Globalisierung

Globalisierung ist ein Schlagwort, das sich im wesentlichen auf vier Entwicklungen bezieht, deren Anfänge weit zurückreichen, die jedoch in jüngster Zeit eine intensive und sich wechselseitig verstärkende Dynamik entfalten:

1. Die weltweite Vernetzung und Beschleunigung technischer Infrastrukturen (Verkehr, Telekommunikation), wodurch sich der trennende Einfluss räumlicher Distanzen reduziert (Globalisierung im engeren Sinne).

2. Das Entstehen von weltweit oder jedenfalls von Staatsgrenzen unabhängig agierenden Akteuren (z.B. Internationale Organisationen, Konzerne als „Global Players“) und deren wachsender Einfluss. Damit wächst die Bedeutung transnationaler Formen der Willensbildung, wodurch teils direkt, teils indirekt auch die nationalen Politiken beeinflusst werden (Transnationalisierung).

3. Die Intensivierung grenzüberschreitender Kommunikation. Staatsgrenzen verlieren ihre bisherige vor äußeren Einflüssen schützende und die Mobilität behindernde Funktion. Als Folge reduziert sich die nationalstaatliche Autonomie (Internationalisierung).

4. Die Entstehung eines globalen Bewusstseins. Dieses betrifft nicht nur die Eliten; vielmehr bewirken Umwelt- und Klimadiskussionen, Dritte-Welt-Gruppen und vielfältige Partnerschaften zwischen den Kontinenten eine zunehmende Resonanzbereitschaft für Weltereignisse auch in der Bevölkerung (Globalismus).

Globalisierung wird heute vor allem unter wirtschaftlichen und politischen Gesichtspunkten diskutiert, doch betrifft sie grundsätzlich alle Lebensbereiche, soweit sie unter den Einfluss der weltweiten Kommunikationsmöglichkeiten geraten. Insbesondere verstärken sich die Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Bevölkerungen. Herkömmliche Abgrenzungen verlieren ihre Prägekraft und unterstellte allgemeine Gültigkeit, es entsteht ein Druck zur Auseinandersetzung mit bisherigen Selbstverständnissen und zur flexiblen Anpassung an die gesteigerte Vielfalt der Möglichkeiten. Daraus resultieren die gesteigerte Aufmerksamkeit nationaler Eliten und eine zunehmende Reagibilität der Bevölkerung gegenüber negativ eingeschätzten Folgen derartiger Wechselwirkungen, woraus innenpolitischer Druck entstehen kann. Da gleichzeitig die herkömmlichen staatlichen Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten an Wirksamkeit abnehmen, verlieren bisherige Staatsattribute wie Souveränität und Autonomie an Plausibilität. Dennoch ist weniger mit einem Bedeutungsverlust als mit einem Bedeutungswandel des Nationalstaats zu rechnen, welcher weiterhin zur demokratischen Legitimation von Entwicklungen und zur Durchsetzung der Rechtsordnung, aber auch zur Gewahrleistung sozialen Schutzes nach den national durchaus unterschiedlichen Gerechtigkeitsvorstellungen unentbehrlich bleibt.

Die zunehmende Interdependenz steigert die Konkurrenz im internationalen Zusammenhang, was einer Produktivitätssteigerung der Weltwirtschaft förderlich ist. Dabei entwickeln sich die Chancen der Nationen und Weltregionen je nach ökonomischen, kulturellen und politischen Voraussetzungen unterschiedlich. Krasse sozioökonomische Ungleichheiten, welche bereits die Etablierung der nationalen Wirtschaftsräume unter privatkapitalistischen Bedingungen begleiteten und zur Entstehung von Sozialpolitik Anlass gaben, werden nunmehr zur politischen Herausforderung auf Weltebene. In den westeuropäischen Ländern äußert sich Globalisierung wirtschaftlich vor allem in einer intensivierten Konkurrenz auf den Güter-, Arbeits-, Wissens- und Kapitalmarkten, aber auch im Machtgewinn der Kapitalseite bei den Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaften.

Auf politischem Gebiet erschwert Globalisierung das Austarieren außenpolitischer und innenpolitischer Erfordernisse. Staatliche Politik muss im Vergleich zur Ära nationalstaatlicher Autonomie mit geringeren direkten Steuerungsmöglichkeiten auskommen. In demographischer Hinsicht zeigen sich verstärkte Migrationsbewegungen, welche zu kultureller Bereicherung, aber auch zu Auseinandersetzungen und zu sozialen Konflikten führen können.

Auf Weltebene sind erst die internationalen Finanzmärkte voll institutionalisiert, von deren Eigendynamik auf die Wirtschaftsentwicklung regional störende Effekte ausgehen können. Ferner herrscht derzeit ein Kampf vor allem zwischen der US-amerikanischen und der kontinentaleuropäischen Rechtsauffassung im Hinblick auf die Prinzipien der internationalen Rechtsordnung und die Aufgaben des Staates. Staaten reagieren auf die Herausforderungen vielfach mit regionalen Zusammenschlüssen, um die politischen Handlungsspielraume zu stabilisieren. Dies führt im Falle der EU zu ausdrücklichen Souveränitätsverzichten. Die Entstehung regionaler Ordnungen bildet jedoch keine Lösung für die weltweiten Probleme. Die auf Einzelbereiche (z.B. Welthandel, Ernährung, Arbeitsbeziehungen, Umweltschutz) spezialisierten internationalen Organisationen haben kaum noch effektive Verfahren der Entscheidungsfindung und noch weniger nachhaltige Kontroll- und Einflussmöglichkeiten entwickelt.

Literatur

E. Richter: Der Zerfall der Welteinheit. Vernunft und Globalisierung in der Moderne (1992); K. Kaiser/H.-P. Schwarz (Hg.): Die neue Weltpolitik (1995); K. F. Röhl/S. Magen: Die Rolle des Rechts im Prozess der Globalisierung, in: Zeitschrift für Rechtssoziologie 17 (1996); H. Büttner/P. Hampe (Hg.): Die Globalisierung der Finanzmärkte (1997); S. Sassen: Zur Einbettung des Globalisierungsprozesses, in: Berliner Journal für Soziologie 8 (1998); C. C. von Weizsäcker: Logik der Globalisierung (1999); Jahrbuch für christliche Sozialwissensduften, 41 (2000); D. S. Lutz (Hg.): Globalisierung und nationale Souveränität (2000).

Franz-Xaver Kaufmann