Kalifat

Kalifat bezeichnet das nach dem Tode des Propheten geschaffene Amt, das die umma (→ s. umma) anführt sowie das von ihm beherrschte Territorium. Die Kalifen übernahmen als Nachfolger bzw. Statthalter Muhammads nicht dessen prophetische Aufgaben, da das Offenbarungsgeschehen als abgeschlossen galt. Jedoch musste die umma politisch, administrativ, militärisch und kultisch geführt werden. In der frühislamischen Debatte über die Herrscherlegitimation nahm die Frage, wer der geeignetste Kandidat für das Kalifat sei, eine zentrale Stellung ein. Sie führte zur Herausbildung der zunächst politischen Lager von Sunniten und Schiiten, die sich später auch in theologischen Fragen voneinander trennen sollten. Der Anspruch die gesamte umma zu führen wurde nie politische Realität und auch die tatsächliche Machtfülle der Kalifen nahm kontinuierlich ab. Mit der Eroberung Kairos durch die Osmanen (1517) und der Übertragung des abbasidischen Schattenkalifats auf den osmanischen Sultan findet auch der Anspruch, dass zumindest ein Angehöriger aus der Sippe Muhammads Kalif sein müsse, ein Ende. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Kalifatsidee aufgrund ihres Potentials für die panislamische Bewegung durch die Osmanen stärker betont. Mit der Absetzung des letzten Kalifen durch Mustafa Kemal Atatürk (1924) brach eine Debatte über die Wiederausrufung des Kalifats aus. Während Raschid Rida, der wichtigste Schüler Muhammad ’Abduhs (→ s. ’Abduh, Muhammad), die Notwendigkeit dessen betonte und somit zum Pate der aktuellen islamistischen Forderungen wurde, verlor die Frage innerhalb der islamischen Welt bald an Relevanz und an praktischen Lösungsvorschlägen.

Dr. Christian Funke