Multikulturelle Gesellschaft

Der Begriff tauchte Anfang der 1980er Jahre in Deutschland auf. Damit sollte der tiefgreifende Wandel infolge Zuwanderung von Millionen Ausländern zum Ausdruck kommen. Mit der Gründung des „Amtes für multikulturelle Angelegenheiten“ 1989 in Frankfurt/Main (nach der Wahl der rot-grünen Stadtregierung eingerichtet) wurde „Multikulturelle Gesellschaft“ zu einem politischen Projekt. Nicht in der praktischen Aufgabenstellung, wohl aber in der Terminologie unterschied sich dieses Amt von der Arbeit der Ausländerbeauftragten in anderen Kommunen. Multikulturell hieß, sich aus den Fesseln enger nationalstaatlicher Sichtweisen zu lösen und den Blick verstärkt auf das Neben- und Miteinander unterschiedlicher Kulturen zu richten, mit dem Ziel, eine tolerante Gesellschaft zu entwickeln; in ihr sollten alle – Zuwanderer wie Einheimische – kulturell, sozial und politisch gleichberechtigt leben.

Kritik an dieser Auffassung formierte sich u.a. bei Teilen der Unionsparteien, die der Bundesrepublik kein neues Selbstverständnis aufnötigen lassen wollten. Zudem fürchtete man, dass damit der Status der Bundesrepublik als Einwanderungsland festgeschrieben werden solle. Stärker demokratisch-politisch begründet war die Kritik von Soziologen (Frank-Olaf Radke): Gleiche Chancen in Schule und Beruf für Zuwanderer seien nur über volle Rechtsgleichheit zu erreichen, kaum aber durch die Betonung kultureller Gleichheit, die soziale Toleranz zu versprechen scheint, nicht jedoch individuellen Aufstieg durch Bildung und Beruf. Die zu Beginn des Jahrtausends geführte Diskussion um verbindliche Sprach- und Integrationskurse für Neuzuwanderer bei allen Parteien tendierte ebenfalls in diese Richtung und fand rechtlichen Widerhall im Zuwanderungsgesetz (2005). Auch Bündnis 90/Die Grünen korrigierten sich mit dem Beschluss des Parteirats vom 13. November 2000 terminologisch und ersetzten den Begriff der Multikulturellen Gesellschaft durch multikulturelle Demokratie.

Literatur

D. Cohn-Bendit u. a. (Hg.): Einwanderbares Deutschland oder Vertreibung aus dem Wohlstandsparadies (1991); A. Mintzel: Multikulturelle Gesellschaften in Europa und Nordamerika (1997).

Barbara John