Islamische Jihad Union (IJU) und die Sauerland-Gruppe

Die Islamische Jihad Union (IJU) entstand etwa 2002 im pakistanischen Grenzgebiet als Abspaltung der Islamischen Bewegung Usbekistan (IBU) und nannte sich zunächst Islamic Jihad Group. In Nordwaziristan unterhält sie Ausbildungslager, wo sie ihre Anhänger in Waffenkunde und Sprengstoff ausbildet, damit diese durch terroristische Anschläge den bewaffneten Djihad vorantreiben. Mit der Zeit fokussierten sie ihre Anschläge auf US-amerikanische und israelische Symbole. Am 30. Juli 2004 verübten sie Selbstmordanschläge gegen die israelische und gegen die US-amerikanische Botschaft in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Etwa seit dieser Zeit gehört sie zu den Kooperationspartnern Al-Qaidas, um den globalen Djihad voranzutreiben. Die IJU ist seither darum bemüht, Anhänger aus unterschiedlichen Ländern anzuwerben. So zum Beispiel aus der Bundesrepublik Deutschland, wo sie aus der salafistischen Szene freiwillige Djihadisten anwirbt.

Der türkischstämmige Cüneyt Ciftci war einer der ersten Rekruten der IJU aus Deutschland, der am 3. März 2008 in der afghanischen Provinz einen Selbstmordanschlag auf US-amerikanische und afghanische Truppen verübte, durch den zwei US-amerikanische und zwei afghanische Soldaten ums Leben kamen. In Deutschland erlangte die IJU jedoch bereits im Jahr 2007 Aufmerksamkeit, als vier ihrer Anhänger im sauerländischen Oberschlehdorn festgenommen wurden, die eine Zelle der IJU gebildet und am Bau von Bomben gearbeitet hatten, bevor sie vom Bundeskriminalamt am 4. September 2007 verhaftet wurden.

Der Gerichtsprozess gegen die „Sauerland-Zelle“ der IJU verschaffte der Öffentlichkeit ausführlich Aufschluss darüber, über welchen Weg Fritz Gelowicz, Daniel Martin Schneider, Attila Selek und Adem Yilmaz in Deutschland radikalisiert und für die IJU rekrutiert worden waren, die sie ins pakistanische Grenzgebiet brachte und in einem Ausbildungslager auf terroristische Anschläge in Deutschland vorbereitete. Gegenüber dem Bundeskriminalamt legten die vier vor ihrem Prozess ein ausführliches Geständnis ab. Die Sauerland-Zelle beabsichtigte US-amerikanische Einrichtungen sowie deutsche Flughäfen durch Sprengsätze zu attackieren, um ein Zeichen gegen den Afghanistaneinsatz zu setzen. Hierfür spionierte sie die US-Militärbasis Rammstein aus. Für die Besorgung von Sprengzündern war der in der Türkei ansässige Mevlüt Kar verantwortlich. Bevor sie hierfür in ein terroristisches Ausbildungslager in Pakistan reisten und in Sachen Sprengstoff und Waffenkunde ausgebildet wurden, radikalisierten sich die Mitglieder der späteren Sauerland-Zelle in der deutschen Salafistenszene auffallend zügig.

