Veranstaltungsberichte

Erfüllen die Medien ihren Auftrag?

von Mark Alexander Friedrich

8. Editors' Conclave in Kolkata

Bereits zum achten Mal fand am 10. und 11. Dezember die von der C. R. Irani Stiftung und dem Auslandsbüro Indien der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte Editors' Conclave in Kolkata statt. Im Rahmen der zweitägigen Konferenz diskutierten führende Redakteure und Journalisten die Frage, ob die Presse momentan ihrem Auftrag gerecht wird? Wie bereits im Vorjahr, hielt Dr. Michael Lüders, ehem. Nahostkorrespondent der Zeit und Autor mehrerer Bücher, das Impulsreferat und im Anschluss an die Konferenz auch ein dreitägiges Seminar an der Statesman Print Journalism School (SPJS).

Im Rahmen des alljährlichen Editors' Conclave wird den Studenten der SPJS und der West Bengal National University of Juridical Sciences (NUJS) eine Plattform geboten, um sich im im Rahmen der Konferenz und darüber hinaus informell mit führenden Journalisten austauschen. Eröffnet wurde die Konferenz durch Grußworte von Ravindra Kumar, Chefredakteur des Statesman und von Pankaj Madan, Programmkoordinator des Auslandsbüros Indien. In seinem anschließenden Impulsreferat erläuterte Dr. Michael Lüders seine Sicht auf aktuelle Entwicklungen des Journalismus in Deutschland. Dabei wies er auf die Bedeutung des Unterschieds zwischen „Kritik und Verteuflung“ bei der Berichterstattung hin. Journalisten hätten die Verpflichtung Sachverhalte zu erklären und sich nicht auf ein Narrativ von Gut und Böse zu beschränken. Aus seiner Sicht müssten die Medien sich in diesen Zeiten neu erfinden, denn im Zeitalter sozialer Medien habe mittel- und langfristig nur Qualitätsjournalismus eine Zukunft.

Im Anschluss an das Impulsreferat gingen die Teilnehmer der ersten, durch Prof. Shameek Sen, Professor für Medienrecht an der NUJS, moderierten Podiumsdiskussion auf die Frage ein, wie die Medien zuletzt über aktuelle Fragen diskutiert haben und welche Lehren sich hieraus ziehen lassen. Sam Rajappa, ehem. Journalist und Gründungsdirektor der SPJS, diskutierte die aktuelle Bargeldreform der indischen Regierung kritisch, verwies aber auch darauf, dass die Medien das Thema Korruption erst infolge der Bargeldreform ausreichend thematisieren würden. Madhavi Divan, Anwältin am Supreme Court und Autorin, ging auf die US-Wahlen ein und sagte, dass der starke Widerstand der Medien gegenüber Trump diesem nicht geschadet sondern vielmehr genützt hätte. Auf beiden Seiten seien „Echokammern“ entstanden, in denen die Menschen nicht mit gegensätzlichen Meinungen konfrontiert worden seien. Daher habe sich ein „sie gegen uns“-Narrativ durchgesetzt.

Kalyani Shankar, Politische Kommentatorin des Pioneer und ehem. Washington-Korrespondentin der Hindustan Times, ging ebenfalls auf die US-Wahlen ein und verwies auf die für alle Demokratien aufkommende Herausforderung durch zuletzt scheinbar unverlässlicher gewordene Meinungsumfragen. Ajoy Bose kritisierte die aus seiner Sicht zunehmende Oberflächlichkeit der Berichterstattung, insbesondere außenpolitischer Themen. Der Mangel an Auslandskorrespondenten und die häufige alleinige Nutzung von Nachrichtenagenturen hätten einen negativen Einfluss auf die Qualität der Berichterstattung.

Seema Mustafa, Redakteur des Citizen, kritisierte, dass die Medien sich zu sehr von aktuellen Ereignissen treiben ließen. Mit jedem neuen Thema würden die zuvor diskutierten Themen zu sehr in den Hintergrund gerückt oder ganz vergessen. Raj Kamal Jha, Chefredakteur des Indian Express, sprach die Studenten direkt an und gab diesen Empfehlungen für ihre Arbeit. Er betonte, dass es die Aufgabe eines Journalisten sei, dem Leser das mitzuteilen, was dieser nicht wisse, nicht das, was der Journalist für richtig oder falsch halte.

