Veranstaltungsberichte

Finanzkrise: Vertrauenskrise. Welche Zukunft hat die Soziale Marktwirtschaft?

von Thomas Ehlen

Eine Bilanz des Wiesbadener Gesprächs 3. Dezember 2009

„Die Finanzbranche hatte sich total gelöst von der Realwirtschaft.“ Im Wiesbadener Gespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung nannte Christian Achilles diese seines Erachtens fatale Ursache der Finanzkrise. Vor 150 Teilnehmern erläuterte der Leiter Kommunikation und Medien im Deutschen Sparkassen-und Giroverband, der den kurzfristig verhinderten Präsidenten des Verbandes, Heinrich Haasis, vertrat, wie es den Instituten gelang, die dem traditionellen Bankgeschäft zu Grunde liegende Bindung zwischen Kredit und Risiko zu lösen: „Das Perpetuum Mobile schien erfunden. Das waren nur noch Wetten.“

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Christian Achilles (Foto: Christine Leuchtenmüller)
Die Banken setzten auf Verbriefungen, die Kreditrisiken stückelten und weltweit gehandelt wurden. Vor Jahrzehnten hatte die Verpflichtung, Eigenkapital vorzuhalten, die geschäftlichen Möglichkeiten der Finanzindustrie begrenzt. Die Einführung von Kreditverbriefungen, Hedge-Fonds und Zweckgesellschaften hob diese Beschränkungen auf.

Falschen Ehrgeiz innerhalb der Branche verschwieg Achilles nicht: „Wie soll eine Bank 25 Prozent Eigenkapitalrendite erzielen, wenn ihre Kunden nur zehn Prozent erzielen?“ Um eine mögliche neue Spekulationsblase zu verhindern, setzt sich Achilles für eine Transaktionskosten-Steuer ein. Auf diese Weise sollen sich Banken an den Kosten der Krise beteiligen.

Der Jurist lobte die „verantwortliche Reaktion der Sozialpartner“ und die Chancen, die die Kurzarbeit ermöglicht, schob aber die Frage nach: „Wie lange können das Unternehmen, die heute ihr Eigenkapital verzehren, durchhalten? Im Sommer 2010 muss ein Aufschwung erkennbar sein.“ In der aktuellen Krise habe sich zudem die gemeinsame europäische Währung als „großer Vorteil“ erwiesen, während in Asien verschiedene nationale Währungen gegeneinander spekuliert hätten.

Alle Finanzinstitute forderte der Altstipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung auf, die Bindung zu ihren Kunden zu stärken: „Früher hatten wir gewachsene Beziehungen zwischen Unternehmen und ihren Kreditgebern. Heute geben mathematische Gleichungen den Takt vor. Die Verfechter eines mathematischen Risikomanagements glauben, dass man die Welt rechnen kann.“ Doch gerade in der Krise gelte: „Wer mit realen Kunden unterwegs ist, hat viel weniger Probleme als andere. Sparkassen und Banken sind Dienstleister, die in der Realwirtschaft den Blutkreislauf herstellen.“

Achilles sieht keine Alternative zu der Strategie der Bundesregierung, die Finanzwirtschaft massiv mit Steuergeldern zu unterstützen, sprach aber diese Mahnung aus: „Wir bekämpfen zuviel Geld mit noch mehr Geld. Doch die Politik soll nicht den Markt verzerren.“ Ungelöst sei die Frage, wie es gelingen könne, Überkapazitäten in der Finanzindustrie abzubauen, ohne dass im Wettbewerb einzelne Institute scheitern dürfen.