Toleranz

Toleranz ist im allgemeinen Sinne das Respektieren von Meinungen und Lebensformen, die man missbilligt. Wirkliche Toleranz ist nur bei jemandem möglich, an dessen Meinungen und Einstellungen nicht zu rütteln ist. Politische Bedeutung erlangte der Toleranzgedanke in Europa im Zuge der Reformation. Es stellte sich die Frage, welche Konfession der Staat als Staatsreligion betrachten solle und ob die Religion der Anhänger anderer Bekenntnisse zu dulden sei. Der frühneuzeitliche Staat dekretierte willkürlich Toleranz und nahm sie wieder zurück. Im 18. Jahrhundert emanzipierte sich der freiheitliche Kern des Toleranzgedankens von der absolutistischen Willkür und nahm die Form eines Rechtsanspruchs an (u. a. John Locke). Im deutschen Staatsrecht zählt das dem Grundrecht der Religionsfreiheit immanente Gebot zu religiöser Toleranz zu den ungeschriebenen obersten Verfassungsprinzipien. Sie ist nicht willkürliche Duldung, sondern „Haltung der Offenheit und Achtung anderer Positionen, die gleiches Recht im Staate genießen“ (Axel von Campenhausen). Historisch hatte Toleranz ihren Sinn in einem Europa mit Staatskirchentum angesichts einer wachsenden Zahl von Reformationen, Schismen und Häresien, die der Staat aus politischen und ökonomischen Gründen nicht mehr mit Gewalt unterdrücken wollte. Im modernen Verfassungsstaat ist dieser politische Begriff der Toleranz obsolet geworden, weil es cum grano salis keine Staatsreligion mehr gibt und an die Stelle der Toleranz etwas Stärkeres getreten ist: der Schutz des Individuums durch die Garantie von Grundrechten.

Literatur

A. von Campenhausen, Der heutige Verfassungsstaat und die Religion, in: Handbuch des Staatskirchenrechts, 1 (1994); J. Listl: Glaubens-, Bekenntnis- und Kirchenfreiheit, in: ebd.; U. Volkmann: Grund und Grenzen der Toleranz, in: Der Staat 39 (2000).

Klaus Rosen