Naturrecht

Das Naturrecht ist in der griechischen und abendländischen Philosophie die Bezeichnung für die menschlicher Satzung vorausgehenden formalen und inhaltlichen Normen. Die Rückbeziehung des Rechts auf allgemeingültige, vorstaatliche Grundsätze ist eine der wichtigsten Voraussetzungen befriedender Ordnung. Dem Naturrecht inhärent ist die Frage nach der Gerechtigkeit von Recht und Gesetz. Das Naturrecht richtet sich gegen den Positivismus, der zutreffend den Gedanken der Rechtssicherheit positiver Gesetzgebung und formaler Rechtskriterien geltend macht, jedoch das gegebene Recht allein kraft autoritativer Satzung als „rechtens“ ansieht. Auf diese Weise kann jeder beliebige Rechtsinhalt, auch der absolut unsittliche, Gültigkeit beanspruchen. Zudem wendet sich das Naturrecht gegen die Ideologie, wonach das menschliche Denken abhängig von Interessen sei. Wohl hat der Mensch Interessen, zugleich aber weiß er auch um seine Interessen, die in eine sinnvolle Ordnung einzugliedern sind.

Freilich liefert das Naturrecht keinen Bestand fester Normen, die nur in Kraft zu setzen wären, sondern ein Grundwissen von Prinzipien, die Orientierung für sachgerechte Normen bieten. Diese können nicht aus allgemeinen Prinzipien abgeleitet werden; vielmehr müssen sie durch Analyse der konkreten Sachverhalte und sozialen Bedingungen entwickelt werden. Einwände gegen das Naturrecht, das so gesehen ein Vernunft- bzw. Kulturrecht ist, richten sich u.a. gegen seine religiösen Modifizierungen (u.a. Heteronomie) sowie seine statische und extensive Interpretation.

Es gehört zu den Leistungen der mittelalterlichen Scholastik (u.a. Thomas von Aquin), 1. den Gedanken subjektiver Sittlichkeit ins Naturrecht eingeführt und die objektive Einsicht auf allgemeine Erkenntnisse reduziert zu haben. Die auf den Einzelfall bezogenen Normen unterliegen jedoch dem Irrtum, so dass das Gewissen letzte subjektive Instanz menschlichen Handelns ist (u. a. Widerstandsrecht; Gewissensfreiheit). Die Scholastik hat 2. mit der systematischen Unterscheidung zwischen göttlichem und Naturrecht den Selbststand weltlicher Autorität gefördert und damit prinzipiell religiös-kirchlichen Herrschaftsansprüchen Grenzen gesetzt. Martin Luthers Äußerungen zum Naturrecht enthalten bereits wesentliche Komponenten des säkularisierten Naturrecht (das Recht als ein weltlich Ding) und zeigen, dass die Säkularisierung nicht notwendig mit Entchristlichung des Naturrechts gleichzusetzen ist. Im Übrigen erfuhren im Protestantismus bis zum Ende des 17. Jahrhunderts Thomas von Aquin sowie Gabriel Vásquez, Francisco Suárez und andere Autoritäten des spätscholastischen Naturrechts Anerkennung. Letztere hatten mit der scholastischen Volkssouveränitäts- und Völkerrechtslehre der neuzeitlichen Staatenentwicklung wichtige Ideen mitgegeben.

Wenngleich die Personwürde und Gewissensfreiheit Elemente christlicher Anthropologie sind, vermochte erst das rationalistische Naturrecht, Freiheit und Gleichheit als Menschenrechte zu formulieren (Samuel Pufendorf, John Locke u.a.) und das Naturrecht mit liberalen Grundrechtsideen zu verknüpfen. Die Vertreter der christlichen Demokratie haben schon im 19. Jahrhundert Freiheits- und Grundrechte gefordert, die sie jedoch zumeist als religiös-korporative Rechte verstanden (u.a. Joseph Görres, Wilhelm Emmanuel von Ketteler). Eine theoretisch konsistente Begründung der Menschenrechte vertraten die christlichen Demokraten erst nach 1945 in den Länderverfassungen und im Grundgesetz. Bereits im Programm der CDU der britischen Zone (1946) und in den begleitenden programmatischen Reden Konrad Adenauers wurde das Naturrecht mit den rechtlichen und sittlichen „Grundlagen der christlich-abendländischen Kultur“ und der „christlichen Ethik“ identifiziert. In deren Zentrum stehen die „Würde und die unveräußerlichen Rechte der Person“, die der Staatsmacht Grenzen setzen. Mit diesem Naturrechtsverständnis wurde einem liberal-christlichen Rechts- und Staatsverständnis und einer Annäherung evangelischer und katholischer Ethikbegründung der Weg gebahnt.

Literatur

H. Welzel: Naturrecht und materiale Gerechtigkeit (4. Auflage, 1962); W. Maihofer (Hg.): Naturrecht oder Rechtspositivismus (2. Auflage, 1966); F. Böckle/E.-W. Böckenförde (Hg.): Naturrecht in der Kritik (1973); W. Korff: Wie kann der Mensch glücken? Perspektiven der Ethik (1985).

Rudolf Uertz, Markus Lingen

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