Islamismus. Seine Ursprünge, seine Entwicklung

Die Geschichte des Islamismus ist nicht identisch mit der Geschichte des Islam. Der Islam ist mehr als 1.400 Jahre alt, doch das Phänomen, das heutzutage als Islamismus bezeichnet wird, gibt es erst seit einem Jahrhundert. Nach Meinung vieler Historiker ist der Islamismus aus der Begegnung des Islam mit der Moderne – speziell der Moderne westlicher Prägung – entstanden. Für viele Muslime, besonders in der arabischen Welt, war die Kolonialzeit demnach eine demütigende Erfahrung, die viele Fragen nach der eigenen Identität aufwarf.

Trotz großer historischer Erfolge – mit Kalifaten und Imperien, die die halbe Welt regierten – war es für die Muslime seit dem 17. Jahrhundert bergab gegangen. Weite Teile der mehrheitlich islamischen Welt wurden vom Westen beherrscht, der seine imperialen Interessen durchsetzte und vielerorts jahrhundertealte soziale und kulturelle Normen über den Haufen warf. Möglich war das nur – so die Meinung vieler, die später zu Islamisten wurden –, weil die Muslime ihre islamische Identität vernachlässigt hätten und stattdessen zu zweitklassigen Kopien ihrer westlichen Kolonialherren geworden seien.

Was Bernard Lewis stark vereinfachend als die „Krise des Islam“ beschrieb, wurde nicht von allen Muslimen so empfunden. Die koloniale Erfahrung war an verschiedenen Orten ganz unterschiedlich ausgeprägt und brachte eine ganze Reihe, manchmal widersprüchlicher Phänomene hervor – vom Widerstand bis hin zur totalen Anpassung. Eine der ersten Reaktionen war nicht, wie man vermuten könnte, der Aufstand gegen den Kolonialismus, sondern der Versuch, die Essenz der eigenen Identität wiederzuentdecken. Besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden deshalb in verschiedenen Teilen der mehrheitlich muslimischen Welt religiös-fundamentalistische Bewegungen, die einen scheinbar reinen, nicht korrumpierten und vor allem an den religiösen Texten orientierten Islam predigten. Im von Großbritannien beherrschten Indien waren das die sogenannten Deobandis, deren Religionsschulen die Muslime vor westlichen Einflüssen schützen und zu einem strengen, puristischen Islam bekehren sollten.

Die „frommen Vorfahren“

In Ägypten formierte sich eine Gruppe junger Gelehrter an der berühmten Al-Azhar-Universität und propagierte eine ganz ähnliche Idee: die Rückbesinnung auf einen Islam, wie er angeblich zur Zeit des Propheten Mohammed und seiner unmittelbaren Nachfolger – der sogenannten „frommen Vorfahren“ (salaf, siehe auch al-salaf al-salih) – existiert hatte. Beide Bewegungen – Deobandis und Salafisten (siehe auch Salafiyya) – waren aus der Begegnung mit dem Westen entstanden, doch explizit politisch oder gar revolutionär waren sie zu Beginn kaum.

Das änderte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, speziell mit dem Entstehen der wohl bedeutendsten islamistischen Organisation, der Muslimbruderschaft, im Jahr 1928. Ihr Gründer war Hasan al-Banna (1906 bis 1949), ein Lehrer aus der ägyptischen Zone am Kanal, wo die Vorherrschaft Großbritanniens am deutlichsten zu spüren war. Al-Banna kam aus einer frommen Familie und empfand schon in jungen Jahren den Einfluss westlicher Ideen als destruktiv. In seiner Autobiographie schrieb er: „Nach dem Ersten Weltkrieg und während meiner Studentenzeit in Kairo überflutete eine Welle des Atheismus und der Wollust Ägypten. Im Namen der individuellen und intellektuellen Freiheit wurden Moralität und Religion zerstört. Nichts schien in der Lage, diesen Sturm aufzuhalten.“ (1) Als Antwort gründete al-Banna islamische Schulen, Wohlfahrtsvereine, Krankenhäuser und Berufsverbände – jeder Aspekt des gesellschaftlichen Lebens sollte vom Islam geleitet und durchdrungen sein. Die zentrale Idee und Botschaft – „Islam ist die Antwort“ – fiel auf fruchtbaren Boden: Ein Jahrzehnt nach ihrer Gründung hatte die Organisation in Ägypten eine halbe Million Mitglieder. Ein weiteres Jahrzehnt später gab es Anhänger und Filialen in allen Ländern der arabischen Welt. Das ultimative Ziel war nicht allein das Ende des Kolonialismus, sondern die Abschaffung säkularer Rechtssysteme und die Einführung der islamischen Scharia. Das bedeutete, dass die Aktivitäten der Muslimbruderschaft – obwohl zunächst das rein Spirituelle im Vordergrund gestanden hatte – letztlich auf einen politischen Konflikt hinausliefen.

