Religiöser Sozialismus

Der Begriff religiöser Sozialismus beschreibt eine Summe von unterschiedlichen sozialpolitischen und theologischen Strömungen, vor allem in den europäischen Staaten und den USA (Paul Tillich, Carl Mennicke u. a.). Deren Vertreter versuchten, religiöses Selbstverständnis und sozialistische Ziele miteinander zu verbinden, um angesichts der einschneidenden Wirkungen der Industriellen Revolution eine neue, menschengerechte soziale Ordnung zu schaffen. Zu einer politisch-sozialen Bewegung mit organisatorischen und programmatischen Konturen formierte sich der religiöse Sozialismus im deutschsprachigen Raum erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In Deutschland erreichte die überwiegend von Protestanten getragene religiös-sozialistische Bewegung in der Weimarer Republik eine kurze Blütephase. In Berlin bildete sich Ende 1919 aus verschiedenen Gruppierungen der „Bund religiöser Sozialisten“. Er erstrebte die Überwindung der kapitalistischen Klassengesellschaft und bekämpfte zugleich Militarismus und Nationalismus. Die wichtigsten Organisationen des religiösen Sozialismus in Deutschland schlossen sich 1924 zur „Arbeitsgemeinschaft“ und 1926 zum Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands (BrSD) zusammen. Ihr Organ war das „Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes“, 1931–1933 fortgesetzt unter dem Titel „Der Religiöse Sozialist“. Die Grundgedanken des religiösen Sozialismus beeinflussten die Zukunftsprogramme des deutschen Widerstandes gegen Hitler. Nach 1945 kam es zur Neukonstituierung des BrSD mit Sitz in Frankfurt. Seine Bedeutung blieb marginal. Für den Neuanfang der bundesrepublikanischen Parteien waren die Ideen eines religiösen Sozialismus von Bedeutung. Allerdings gilt es hier zu unterscheiden zwischen dem religiösen Sozialismus, der neben anderen sozialistischen Strömungen in den späten 1940er und den 1950er Jahren in der SPD wirksam war, und dem christlichen Sozialismus der frühen CDU, der – mehr von der katholischen Soziallehre und anderen ethischen Vorstellungen geprägt – auf die Kölner Leitsätze und die Frankfurter Leitsätze von 1945 sowie das Ahlener Programm von 1947 Einfluss nahm.

Literatur

S. Katterle/A. Rich (Hg.): Religiöser Sozialismus und Wirtschaftsordnung (1980); F. Focke: Sozialismus aus christlicher Verantwortung (2. Auflage, 1981); H. Ludwig/W. Schroeder (Hg.): Sozial- und Linkskatholizismus (1990).

Ingrid Sehrbrock/Ulrich Hettinger