‘Abduh, Muhammad (1849–1905)

Muhammad ‘Abduh war ein ägyptischer Rechtsgelehrter, Richter und Schriftsteller, der bestrebt war, den Islam, die Vernunft und moderne Wissenschaften miteinander zu vermählen. Durch seinen spirituellen Mentor Dschamal ad-Din al-Afghani wurde er mit europäischen Denkern vertraut. Er vertrat die Ansicht, dass eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung nur durch Bildung zu erreichen sei. ‘Abduh beschäftigte sich insbesondere mit dem Islam und seinem Platz in der Moderne und vertrat die Ansicht, dass der Islam von dekadenten Einflüssen bereinigt und in seinen Urzustand zurückgeführt werden müsse. Insbesondere prangerte ‘Abduh die Aufspaltung des Islams in verschiedene Rechtsschulen an und forderte, dass sich das »Tor der freien Rechtsauslegung« (→ s. idschtihad) wieder öffnen müsse. Auch wenn seine Ideen nicht zuletzt vor dem Hintergrund der erwachenden ägyptischen Nationalbewegung zu lesen sind, in dessen Rahmen er den Islam als Instrument verstand, das gegen westliche Einflüsse schützen sollte, ist er für moderne Salafisten attraktiv: So forderte ‘Abduh die Rückbesinnung auf Koran und Sunna, kritisierte die Heiligenverehrung des Volksislams und andere »Neuerung« (→ s. bid‘a). Es war jedoch vor allem sein Schüler Raschid Rida, der ‘Abduhs Wirken in der Retrospektive salafisierte.

Dr. Christian Funke