Die Entstehung einer gewaltsamen, revolutionären Idee

Zur großen Konfrontation kam es in den 1950er-Jahren, als sich in Ägypten Oberst Gamal Nasser und die sogenannten Freien Offiziere an die Macht putschten. Der Anti-Kolonialismus Nassers war vielen Muslimbrüdern zunächst sympathisch, doch schnell wurde klar, dass Nasser die Islamisten nicht brauchte und ihren religiösen Ideen feindlich gegenüberstand. Unter den vielen islamistischen Intellektuellen, die sich zu dieser Zeit in den Gefängnisssen wiederfanden, war Sayyid Qutb (1906 bis 1966) – genauso wie al-Banna ein Lehrer –, der den relativ pragmatischen Islamismus der Muslimbrüder in eine gewaltsame, revolutionäre Ideologie uminterpretierte. Aus Qutbs Sicht waren moderne muslimische Staaten vergleichbar mit den heidnischen, „ignoranten“ (jahili) Gesellschaften der vor-muslimischen Zeit. „Unsere ganze Umgebung, die Ideen und Überzeugungen der Leute, ihre Traditionen und Kunst, ihre Regeln und Gesetze – sie alle sind jahili“, schrieb er. (2) Nur wer die „Souveränität“ Gottes absolut, hundertprozentig und ohne Vorbehalte akzeptiere, könne sich als Muslim bezeichnen. Die kleine Vorhut der wahren Muslime befände sich im Konflikt mit der ganzen Gesellschaft – und dieser Konflikt müsse mit allen Mitteln ausgetragen werden. Dschihad, so die Meinung Qutbs, bedeute vor allem bewaffneter Kampf, und der sei ein notwendiges Instrument, um die Herrschaft Gottes durchzusetzen.

Qutb wurde 1966 gehenkt, doch seine im Gefängnis geschriebenen Bücher gelten bis heute als Klassiker des Dschihadismus. Viele der von Nasser verfolgten Anhänger Qutbs fanden Unterschlupf in Saudi-Arabien, wo sich in den nachfolgenden Jahren seine Ideen und die dort dominante Religionsdoktrin gegenseitig befruchteten. Der saudische Wahhabismus (siehe auch Wahhabiyya), benannt nach seinem Begründer Mohammed al-Wahhab (1703 bis 1792), ist eine besonders harsche Ausprägung des Salafismus. Den Wahhabisten geht es nicht allein um eine Rückbesinnung auf den Islam der „frommen Vorfahren“, sondern um die Feindschaft gegenüber jeder Form des Unglaubens, des Polytheismus und der religiösen Innovation. Dazu gehören aus wahhabistischer Sicht die kompromisslose Trennung zwischen Gläubigen und Ungläubigen (kufr) und das Zerstören jeglicher Hinweise auf andere Religionen. Viele Aspekte des Wahhabismus passten gut zu Qutbs Vorstellung von der „Souveränität“ Gottes und der vermeintlichen „Ignoranz“ muslimischer Gesellschaften. Mehr noch: Sie lieferten Qutbs Anhängern – darunter sein Bruder Mohammed (1919 bis 2014), der an der Universität von Medina lehrte – ein politisches und religiöses Programm: die Vision einer aus ihrer Sicht perfekten Gesellschaft, die es nach der Revolution durchzusetzen galt. Der Dschihadismus – genauer gesagt: der dschihadistische Salafismus – ist, so gesehen, eine Kombination aus Qutbs Revolutionstheorie und wahhabistischer Religionsdoktrin.

