Veranstaltungsberichte

Medien: Eine Glaubwürdigkeitskrise

von Mark Alexander Friedrich

Siebte Editor´s Conclave in Kalkutta

Vom 9.-11. Dezember fand in Kalkutta die von der C. R. Irani Stiftung gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte Editor´s Conclave statt. Thema der bereits zum siebten Mal stattfindenden Konferenz war die Glaubwürdigkeitskrise der Medien in Indien und weltweit. Die Eröffnungsrede hielt der ehemalige Foreign Secretary Indiens und stellv. Generalsekretär a. D. der Commonwealth of Nations, Krishnan Srinivasan. Ein Impulsreferat gab Dr. Michael Lüders, ehem. Nahostkorrespondent der Zeit und Autor, der anschließend auch ein Seminar an der Statesman Print Journalism School (SPJS) hielt.

Eröffnet wurde die siebte Auflage der jährlich stattfinden Konferenz durch Krishnan Srinivasan. Dieser betonte, dass die indische Medienlandschaft „robust und weit ist und die Vielfalt der Nation reflektiert.“ Zugleich verwies er aber auch darauf, dass Meinungen zu oft als Nachrichten getarnt würden und wirtschaftliche Interessen zu großen Einfluss auf die Auswahl von Kommentatoren im Fernsehen hätten. Problematisch sei zudem, dass es im Gegensatz zum Presserat für Printmedien für das Internet keinerlei Kontrollinstanz gäbe.

In ihren Begrüßungsreden betonten sowohl Ravindra Kumar, Chefredakteur des Statesman, als auch Pankaj Madan, Programmkoordinator der Konrad-Adenauer-Stiftung Indien, die lange Zusammenarbeit zwischen der C. R. Irani Stiftung und der KAS. Dr. Lüders ging in seinem Impulsreferat auf die Herausforderungen für die deutsche Medienlandschaft ein. Er verwies auf die Gefahr, dass immer mehr Journalisten sich auf eine oberflächliche Unterteilung der Welt in „Gut und Böse“ beschränkten. Weiterhin betonte er, dass für gute Berichterstattung Distanz zwischen Journalisten und Politikern wichtig sei und bedauerte, dass viele Journalisten die Nähe zur Politik suchten.

Das erste Konferenzpanel diskutierte die Schwere der Medienkrise und wer für den Glaubwürdigkeitsverlust verantwortlich sei. Die Journalistin Kalyani Shankar kritisierte den „Sensationalismus“ der Medien und eine mangelhafte Überprüfung von Meldungen auf deren Richtigkeit. Trotzdem würden Printmedien in Indien weiterhin eine wichtige Rolle einnehmen. Sam Rajappa, Journalist und Gründungsdirektor der SPJS, hinterfragte, ob die Zeitungspreise von fünf Rupien und weniger zu einer Abhängigkeit von anderweitigen Einnahmequellen und dementsprechend zu einer sinkenden Unabhängigkeit der Zeitungen geführt hätten. Siddarth Bhatia, Gründungsredakteur von The Wire, merkte an, dass der Titel der Konferenz eine Aussage und zugleich ein Aufruf zum Handeln sei. Zwar habe es nie die „guten alten Zeiten“ gegeben, doch sei die Berichterstattung „weniger lärmend“ gewesen und Journalisten hätten nicht ausschließlich auf die nächste Schlagzeile geschaut, sondern sich auch langfristig engagiert. Pradip Phanjoubam, Redakteur der Imphal Free Press aus dem nordöstlichen Bundesstaat Manipur betonte: „der Austausch unterschiedlicher Meinungen sollte im selben Medium stattfinden“ um den Lesern das ganze Meinungsspektrum aufzuzeigen. Er erläuterte die Herausforderungen, vor denen Zeitungen im Nordosten stünden und hinterfragte die Sinnhaftigkeit des Verbots von Kritik an einzelnen Institutionen.

Thema des zweiten Panels war, ob Medien einer staatlichen Regulierung bedürfen oder eine Selbstregulierung ausreiche. Raj Kamal Jha, Chefredakteur des Indian Express, verwies darauf, dass indische Medien bereits durch eine Vielzahl an Gesetzen reguliert seien und sagte, dass das Problem eher von schlechtem oder mittelmäßigem Journalismus ausginge, ein Problem, dass „im Redaktionsraum gelöst werden“ könne. Insbesondere kritisierte er die Praxis – oftmals ungenügend gekennzeichneter – bezahlter Inhalte. Mukund Padmanabhan, Redakteur bei The Hindu Business Line, zeigte sich ebenso kritisch gegenüber staatlicher Regulierung. Er verwies auf das Beispiel des Ombudsmannes, den The Hindu speziell für Fragen journalistischer Ethik installiert habe. Dr. Lüders ging auf die Situation der Medien in Deutschland ein. Er betonte, dass es keine Regulierung gebe und der Fall von Netzpolitik.org die starke Stellung der unabhängigen Medien zuletzt verdeutlicht habe. Zugleich stelle er jedoch eine zunehmende Angleichung der in den unterschiedlichen Zeitungen vertretenen Meinungen fest. Shah Hossain Imam, Co-Redakteur beim Daily Star aus Bangladesch, verglich die Regulierung der Presse in Indien und seinem Heimatland und stellte starke Parallelen in der Gesetzgebung fest. Auch er betonte die Ansicht, dass „Regulierung innerhalb des Systems wichtiger ist, als Regulierung von außen.“

Das dritte Panel befasste sich mit Medienstandards und der Frage, wer diese festlegt. Raj Kamal Jha verwies auf die Veränderungen der Berichterstattung. Statt der Beantwortung der fünf W-Fragen (Was? Wer? Wann? Wo? Wie?) müssten Zeitungen heute Hintergrundinformationen liefern, weswegen er für seine Zeitung mehr nach Experten als nach guten Schreibern suche. Mukund Padmanabhan verwies auf das Phänomen, dass eine wachsende Zahl von Online-Formaten mittlerweile auch Zeitschriften herausgebe. Sidharth Batia veranschaulichte auf Grundlage von The Wire, einer Online-Publikation, welche auf Non-Profit-Basis funktioniert, die Notwendigkeit der Suche nach neuen Geschäftsmodellen für Medien. Die Teilnehmer waren sich darin einig, dass Printmedien nur dann überleben könnten, wenn diese dauerhaft qualitativ hochwertigen Journalismus lieferten, was insbesondere das strenge Überprüfen von Meldungen bedürfe.

Auf einem abschließenden Panel diskutierten Studenten der Bengal National University of Judicial Sciences und der SPJS die Erkenntnisse der Konferenz und ihre Sicht auf die Zukunft der Printmedien. Dabei wurde deutlich, dass die anwesenden Nachwuchsjournalisten durch Presseregulierung eine Bedrohung für die Pressefreiheit fürchten, während die Jurastudenten in maßvollen Regulierungen vielmehr eine Chance zur Wahrung von Meinungs- und Pressefreiheit zu erkennen glaubten.

Im Anschluss an die dreitägige Konferenz besuchte Dr. Lüders die SPJS. Drei Tage lang begleitete er die Nachwuchsjournalisten auf einem Rechercheausflug in Kalkutta, tauschte sich mit Studenten zu ihren Karriereplänen aus und hielt ein Seminar, für welches die Studenten zu sozialen und gesellschaftlichen Themen recherchieren und kurze Artikel verfassten.