Organisatorischer Aufbau und Mitgliederstruktur

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Die Parteizentrale der CDU in der DDR, Jägerstraße 59/60 in Berlin.
Gemäß ihrer ersten Satzung vom Oktober 1952, die in den Folgejahren in den Grundzügen unverändert blieb, war die CDU in Ortsgruppen, Kreisverbänden und Bezirksverbänden organisiert. Die gut 200 Kreisverbände waren der eigentliche Motor der Partei und die entscheidende Schaltstelle zwischen Parteileitung und Mitgliedschaft. Dem Kreissekretär – die einzig besoldete Funktion im ansonsten ehrenamtlichen Kreisvorstand – kam eine schwierige Rolle zu. Er musste einerseits nach dem Prinzip des Demokratischen Zentralismus die Weisungen aus Bezirk und Zentrale loyal umsetzen, andererseits Sorgen, Bedürfnisse und auch Unmut der Basis nach „oben“ weitergeben. Von dieser zwiespältigen Rolle zeugen die monatlich an Bezirk und Parteileitung abgelieferten „Informationsberichte“ aus den Kreisen. Zwar finden sich hier zuweilen Klagen und Forderungen aus der Mitgliedschaft – sie blieben in der Regel ohne Reaktion „von oben“ –, doch aufs Ganze gesehen wurden die Berichte mit zunehmender Selbstaufgabe der Partei uniform, nichtssagend und schönfärberisch, was von der Parteileitung zwar immer wieder moniert, letztlich aber wohl doch gewünscht wurde. Entsprechend verhielt es sich mit den Berichten aus den Bezirken an die Zentrale.

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Otto Nuschke (1883-1957), Vorsitzender der CDU in der DDR 1948-1957.
Höchstes Organ des Kreisverbandes waren die alle zwei bis drei Jahre stattfindenden Kreisdelegiertenkonferenzen (KDK), auf Bezirksebene analog die Bezirksdelegiertenkonferenzen (BDK). Höchstes Organ auf zentraler Ebene war der Parteitag, der seit 1960 alle vier, seit 1972 alle fünf Jahre einberufen wurde. Er wählte den Hauptvorstand, der mit dem Parteivorsitzenden, seinen Stellvertretern und weit über 100 Mitgliedern mindestens zweimal im Jahr tagte. Dessen höchste Organe wiederum waren das „Präsidium des Hauptvorstandes“ (PHV) – es hieß bis 1960 „Politischer Ausschuss“ – und das „Sekretariat des Hauptvorstandes“ (SHV). Dieses bestand aus dem Parteivorsitzenden, seinen Stellvertretern, den Sekretären des Hauptvorstandes und weiteren Funktionsträgern und bildete den eigentlichen Führungskern der CDU. Es hatte laut Satzung bei seiner politischen Arbeit mit den zentralen Leitungen der übrigen Parteien und mit „den zentralen Organen der Staatsmacht“ zusammenzuarbeiten. Wichtigste Einrichtung für die Heranbildung des Funktionärsnachwuchses war die Zentrale Schulungsstätte „Otto Nuschke“ in Burgscheidungen/Unstrut. Dort wurden Lehrgänge von zwei Wochen, einem Viertel- und einem halben Jahr Dauer angeboten; die Teilnahme war nicht sehr beliebt. Haupt-Lehrgegenstand waren die gesellschaftlichen Theorien des Marxismus-Leninismus. Auf dem reizvoll gelegenen Schloss fanden auch viele Vorstandssitzungen und Großveranstaltungen der Partei statt.