Die Vielfalt der Strömungen

Was diese kurze Ideengeschichte deutlich macht, ist die Vielfalt an Strömungen innerhalb des islamistischen Spektrums. Der dschihadistische Salafismus ist nur eine von vielen Varianten. Es gibt auch Salafisten, die ihren weltlichen Herrschern die Treue schwören und sich auf die friedliche Missionierung (dawa) beschränken; und neuerdings gründen einige sogar politische Parteien und beteiligen sich am demokratischen Prozess. Ihnen allen geht es mittel- und langfristig um die Schaffung eines Gottesstaats wahhabistischer Prägung, doch die Mittel zu seiner Durchsetzung könnten unterschiedlicher nicht sein. Hinzu kommen die Muslimbrüder, die zwar ebenfalls religiös konservativ sind, aber den religiösen Eifer und Purismus der Wahhabisten ablehnen. Auch hier gibt es Pragmatiker, die das gemeinsame Ziel eines religiös verfassten Staates vor allem durch Basisarbeit („Islamisierung von unten“) oder Beteiligung an Wahlen erreichen wollen; daneben gibt es jene, die auch Gewalt und Terror einsetzen (wie zum Beispiel die palästinensische Gruppe Hamas). Zwischen all diesen unterschiedlichen Strömungen gibt es Kooperation, aber genauso häufig Feindschaft und gewaltsamen Konflikt.

Auch außerhalb Ägyptens und Saudi-Arabiens breitete sich der Islamismus in seinen verschiedenen Ausprägungen rasch aus. In Syrien zum Beispiel war die Muslimbruderschaft zunächst sehr pragmatisch. Ihr Gründer, ein Prediger namens Mustafa al-Sibai (1915 bis 1964), hatte in den 1930er-Jahren in Kairo studiert und dabei die Bekanntschaft al-Bannas gemacht. Unter seiner Führung beteiligte sich die Organisation an Wahlen, koalierte mit säkularen Parteien und stellte während der späten 1950er-Jahre den Verteidigungsminister, Parlamentssprecher und zweimal sogar für kurze Zeit den Premierminister.

Zur gleichen Zeit entstand eine zweite Fraktion, die aggressiver war, jegliche Beteiligung am demokratischen Prozess ablehnte und gelegentlich gewaltsame Mittel einsetzte. Eine dritte Gruppe war direkt von Sayyid Qutb inspiriert. Genauso wie Qutb betrachtete ihr Anführer Marwan Hadid (1934 bis 1976) die Gesellschaft als ungläubig und predigte den gewaltsamen Umsturz.

Genauso wie Qutb starb Hadid im Gefängnis, und genauso wie bei Qutb formierte sich nach seinem Tod eine terroristische Gruppe, die den gewaltsamen Umsturz betrieb. Doch die Kampagne der „Kämpfenden Vorhut“ – wie auch die aller anderen militant-islamistischen Gruppen – blieb zunächst auf das eigene Land beschränkt. Zur Internationalisierung und globalen Vernetzung der dschihadistischen Bewegung – und damit dem Beginn Al Kaidas – kam es erst in der Dekade ab 1979, als unterschiedliche Gruppen aus aller Welt durch den Afghanistankonflikt zusammengeschweißt wurden.

Dr. Peter R. Neumann

Dieser Text ist in ähnlicher Weise bereits erschienen in: Die Politische Meinung, hrsg. von Wolfgang Bergsdorf, Hans-Gert Pöttering, Bernhard Vogel, Ausg. 531/2015, S. 21-25.

(1) Al-Banna, zitiert in: Calvert, John, Sayyid Qutb and the Origins of Radical Islamism, London 2010, S. 81.

(2) Qutb, zitiert in: Calvert, Sayyid Qutb, op. cit., S. 217.

Lesetipps:

  • François Burgat, Face to Face with Political Islam, London 2005.

  • Gilles Kepel, Jihad: The Trail of Political Islam, London 2002.

  • Bernard Lewis, The Crisis of Islam, London/New York 2003.