Soziale Gerechtigkeit

Soziale Gerechtigkeit taucht erstmals bei dem katholischen Sozialwissenschaftler Luigi Taparelli (1840) und bei Antonio Rosmini (1848) im Zusammenhang mit der sich verschärfenden sozialen Frage auf. Die kapitalistische Klassenspaltung der Gesellschaft, die Gefahr, dass sich die kommunistische Revolution von Russland auf alle Industriestaaten ausdehnen könnte, und die Weltwirtschaftskrise von 1929 bildeten den Bezugsrahmen für die Sozialenzyklika „Quadragesimo anno (1931). Darin wird die Ursache gesellschaftlicher Fehlentwicklung und Instabilität im „Grundirrtum der individualistischen Wirtschaftswissenschaft“ gesehen, wonach die Ordnung der Wirtschaft dem freien Wettbewerb überlassen bleibe. Stattdessen müssten die staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen von der sozialen Gerechtigkeit und soziale Liebe bestimmt sein.

Auf Aristoteles und Thomas von Aquin gehen die Überlegungen zur Kardinaltugend der Gerechtigkeit zurück, die „jedem das Seine“ gewährt. Es werden drei Arten unterschieden: die ausgleichende (kommutative) Gerechtigkeit, die darauf dringt, dass Güter und Dienste einen „gerechten“ Preis erzielen und dass z.B. der Lohn der erbrachten Arbeitsleistung entspricht; die Verteilungs- oder Gemeinwohl-Gerechtigkeit (distributive Gerechtigkeit), für die der Staat in besonderer Weise zuständig ist, damit die Lohn-, Einkommens- und Vermögensstrukturen in der Gesellschaft nicht auseinanderlaufen und den Zusammenhalt gefährden; die legale Gerechtigkeit, die den Beitrag der Bürger zum Gemeinwohl, insbesondere zur Finanzierung der öffentlichen Aufgaben, einfordert und je nach Leistungsfähigkeit bemisst. Demgegenüber richtet sich die soziale Gerechtigkeit auf die gesellschaftlichen Lebensbereiche, die erst in der Moderne entstanden sind und ihre eigenen Angelegenheiten gemäß dem Prinzip der Subsidiarität selbst regeln. Die Regelungen der betrieblichen Arbeitsabläufe sind dafür ebenso beispielhaft wie die in Tarifverhandlungen vereinbarten Lohnstrukturen oder die Regelungen im Rentenrecht und im Gesundheitsbereich.

Die wirtschaftlichen und sozialen Reformen, die in den zurückliegenden Jahrzehnten zur Sozialen Marktwirtschaft geführt haben, zeigen die Notwendigkeit, die sozialen Strukturen und Regelungen „gerecht“ zu gestalten. Da sich diese Lebensbereiche aber in dauernder Entwicklung befinden, ergibt sich ein ständiger Anpassungsbedarf dieser Strukturen und Regelungen. Die soziale Gerechtigkeit umfasst jene Inhalte, die sich vom Standpunkt des Naturrechts bereits als Forderungen der Gerechtigkeit enthüllen, die aber noch keine Berücksichtigung in den positiven Rechtsnormen gefunden haben.

Literatur

J. Höffner: Soziale Gerechtigkeit und soziale Liebe (1935); A. F. Utz (Hg.): Recht und Gerechtigkeit (1987); R. Kramer: Soziale Gerechtigkeit – Inhalt und Grenzen, in: Sozialwissenschaftliche Schriften 18 (1992); U. Nothelle-Wildfeuer: Soziale Gerechtigkeit und Zivilgesellschaft (1999); N. Glatzel, „Soziale Gerechtigkeit“ – ein umstrittener Begriff, in: Christliche Sozialethik im Dialog. Festschrift zum 65. Geburtstag von Lothar Roos (2000).

Anton Rauscher