Die CDU war die mitgliederstärkste unter den vier kleineren Blockparteien. Ihren höchsten Mitgliederstand hatte sie Ende 1948, vor Beginn der Säuberungswellen, mit 218.000. Ende 1989 zählte sie knapp 135.000 „Unionsfreundinnen und –freunde“, wie sich die Mitglieder untereinander nannten; das bedeutete einen Anteil von 0,8% der DDR-Bevölkerung. Unter allen Blockparteien konnte die CDU am ehesten für sich in Anspruch nehmen, eine Art „Volkspartei“ zu sein, denn die beruflich-soziale Zusammensetzung ging durch nahezu alle gesellschaftlichen Schichten und Klassen, mit einem Schwerpunkt bei den „Mittelschichten“. Hauptgruppe waren die Angestellten in der Wirtschaft und in den staatlichen Verwaltungen. Auch Arbeiter waren mit gut 10% vertreten; sie durften nur mit Genehmigung der eigentlich für sie „zuständigen“ SED aufgenommen werden. Der Frauenanteil war traditionell hoch; 1989 lag er bei 45,3% – ähnlich wie in den Jahrzehnten zuvor.

BerufeMitgliederProzent
134.507100
PGH-Mitglieder (Produktionsgenossenschaften des Handwerks)2.3301,7
Individuelle Handwerker4.9353,7
Sonstige Gewerbetreibende3.0182,2
Beschäftigte in Handwerks- u. Gewerbebetrieben5.6854,2
Fach- und Hochschullehrer5170,4
Pädagogische Intelligenz4.2433,2
Studenten1.0050,7
Intelligenz in staatl. Verwaltungen oder in Einrichtungen der Parteien und Organisationen4.5403,4
Intelligenz in Industrie, Bauwesen, Verkehr6.6254,9
Intelligenz in der Land-, Forst- u. Nahrungs-Wirtschaft2.1001,6
Ärzte, Zahnärzte, Apotheker1.5521,1
Pfarrer und Theologen3530,3
Künstlerische Intelligenz4750,4
Juristen1220,1
Mitglieder in LPG16.95212,6
Sonstige Tätige in der Land-, Forst- u. Nahrungs-Wirtschaft5.0883,8
Arbeiter13.60710,1
Angestellte in staatl. Verwaltungen oder in Einrichtungen der Parteien und Organisationen17.70713,2
Angestellte in der Wirtschaft32.95924,5
Angestellte in kirchlichen Einrichtungen8980,7
Hausfrauen9.7967,3
Quelle: ACDP, Zentralbestand Ost-CDU VII-011-3900

Warum ging in der DDR jemand in die CDU? Zunächst einmal war die CDU die einzige Partei. die offiziell eine von der atheistischen SED abweichende Weltanschauung vertrat. Christen dürften sich also ursprünglich eine Vertretung ihrer Interessen gegenüber Staat und Gesellschaft erhofft haben. Zugleich konnte man mit dem Eintritt in eine der kleineren Blockparteien staatspolitische Loyalität dokumentieren und doch zugleich Distanz zur SED halten und sich ihrem Drängen entziehen. CDU-Mitgliedschaft konnte sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringen. So war die CDU zwar einerseits für berufliche Spitzenpositionen nicht die „richtige“ Partei; auch blieb CDU-Mitgliedern z.B. die Offizierslaufbahn in der Nationalen Volksarmee grundsätzlich verschlossen. Andererseits wurden ihr aber auch gewisse Kontingente attraktiver Stellen – insbesondere im Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswesen – zugestanden. Viele Mitglieder dürften die Partei als christliche Nische oder Wirkungsmöglichkeit in einer sozialistischen Gesellschaft gesehen haben.

Unter den kleineren Blockparteien war die CDU am besten mit Parteieigentum ausgestattet. Zwei Buchverlage – der „Union-Verlag“ in Berlin und „Koehler & Amelang“ in Leipzig –, zahlreiche Zeitungsverlage, Druckereien und ähnliche parteieigene Wirtschaftsunternehmen waren seit 1952 in der „Vereinigung Organisationseigener Betriebe“ (VOB Union) zusammengefasst; sie bildete eine der Haupteinnahmequellen der Partei. Zentralorgan der CDU war die „Neue Zeit“ mit einer täglichen Auflage von zuletzt 188.000 Exemplaren. Das Funktionärsorgan „Union teilt mit“ (Utm) erschien in einer monatlichen Auflage von 12.000 Stück.

Manfred Agethen

Analysen und Argumente
8. Mai 2015
Handreichung: FAQs zur CDU in der SBZ/DDR