HAMAS

Das Akronym HAMAS („Harakat al-Muqawama al-Islamiya“) bezeichnet die sog. „Bewegung des Islamischen Widerstands“, die anlässlich der Intifada von 1987 im Gaza-Streifen als regionaler Ableger der Muslimbruderschaft durch Scheich Ahmed Yassin und weiteren Muslimbrüdern am 10. Dezember 1987 gegründet wurde. In der arabischen Sprache steht ihr Name auch für Eifer bzw. Glaubenseifer. Seit ihrer Gründung verfolgt sie die doppelte Zielsetzung, sowohl mit hoher Militanz gegen den Staat Israel zu kämpfen als auch ein innerpalästinensisches Gegengewicht zur Fatah-Bewegung bzw. zur PLO (Palästinensische Befreiungsfront) zu etablieren.

Sie ging im Wesentlichen aus der bereits von Yassin 1980 gegründeten Organisation Madschd al-Mudschahedin („Ruhm der Mudschahedin“) hervor. Die HAMAS lehnt das Existenzrecht Israels ab und folgt dem bewaffneten Djihad, mittels dem sie den Staat Israel zu vernichten versucht. Ihre eliminatorische Israelfeindschaft und ihren Antisemitismus bringt sie in ihrer Charta vom 18. August 1988 unmissverständlich zum Ausdruck, in der es beispielsweise heißt, mit dem bewaffneten Djihad gegen die „Unterdrücker“ zu kämpfen, um Gottes Banner über jeden Zentimeter Palästinas hissen zu können und die Herrschaft des Islam zu verwirklichen. Jüdische Menschen werden in der Charta an vielen Stellen insgesamt stark abgewertet.

Dieser eliminatorische Antisemitismus stellt ein wesentliches ideologisches Strukturmerkmal der HAMAS dar, wodurch sie in der Traditionslinie vieler anderer djihadistischer Organisationen steht (siehe auch Antisemitismus im Islamismus). Bereits seit ihrer Gründung unterhält sie Schulen, in denen sie Schüler im Geiste des Antisemitismus und des bewaffneten Djihad erzieht. Hierfür wird sie durch verschiedene arabische Staaten finanziell unterstützt. Die Izzaddin al-Qassam-Brigaden stellen den bewaffneten Arm der HAMAS dar, benannt nach einem Scheich, der laut HAMAS Mitte der 1930er Jahre an der Seite von Muslimbrüdern gegen die britischen Besatzungstruppen sowie gegen die Juden in Palästina gekämpft haben soll und dabei den Märtyrertod gestorben sei. Sowohl Selbstmordattentate und Raketenangriffe als auch Entführungen von israelischen Soldaten gehören zur terroristischen Raffinesse der Qassam-Brigaden.

Neben ihrer Eigenschaft als djihadistische Organisation formierte sich die HAMAS als politische Partei sowie als karitative Organisation. Mittels Spenden an Bedürftige sowie durch ihren eigenen TV-Sender „Al-Aqsa-TV“ versucht sie, die Palästinenser für ihre Sache zu vereinnahmen. So gelang es ihr, bei den Parlamentswahlen im Januar 2006 im palästinensischen Parlament, dem Legislativrat, 76 Sitze zu gewinnen sowie die Macht in Gaza zu ergreifen.

Aus den Qassam-Brigaden rekrutieren sich seither wesentliche Teile der Sicherheitskräfte des Innern in Gaza, mit deren Hilfe die vollständige Kontrolle der HAMAS über Gaza verankert werden konnte. Folge war ein bewaffneter Kampf zwischen der HAMAS auf einer Seite und der Fatah-Bewegung bzw. mit ihrem bewaffneten Arm, den Al-Aqsa-Brigaden, auf der anderen Seite.

Organisatorisch gliedert sich die HAMAS neben ihrem bewaffneten Arm in zwei Entscheidungsgremien. Der Shura-Rat besteht aus 77 Mitgliedern und wählt das Politbüro. Das Politbüro stellt die oberste Entscheidungsinstanz dar und umfasst 15 Mitglieder, dessen Vorsitzender Khaled Meschal ist, der in Katar im Exil lebt. Bei den Neuwahlen zur Führung der HAMAS im April 2012 wurden auch Verantwortliche der Qassam-Brigaden in das Politbüro gewählt.

Durch ihren bewaffneten Arm war die HAMAS im Laufe ihrer Geschichte fortlaufend in der Lage, durch Selbstmordschläge und durch Raketenangriffe den Staat Israel in seinem Sicherheitsanspruch herauszufordern. Als Ende September 2000 die zweite Intifada ausbrach, nutzte die HAMAS die Stimmungslage in der palästinensischen Bevölkerung und verstärkte ihre propagandistischen und gewalttätigen Bemühungen gegen Israel. Ihr Mitbegründer Yassin prägte bis zu seiner Liquidierung im März 2004 das Gesicht der HAMAS wie kein anderer. Er befahl dutzende Selbstmordattentate gegen israelische Soldaten und Zivilisten und lehnte den Friedensprozess von Oslo 1993 kategorisch ab, weil dieser für ihn einen „Ausverkauf palästinensischer Interessen“ darstellte. Sein Nachfolger Abd al-Aziz ar-Rantisi setzte diesen Kurs fort, aber einen Monat später wurde auch er durch das israelische Militär getötet. Neuer HAMAS-Führer ist seither Khaled Meschal.