Die zweite Podiumsdiskussion befasste sich mit Lösungsansätzen zur Bekämpfung der Glaubwürdigkeitskrise und die Frage, welche Hindernisse es bei deren Umsetzung zu überwinden gilt. Moderiert wurde das Panel durch Swapen Mullick, Direktor der SPJS. Siddarth Bhatia, Gründungsredakteur von The Wire, berichtete von seiner Erfahrung, wie Leser reagierten wenn eine Zeitung von der vom Leser erwarteten politischen Haltung abweichen und gegensätzliche Meinungen zu Wort kommen lasse. Dies sei Aufgabe von Medien, doch oftmals unterstellten die Leser in solchen Fällen, dass das Medium nun auch „von den Mächtigen gekauft wurden.“ Diese Polarisierung zerstöre den politischen Diskurs.

Avati Jerath, Politische Kommentatorin, kritisierte die Berichterstattung zum Tode Jayalalithaa Jayaram, der Ministerpräsidentin Tamil Nadus. Die Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung, zumeist ohne informativen Mehrwert, habe sich letztlich nur um den „Glamour-Faktor“ und den Event-Charakter, nicht um Informationen gedreht. Ziel von Berichterstattung sollte jedoch die Vermittlung von Informationen sein. Der Autor Prakash Dubey und Krishna Prasad, ehem. Redakteur des Outlook, gingen kritisch auf den Zustand der indischen Medien ein. Zugleich betonte der letztgenannte, dass wir in vielerlei Hinsicht „die beste Zeit und die schlechteste Zeit für Journalismus“ erlebten. Die Zahl der durch indische Medien aufgedeckten Stories sei wohl nie zuvor so hoch gewesen. Ravindra Kumar, der kurzfristig für Mukund Padmanabhan, Redakteur des Hindu, eingesprungen war, betonte, dass die Tatsache, dass Premierminister Modi in erster Linie über Twitter kommunizieren könne und die Medien dem nichts entgegenzusetzen wüssten, zeige, dass die Medien „ihren Job“ in der Tat nicht ausreichend erledigen würden.

Der zweite Konferenztag begann mit einer Podiumsdiskussion zur Zukunft der Medien. Gezielt sprachen die Referenten hierbei wiederholt die Studenten an. Raj Kamal Jha betonte, dass es keinen Raum mehr für mittelmäßigen Journalismus gebe. Mit Blick auf die Arbeit des Indian Express an den sog. „Panama Papers“ verwies er darauf, dass Zusammenarbeit in immer komplexer werdenden Zeiten immer mehr an Bedeutung gewinne. Krishna Prasad verwies darauf, dass es stets Marktlücken für Journalisten geben werde, insbesondere bei der Behandlung lokaler Themen: „Es ist unglaublich, wie schwach Indien regional durch die etablierten Medien abgedeckt ist.“

Dr. Michael Lüders warb bei den Nachwuchsjournalisten für das Kennenlernen fremder Kulturen. Es sei - insbesondere für Journalisten - notwendig, fremde Kulturen zu verstehen, statt Probleme aus der Perspektive der eigenen kulturellen Überlegenheit zu betrachten. Siddarth Bhatia betonte: „Als wir mit The Wire online gingen, wussten wir wenig über die technischen Herausforderungen, doch noch weniger über die sich bietenden Möglichkeiten.“

Die abschließende Podiumsdiskussion gehörte den Studenten von SPJS und NUJS, welche ihren persönlichen Rückblick auf die Konferenz und ihre Perspektive zur Zukunft der Medien offenbarten. Besonders intensiv wurde hierbei die Rolle sozialer Medien und der Umgang mit sogenannten „Fake News“ diskutiert.

Im Anschluss an die Konferenz hielt Dr. Lüders ein Seminar an der SPJS, in deren Rahmen er sich intensiv mit den Nachwuchsjournalisten austauschte und den Schwerpunkt auf das Verfassen von journalistischen Meinungsartikeln legte. Die Studenten verfassten in diesem Rahmen Artikel zu aktuellen politischen Prozessen in Indien und der Welt.

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