Islamische Bewegung Usbekistan (IBU)

Bei der Islamischen Bewegung Usbekistan (IBU) handelt es sich um eine djihadistische Organisation, die 1998 in Afghanistan gegründet wurde, um von dort Anschläge gegen die Machtelite Usbekistans und den Präsidenten Islam Karimov zu planen, zunächst mit dem Ziel einer islamischen Herrschaftsordnung in Zentralasien. Später orientierte sie sich mehr und mehr am globalen Djihad.

In ihrer Gründungszeit baute sie zugleich in Tadschikistan einen weiteren Stützpunkt auf. In einer Erklärung der IBU im April 1999 unterstellte sie dem Regime Karimov, Christen und Juden in Usbekistan eine dominierende Stellung im militärischen, politischen und wirtschaftlichen Machtbereich zu ermöglichen. Außerdem würde Karimov den Islam in Usbekistan auf politischem Wege beseitigen, wie es Israel und die USA weltweit anstreben würden. Seit ihrer Gründung unterhält die IBU Ausbildungslager, in denen ihre Anhänger auf terroristische Anschläge und auf Entführungen vorbereitet werden, mit denen sie ihren Machtanspruch zum Ausdruck bringen möchte. Am 16. Februar 1999 vollbrachte sie mit vier Autobomben eine simultane Anschlagsserie vor Regierungsgebäuden und einer Diskothek in der usbekischen Hauptstadt Taschkent.

Trotz ihres ursprünglich regionalen Interesses kooperiert sie seit den 2000er Jahren mit Al-Qaida. Seit ihrer Gründungszeit arbeitet sie auch mit den Taliban zusammen. Ihre Führungsfiguren Tahir Yoldashev und Dschuma Namangani waren bereits in den 1990er Jahren Teil der usbekischen Oppositionsbewegung und konnten in dieser Zeit eine djihadistische Infrastruktur aufbauen, die es ihnen wiederum später ermöglichte, eine Organisation wie die IBU aufzubauen. Namangani operierte zwischenzeitlich in Tadschikistan und beteiligte sich am Bürgerkrieg. In der Folgezeit waren beide bemüht, ihr djihadistisches Netzwerk weiter auszubauen.

Seit dem westlichen Engagement in Afghanistan nach 9/11 verlagerte die Islamische Bewegung Usbekistan (IBU) ihre terroristische Infrastruktur ins benachbarte Pakistan, von wo aus sie sich am Kampf gegen die pakistanischen Machthaber beteiligte. Seit dieser Zeit bemüht sie sich allmählich auch um eine internationalere Anhängerschaft und um eine weltweite Medienpräsenz.

Nach dem Gaza-Krieg zwischen Israel und der HAMAS um die Jahreswende 2008/2009 propagierte Yoldashev einen weltweiten „Djihad gegen alle Feinde des Islam“, der zuvor seine regionalen Ziele als wichtiger ansah. Durch diese verstärkte Orientierung am globalen Djihad gelang es der IBU, aus verschiedenen Ländern Anhänger zu rekrutieren, mit denen eine internationalere Medienpräsenz aufgebaut werden konnte. Hierzulande hat sie sich bereits einen Namen machen können, weil sie in ihren Reihen exponierte Anhänger aus der salafistischen Szene Deutschlands rekrutieren konnte, die sich ihrerseits mittels Videobotschaften regelmäßig an die deutschen Muslime gewendet haben, um diese für eine Beteiligung am bewaffneten Djihad zu motivieren.

Zu den prominentesten deutschen Vertretern gehörten die Brüder Yassin und Monir Chouka (Kampfnamen Abu Ibraheem al-Almani und Abu Adam al-Almani) aus Bonn, die sich 2015 dem IS in Syrien anschließen wollten, jedoch auf iranischem Gebiet gestoppt wurden. Yassin Chouka kam hierbei ums Leben. In den Jahren zuvor waren sie das mediale Aushängeschild der IBU, weil sie Internetvideos produzierten, die sich rasch verbreiteten und teilweise in Gestalt von islamischen Hymnen (Nasheed) in Szene gesetzt wurden, um ein junges Publikum anzusprechen. In deutscher Sprache riefen sie dazu auf, dass sich ihre muslimischen Brüder aus Deutschland dem bewaffneten Djihad anzuschließen haben, weil die Muslime überall einer Unterdrückung ausgesetzt seien. Der Märtyrertod wird in ihren Videos glorifiziert und der bewaffnete Djihad wird als eine Pflicht eines jeden Muslims propagiert. Insbesondere das Engagement der Bundeswehr wird als Angriff auf die Muslime bezeichnet. So erklärte Yassin Chouka in einer am 2. Juni 2011 veröffentlichten Videobotschaft, dass die Deutschen für die getöteten Menschen in Afghanistan eine führende Verantwortung tragen, weshalb man sich nicht wundern solle, wenn Deutsche Anschlagsziel werden (siehe auch Jihādistische Rechtfertigungen von Gewalt gegen Deutschland). Bereits 2009 veröffentlichte die IBU ein Video, worin die Führungsfigur Tahir Yoldashev die deutsche Regierung als „verbrecherisch“ bezeichnet, deren „Söhne im Dienst der Juden“ stünden.

