methoden erreichten diagnostischen Ziele nur früher, schneller und zielgerichteter verwirklicht werden. Der in der modernen Medizin auch sonst bekannte Umstand, dass die Entwicklung wirksamer Heilverfahren hinter dem Fortschritt der diagnostischen Möglichkeiten zurückbleibt, so dass wir immer mehr Krankheiten schon frühzeitig erkennen können, für die es noch keine zufriedenstellende Therapie gibt, führt allerdings in einzelnen Anwendungsbereichen in ein ethisches Dilemma. Im Bereich der vorgeburtlichen Gendiagnostik setzt die Diagnose eines genetischen Erkrankungsrisikos für das Kind die Eltern dem Erwartungsdruck einer verbreiteten Abtreibungsmentalität aus, der den medizinischen Sinn einer Diagnosestellung, nämlich die therapeutische Intervention zugunsten des individuellen Krankheitsträgers, ins Gegenteil verkehrt. Der ethisch legitime Wunsch nach einem gesunden Kind und das medizinische Ziel der Vermeidung von Erbkrankheiten führen dann dazu, dass der Entschluss zum Schwangerschaftsabbruch als eine aus medizinischen Gründen naheliegende Folgerung verstanden und aus einem Katalog vermuteter Schädigungen des Embryos abgeleitet wird.

Grundsätzlich darf die pränatale Diagnostik nur im Rahmen medizinischer Fragestellungen zur Anwendung kommen; die Ermittlung allgemeiner Merkmale wie der Geschlechtszugehörigkeit oder phänotypischer Eigenschaften wäre ethisch nicht vertretbar. Auch eine medizinisch indizierte Inanspruchnahme pränataler Diagnostik bedarf der Einwilligung der Eltern, die nur nach einer umfassenden Aufklärung über die Risiken einer Schädigung des Kindes und die im Fall eines positiven Befundes entstehenden moralischen Konflikte gegeben werden kann. Der Verzicht auf den Einsatz pränataler Diagnostik ist nicht nur ethisch vertretbar, er verdient wegen der darin bekundeten Bereitschaft, menschliches Leben vorbehaltlos und ohne diskriminierende Bewertung anzuerkennen, sogar besondere Hochachtung. Der Einsatz der gendiagnostischen Untersuchungsmethoden im Rahmen der prädiktiven Medizin beim erwachsenen Menschen steht unter dem ethischen Vorbehalt, dass dabei das prinzipielle Recht auf Nichtwissen zur Ermöglichung einer unbefangenen Lebensführung bis zum (durch eigene Verhaltensänderung nicht beeinflussbaren) Ausbruch der Krankheit (z. B. bei der Chorea Huntington) und das verfassungsmäßige Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung (z. B. beim Abschluss von Krankenversicherungen oder im Rahmen der Arbeitsmedizin) gewahrt bleiben.

Die verbrauchende Forschung an Embryonen, die nicht einem therapeutischen Ziel zu ihren eigenen Gunsten dient, stellt eine klar erkennbare Verletzung der Menschenwürde dar, die in den meisten westlichen Industriestaaten ohne ausreichende rechtliche Schutzregelungen toleriert wird. Ein menschliches Wesen zu dem ausschließlichen Zweck seiner anschließenden Vernichtung im Experiment herzustellen, läuft auf jene vollständige und ausschließliche Instrumentalisierung hinaus, die nach Kants Selbstzweckformel mit der Menschenwürde unvereinbar ist. Daher untersagt das europäische Menschenrechtsabkommen zur Biomedizin, das für die verwaisten Embryonen, die im Rahmen der künstlichen Befruchtung überzählig werden, nur einen „angemessenen Schutz” vorsieht, ohne diesen zu definieren, ausdrücklich die gezielte Herstellung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken. Die Forschung mit embryonalen Stammzellen, die aufgrund ihrer angenommenen Pluripotenz nicht mehr über das vollständige Entwicklungspotential eines neuen menschlichen Individuums verfügen, verfolgt hochrangige Erkenntnisziele, die im klinischen Anwendungsbereich für die Zukunft potentielle Heilungschancen eröffnen können. Der ethische Haupteinwand, der auf die Instrumentalisierung des Ursprungsembryos hinweist, dessen Existenz bei der Erstgewinnung von Stammzell-Linien vernichtet werden muss, bleibt von diesen anerkennenswerten Zielsetzungen jedoch unberührt.

Hier kommt der Grundsatz vom Vorrang der Rechtspflichten vor der ethischen Pflicht zum Helfen und Heilen zum Zuge. Man darf nicht in die Rechte eines Menschen – und der Embryo untersteht in unserer Rechtsordnung, was die dem Menschsein als solchem geschuldeten menschenrechtlichen Grundforderungen anbelangt, dem gleichen Schutz wie alle Menschen – eingreifen, um einem anderen zu helfen. Das reproduktive Klonen, das die Reduplizierung eines vollständigen, aus privaten (Lebenspartner, einziges Wunschkind) oder sozialen (Künstlergenie) Gründen als vortrefflich geltenden Menschen zum Ziel hat, und der Gentransfer in menschliche Keimbahnzellen stoßen dagegen schon auf der Ebene der Zielsetzungen auf unüberwindliche ethische Bedenken. Diese Eingriffe wären beim gegenwärtigen Stand der Gentechnik schon aufgrund des unbeherrschbaren Sicherheitsrisikos strikt abzulehnen. Die Verwirklichung solcher von der Wissenschaft als utopisch bezeichneter Menschheitsträume wäre mit der jedem Menschen geschuldeten Anerkennung seines selbstzwecklichen Daseins unvereinbar. Die Verwirklichung eugenischer Zielsetzungen widerspricht aber auch dem Leitbild einer offenen Gesellschaft, denn sie müsste eine Definitionskompetenz in Bezug auf die verpflichtenden Maßstäbe gelungenen Lebens voraussetzen, die nach dem Selbstverständnis unserer demokratischen Kultur weder dem Staat noch der Wissenschaft, sondern nur dem Einzelnen zukommt.

Literatur

E. Schockenhoff: Naturrecht und Menschenwürde (1996); Ders.: Ethik des Lebens. Ein theologischer Grundriß (3. Auflage 2000); J. Lege (Hg.): Gentechnik im nicht-menschlichen Bereich – was kann und was sollte das Recht (2001); J. Hampel/O. Renn (Hg.): Gentechnik in der Öffentlichkeit: Wahrnehmung und Bewertung einer umstrittenen Technologie (2001); G. Altner (Hg.): Menschenwürde und biotechnischer Fortschritt im Horizont theologischer und sozialethischer Erwägungen (2001).

Eberhard Schockenhoff