Bei dieser Radikalisierung zu entschlossenen Djihadisten spielten fundamentalistische Islam-Seminare in verschiedenen Hochburgen des Salafismus eine entscheidende Rolle. Darunter befand sich das berüchtigte Multikulturhaus e.V. in Neu-Ulm, welches seit seiner Gründung 1996 zum Sammelbecken des salafistischen Djihadismus wurde und dessen Anhänger in den 1990er Jahren vor allem den bewaffneten Djihad in Bosnien und Tschetschenien unterstützten. Dieses Sammelbecken übte nachhaltigen Einfluss auf einige der Mitglieder der späteren Sauerland-Zelle aus. Aus diesem „Multikulturhaus“ entstammte auch Reda Seyyam, der bereits in Bosnien aktiv am Djihad teilnahm und verdächtigt wurde, die Anschläge auf Bali am 12. Oktober 2002 finanziert und unterstützt zu haben. Ebenso trafen sie in Bonn auf salafistische Prediger, die sie in ihrem Entschluss, sich dem bewaffneten Djihad anzuschließen, bestärkten. Hier trafen sie u.a. auf den bekannten Salafisten Mohammed Behnsain (Abu Jamal), dem bei der Rekrutierung von Djihadisten eine Schlüsselrolle nachgesagt wird. Schneider, der vor seiner Zeit bei der IJU durch ein schweres Raubdelikt und Drogendelikte auffällig war, wurde von Hussain al-Malla vom Islam überzeugt und sprach in der Yunus-Emre-Moschee der türkischen Moscheegemeinde DITIB in Neunkirchen das islamische Glaubensbekenntnis. Als er sich zunehmend radikalisierte, nutze er seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr, um eine erste Kampfausbildung zu erhalten. Zum Umfeld von Schneider gehörte auch Eric Breininger (Kampfname Abdullgaffar Almani) aus Neunkirchen, der seinerseits ebenfalls von der IJU rekrutiert wurde und sich ihr in Pakistan anschloss. Vor seiner Tötung Ende April 2010 trat er der Deutschen Taliban-Mudschahhedin (DTM) bei bzw. er war offenbar einer ihrer Mitbegründer, die u.a. von dem in Deutschland geborenen Türken Ahmet Manavbasi (Kampfnamen Abu Ishaaq al-Muhajir und Salahuddin Turki) im September 2009 in Nordwaziristan gegründet wurde. Manavbasi wiederum rief zugleich die Medienplattform Elif Media (Elif Medya) ins Leben, welche sowohl Videos der IJU als auch der DTM sowie der türkisch-aserbaidschanischen Djihadistengruppe Taifetül Mansura (Siegreiche Gruppe) verbreitete. Die DTM galt bis zu ihrer Auflösung etwa im April 2010 als deutscher Ableger der IJU.

Am 4. März 2010 wurden die Mitglieder der Sauerland-Gruppe zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Atilla Selek ist inzwischen wieder auf freiem Fuß. Weitere Helfer wie Kadir T. und Burhan Yilmaz, der Bruder von Adem Yilmaz, wurden wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland zu Bewährungsstrafen verurteilt. Wie der jüngste Fall in Berlin gezeigt hat, geht von entlassenen Häftlingen, die bereits einen Anschlagsversuch hinter sich haben und offenbar weiterhin vom bewaffneten Djihad überzeugt sind, eine erhebliche Gefahr aus: Rafik Mohamad Yousef verletzte am 17. September 2015 eine Polizeibeamtin in Berlin schwer, nachdem er nach mehrjähriger Haft auf freiem Fuß kam. 2004 plante er mit weiteren Mitgliedern der Ansar al-Islam (AAI, „Helfer des Islam“) ein Attentat auf den damaligen irakischen Ministerpräsidenten in Berlin. Adem Yilmaz erklärte 2009 vor Gericht, dass er sich durch den bewaffneten Djihad „eine Kugel fangen“ wollte und nach seiner Haftentlassung erneut in den bewaffneten Djihad ziehen möchte. In wenigen Jahren könnte auch er vorzeitig aus der Haft entlassen werden.

Die salafistischen Netzwerke in Deutschland spielen bei der Radikalisierung und Rekrutierung von Terroristen für den bewaffneten Djihad eine entscheidende Rolle. So konsumierte beispielsweise auch Arid Uka (Kampfname Abu Reyyan), der am 2. März 2011 zwei US-amerikanische Soldaten am Frankfurter Flughafen tötete, vor seiner terroristischen Tat salafistisches Propagandamaterial. Zudem besaß er Kontakte zu bekannten Salafisten aus Bonn und Frankfurt am Main.

Dr. Peter Wichmann

Lesetipps:

  • Rolf Clement/Paul Elmar Jöris, Die Terroristen von nebenan. Gotteskrieger aus Deutschland, München 2010.
  • Interview mit Peter Wichmann, in: Stefan Müchler, „Sich eine Kugel fangen“, Campus-Web, Bonn 28. August 2009, online abrufbar: http://www.campus-web.de/2/1935/8804/.