Diese antisemitische Lesart findet sich in zahlreichen Verlautbarungen djihadistischer Schriften, die ein ideologisches Strukturmerkmal des bewaffneten Djihad darstellen (siehe auch Antisemitismus im Islamismus). Verschiedene weitere Videos folgten, die unter provokanten Titeln im Internet Verbreitung fanden. Hierzu zählen u.a. das Video „Böses Vaterland“ (Dezember 2011), worin Anschläge in Deutschland angekündet werden, sowie „Ja, wir sind Terroristen“ (März 2012), in dem die Taten Arid Ukas verherrlicht werden, und schließlich das Video „Tod der Pro-NRW“ (Mai 2012), in dem sie dazu aufrufen, Mitglieder der rechtsextremen Partei Pro-NRW zu töten. Im März 2013 wurde ein entsprechendes Attentat auf den Parteivorsitzenden durch die deutsche Polizei vereitelt.

Aus der „Salafistenhochburg“ Bonn rekrutierte die IBU auch Bekkay Harrach (Kampfname Abu Talha der Deutsche), der kurz vor der Bundestagswahl 2009 für Schlagzeilen sorgte, als dieser sich mit einer Videoansprache an die Bundesregierung wandte, in der er ein Ultimatum für den Abzug aller deutscher Soldaten aus Afghanistan setzte. Andernfalls würde nach Ablauf des Ultimatums ein Anschlag in Deutschland stattfinden. Harrach wurde aus dem salafistischen Umfeld der wahhabitischen König-Fahd-Akademie in Bonn rekrutiert und starb 2010 bei seinem Versuch, eine US-Militäreinrichtung in Bagram (Afghanistan) zu stürmen. Bereits 2003 soll er im palästinensischen Westjordanland am bewaffneten Djihad gegen das israelische Militär beteiligt gewesen sein. Anschließend versuchte er über den Irak nach Syrien zu reisen, wo er jedoch festgenommen wurde. Aufgrund des Bemühens deutscher Behörden wurde er freigelassen und kam 2004 zunächst nach Deutschland zurück, von wo aus er seine djihadistische Laufbahn weiter fortsetzte.

Ein weiterer IBU-Anhänger aus dem deutschsprachigen Raum war Samir H. aus Aachen (Kampfname Abu Laith), der 2012 im pakistanischen Grenzgebiet ums Leben kam, wo auch der türkeistämmige Deutsche Bünyamin Erdoğan bereits 2010 durch eine Drohnenrakete getötet wurde. Einige weitere Djihadisten aus Deutschland haben sich zwischenzeitlich der IBU angeschlossen und sich ihrerseits mittels Videobotschaften ein Publikum geschaffen. Wie die Reisebemühungen der Chouka-Brüder zeigen, scheint der IS nunmehr eine stärkere Anziehungskraft auf westliche Salafisten auszuüben, die sich am bewaffneten Djihad beteiligen wollen. Auch einige Mitglieder der zweiten Hamburger-Zelle, die sich Mitte der 2000er Jahre um Naamen Meziche formierte – der wiederum Verbindungen zur ersten Hamburger-Zelle und zu Al-Qaida aufwies –, schlossen sich etwa im März 2009 zunächst der IBU an, verließen diese jedoch kurze Zeit später, teilweise wegen Geld- und Sprachproblemen, teilweise wegen einer zu harten terroristischen Ausbildung. Anschließend schlossen sie sich Al-Qaida an.

Dr. Peter Wichmann

Lesetipps:

  • Guido Steinberg, Al-Qaidas deutsche Kämpfer. Die Globalisierung des islamistischen Terrorismus, Hamburg 2014.
  • Peter Wichmann, Al-Qaida und der globale Djihad. Eine vergleichende Betrachtung des transnationalen Terrorismus, Wiesbaden 2014.