Seit ihrer Machtergreifung in Gaza ist es ihr gelungen, mehrere israelische Gegenreaktionen zu provozieren, die sie propagandistisch für sich zu nutzen versuchte. Als terroristische Anschläge den Sicherheitsanspruch Israels jahrelang auf die Probe stellten und die HAMAS 2006 für die Entführung des israelischen Soldaten Gilad Shalit verantwortlich war sowie verstärkt auf Raketenangriffe gegen israelisches Gebiet setzte, reagierte Israel Ende 2008 bis Januar 2009 mit der Militäroperation „Cast Lead“, die zu einer vorübergehenden Schwächung der HAMAS führte. Laut israelischem Militär konnte die HAMAS in der Folgezeit jedoch die Anzahl ihrer Raketen verdoppeln und technisch verbessern, die durch eine erweiterte Reichweite vereinzelt bereits in den Großraum von Tel Aviv einschlagen konnten. Durch diese Entwicklung provozierte die HAMAS bereits im November 2012 als auch im Laufe des Jahres 2013 sowie im Sommer 2014 („Operation Protective Edge“) erneute israelische Gegenreaktionen. Mit der letztgenannten Operation gelang es, große Teile der terroristischen Infrastruktur der HAMAS zu zerstören, insbesondere zahlreiche Tunnelsysteme konnten beseitigt werden, über die zuvor aus Ägypten Waffen wie Raketen sowie Sprengstoff nach Gaza geschmuggelt werden konnten.

Trotz ihrer Fokussierung auf ihr regionales Ziel, Israel zu vernichten, sind ihre Anhänger auch außerhalb Palästinas vertreten. Laut Bundesamt für Verfassungsschutz ist die HAMAS auch hierzulande mit etwa 300 Anhängern präsent, die die Bundesrepublik als Ruhe- und Rückzugsraum sowie für Demonstrationen nutzen, ohne dabei offen als HAMAS aufzutreten. (1) In Deutschland versucht sie über verschiedene Tarnorganisationen Spendengelder zu sammeln. Seit dem Gründungsjahr der HAMAS 1987 verstand sich der bereits 1982 in Deutschland gegründete Verein Islamischer Bund Palästina (IPB) als Vertreterorganisation der HAMAS in Deutschland, dessen Gründung zeitgleich mit derjenigen des Tarnvereins Al-Aqsa e. V. in Aachen verlief, welcher bis 2002 Spendengelder für die HAMAS sammeln konnte, bevor es am 31. Juli 2003 zu einem Vereinsverbot durch den Bundesminister des Innern kam, welches 2004 durch das Bundesverwaltungsgericht bestätigt wurde. Anschließend gründete sie den Verein Yatim Kinderhilfe e. V. in Essen, der ebenfalls verboten wurde. Am 25. April 2015 fand in Berlin – zum vierten Mal in Deutschland – die „13. Konferenz der Palästinenser in Europa“ statt, die durch das Palestinian Return Centre (PRC) aus London, welches der HAMAS nahe steht, sowie durch die Palästinensische Gemeinschaft Deutschland organisiert wurde. Auf den Konferenzen traten in der Vergangenheit Vertreter der HAMAS auf, und einige Teilnehmer zeigten oftmals offen ihre Solidarität mit der HAMAS.

In der Türkei geht ihr Engagement noch einige Schritte weiter. Dort unterhält sie seit einigen Jahren ein Trainingslager, welches von dem HAMAS-Funktionär Saleh Muhammad Suleiman al-Arouri koordiniert wird und in dem bereits Djihadisten ausgebildet wurden. Auffallend ist vor allem die Nähe zwischen der türkischen Regierungspartei AKP und der HAMAS. Auf einem Kongress der AKP Ende 2014 wurde Khaled Meschal vom türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu unter großem Jubel der Anwesenden empfangen. In seiner Rede betonte er vor allem seine tiefe Freundschaft zur Türkei.

Dr. Peter Wichmann

(1) Bundesministerium des Innern, Verfassungsschutzbericht 2014, Berlin 2015, S. 92 und S. 105-106.

Lesetipps:

  • Joseph Croitoru, Hamas. Der Islamische Kampf um Palästina, München 2007.
  • The Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Center, Senior Hamas Operatives Based in Turkey. Continue Directing Terrorist Networks in Judea and Samaria, 9. Dezember 2014.
  • Ebd., Saleh al-Arouri, 20. August 2014.