Nation

Die Ursprünge des Begriffs der Nation und ihre Existenz reichen in die vormoderne Zeit zurück. Mittelalterliche gentes, patriae und nationes kennzeichnen eine Unterscheidung bzw. Abhebung vom konkurrierenden Nachbarn. Nationen in unserem Verständnis haben dagegen mit der Entwicklung ausgebildeter Staatlichkeit zu tun und sind an das seit der Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Industriellen, Französischen und Amerikanischen Revolution einsetzende Zeitalter der Moderne gebunden. Von nun an werden Völker „durch einen Akt des Selbstbewusstseins und des Willens“ (Gerhard Leibholz) zu Nationen: Ernest Renans berühmte Definition von 1882, wonach „das Dasein einer Nation ... ein tägliches Plebiszit“ repräsentiere, beschreibt ein Resultat dieser säkularen Tendenz. Über den vorstaatlichen Zustand einer Nation, die Kulturnation, hinaus gilt neben dem Kriterium der Staatlichkeit vor allem die zunehmende Politisierung, die tendenziell alle Schichten umfassende Partizipation der Bevölkerung als entscheidende Voraussetzung für die Entstehung und Ausbildung der modernen Nation, die „zum politischen Verfassungsmodell der ... postfeudalen Gesellschaft“ (Otto Dann) wurde.

Im Spannungsverhältnis von Volk, Staat und Nation hat Theodor Schieder, jeweils nach ihrem zeitlichen Ablauf, drei Typen europäischer Nationalstaatsbildung unterschieden: 1. durch die nationale Transformation bestehender Staaten (z. B. England, Frankreich); 2. durch nationalstaatliche Einigungsvorgänge (z.B. Italien, Deutschland); 3. durch Sezessionen aus dem Zerfall übernationaler Großreiche (z.B. Habsburger Monarchie 1918).

Da moderne Nationalstaaten, mit wesentlichen Unterschieden im einzelnen, im Verlauf des 19. und insbesondere des 20. Jahrhunderts ihre Ziele der individuellen Selbstbestimmung und der universalen Humanität verfehlten und einige von ihnen sogar, der Ideologie des Nationalismus folgend, in Tyrannis und Bestialität geendet haben, ist – zumindest in Europa – der Nationalstaat in eine Krise geraten. In globaler Perspektive ist seine Existenz dagegen unbestritten und hat zu einer quantitativen Steigerung seiner Erscheinungsform geführt. Im Zeitalter der Dekolonisation konnten wie in der europäischen Geschichte der vergangenen Jahrhunderte Krieg und Bürgerkrieg „geradezu als Königsweg zur Nationenbildung erscheinen“. Denn „ethnische Gruppen“, die durch den historischen Zufall imperialistischer Herrschaft zusammengefasst waren, vermochten oftmals „nur durch gemeinsames Kämpfen, Sterben und Töten rasch zu einer Nation verschmolzen“ (Wolfgang Reinhard) zu werden. In Europa freilich, wo der Nationalstaat seinen Ursprung genommen hat, wird nach seiner Überwindung durch Integration gestrebt – eine Entwicklung die mit zwei grundlegenden Problemen einhergeht: 1. mit dem Widerspruch zwischen Nationen, die als unaufgebbar empfunden werden, und Nationalstaaten, die integriert werden sollen; 2. mit der Frage, wie Demokratie, deren Existenz aufs engste an die Entstehung und Entwicklung des Nationalstaates gebunden ist, im übernationalen Zusammenhang, in einem integrierten Europa (Europaidee), ihre Geltung zu bewahren vermag.

Literatur

H. Beumann/W. Schroeder (Hg.): Aspekte der Nationenbildung im Mittelalter (1978); P. Alter: Nationalismus (1985); E. J. Hobsbawm: Nation und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780 (1991); T. Schieder: Nationalismus und Nationalstaat. Studien zum nationalen Problem im modernen Europa (1991); O. Dann: Nation und Nationalismus in Deutschland 1770–1990 (1993); H. Schulze: Staat und Nation in der europäischen Geschichte (1994); W. Reinhard: Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart (1999); G. Clemens (Hg.): Nation und Europa (2001).

Klaus Hildebrand