Schule

Das Schulwesen wurde ursprünglich von den Kirchen begründet, geleitet und verwaltet. Erst seit 300 Jahren übernahmen schrittweise die Länder und Gemeinden das Schul-, insbesondere das frühere Volksschulwesen (heute: Grund- und Hauptschule). Die Verfassungen des 19. Jahrhunderts und v.a. die Weimarer Reichsverfassung 1919 regelten den Ausgleich zwischen öffentlichen und kirchlichen Bildungsansprüchen. Die Schule ist in deutscher Tradition Sache der Länder: Die Weimarer Verfassung hatte dem Reich die Kompetenz zur Grundsatzgesetzgebung zugesprochen, doch gab es eine Reichskompetenz nur zwischen 1934 und 1945. Im Grundgesetz finden sich nur wenige Bestimmungen zum Schulwesen (Artikel 7 Grundgesetz), für das die Verfassungen, Schulgesetze und Erlasse der Länder maßgebend sind. Sie bestimmen die Erziehungsziele, regeln die Schulpflicht, die Errichtung und Unterhaltung der Schule, die Beteiligung kommunaler Schulträger (kommunale Selbstverwaltung), die Ausbildung, Prüfung, Anstellung und Fortbildung der Lehrer, die Schulaufsicht, die Schulverwaltung, den Grad der Autonomie der einzelnen Schule, die Mitwirkung der Eltern, Lehrer und Schüler an der Gestaltung des Schullebens, die Stellung der Schüler in der Schule usw.

Nach 1945 waren CDU und CSU bemüht, christliche Erziehungsziele mit pragmatischer Bildungspolitik zu verbinden. Viele namhafte Kultusminister standen beispielhaft für die Wahrung christlichen Bildungspositionen im Rahmen schrittweiser Modernisierung und für die Sicherung der in den Landesverfassungen und Schulgesetzen umrissenen Wertvorstellungen. Ein umfassendes Programm zur Erziehung und Ausbildung verabschiedete die CDU zuletzt auf ihrem Parteitag 1993 in Berlin, es wurde fortgeschrieben mit den bildungspolitischen Leitsätzen „Aufbruch in die lernende Gesellschaft“ vom November 2000. Die Struktur des Schulwesens ist seit Einführung der vierjährigen Grundschule 1920 wenig verändert worden. Die nach 1945 in einigen SPD-geführten Ländern eingeführte sechsjährige Grundschule wurde in Hamburg und Schleswig-Holstein durch CDU-geführte Koalitionen nach 1950 wieder abgeschafft (heute nur noch in Berlin und Brandenburg). Umstritten war im Westen nach 1945 die Differenzierung des Volksschulwesens und der Lehrerbildung nach Bekenntnissen (Konfessionsschule). Nach 1945 kehrten die unionsgeführten Länder zur christlichen Bekenntnisschule zurück. Die aus dem 19. Jahrhundert stammende christliche Prägung des Volksschulwesens stieß jedoch in der Nachkriegszeit auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen. Daher wurde mit Zustimmung der Kirchen bei der Neugliederung vor allem des ländlichen Schulwesens in den 1960er Jahren die christliche Gemeinschaftsschule zur Regel.

Seit Mitte der 1960er Jahre wird über die Gliederung des Sekundarschulwesens gestritten: Der Dreigliedrigkeit (Haupt-, Realschule, Gymnasium) setzte die SPD die integrierte Gesamtschule entgegen. Die Union engagiert sich für die Förderung der Haupt- und der Realschule (in den süddeutschen Ländern als Kernstück der Modernisierung der Sekundarstufe I zwischen 1950 und 1970 flächendeckend ausgebaut). Heute ist die Gesamtschule Teil eines vielgliedrigen Schulwesens. Besonderen Wert legte die Schulpolitik der Union auf den Religionsunterricht und auf das Privatschulwesen, dessen Anteil nur 5% beträgt. Die atheistische Erziehung in der DDR ist Ursache der Schwierigkeiten der neuen Länder, die Religionslehre in das neu gegliederte Schulsystem zu integrieren (Konflikt um das Pflichtfach LER: „Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde“ in Brandenburg).

Die Schule, so lässt sich nach vier Jahrzehnten Bildungsreform feststellen, ist keine „weltabgewandte pädagogische Provinz“, sondern geistiges Kampffeld der in Staat und Gesellschaft um Einfluss ringenden Parteien, Gewerkschaften, Eltern-, Lehrer- und Wirtschaftsverbände, Kirchen und Medien. Besonders ins Gewicht fallen oft die „ungewollten Nebenwirkungen von Reformen“ (Eduard Spranger) und die Kluft zwischen politischen Zielvorstellungen (z.B. „Chancengleichheit“, „Bürgerrecht auf Bildung“) und ihrer Verwirklichung.

Literatur

Th. Ballauff: Funktionen der Schule (2. Auflage, 1984); A. Heuss: Versagen und Verhängnis (1984); Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, 6 Bde. (1987–1998); C. Führ: Deutsches. Bildungswesen seit 1945 (1997); A. Dannhäuser/H.-J. Ipfling u.a. (Hg.): Ist die Schule noch zu retten? (1988); H. Avenarius/H. Heckel: Schulrechtskunde (7. Auflage, 2000).

Christoph Führ