Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit im deutschsprachigen Salafismus

Unter muslimischen Gemeinschaften im Westen hat das Glaubens- und Gesellschaftsmodell des Salafismus in den letzten Jahren beträchtlich an Einfluss gewonnen. Seit Ende der 1990er Jahre sind salafistische Akteure auch in der Bundesrepublik Deutschland aktiv, seit ca. 2001 sind sie in diversen Netzwerken und zunehmend im öffentlichen Raum – hier vor allem im Internet – feststellbar (siehe auch Salafismus in Deutschland).

Von Beginn an verstanden es die Protagonisten der Bewegung, sich die ‚Neuen Medien‘ effektiv zunutze zu machen. Darin zeigte sich eine Kommunikationsstrategie, die es versteht, das Ziel der Verbreitung religiös-extremistischer Deutungsangebote mit den Bedürfnissen der modernen Mediengesellschaft zu verbinden. So werden seit ca. 2002 auf deutschsprachigen Internetseiten in sprunghaft ansteigender Zahl Rechtsgutachten (Fatawa, Sg. Fatwa), Predigten und islamische Glaubensauslegungen auf Deutsch bzw. in deutscher Übersetzung bereitgestellt. Diese Entwicklung korrespondiert mit dem globalen Anstieg mehrsprachiger Online-Angebote mit Audios, Videos, sogenannten „e-Fatwas“ und religiös-ideologischen Traktaten salafistischer Prediger.

Als Plattform zur Selbstdarstellung, Kommunikation und Vernetzung dienen vor allem Medien und soziale Netzwerke. Zudem verbreiten seit mehr als zehn Jahren diverse deutschsprachige Prediger – darunter etliche Konvertiten – salafistische Botschaften lokal und bundesweit auf Seminaren und Vorträgen.

Durch sichtbare und häufig provokante Aktivitäten wie z.B. Großveranstaltungen zur Solidarisierung mit inhaftierten „Glaubensgeschwistern“ und bundesweiten Infoständen – so etwa zur Verteilung kostenloser Koranexemplare, Broschüren oder Flyer mit islamischen Unterweisungen – ist der Salafismus als religiöse „Mainstream“-Ideologie in Medien und Öffentlichkeit sichtbar geworden. Im Internet beworben und teilweise als „Event“ zelebriert zeigen solche Aktionen vor allem in migrantischen Jugendmilieus einen nicht zu unterschätzenden Sogeffekt. Video-Mitschnitte von Vorträgen, Interviews und Statements im Zusammenhang mit Da’wa-Veranstaltungen (Da’wa = islamische Mission) werden im Anschluss in sozialen Netzwerken wie YouTube, Facebook und Twitter weiter verbreitet.

Für die Wirkung salafistischer Propaganda in der Öffentlichkeit nutzen salafistische Akteure und Sprecher bevorzugt gesellschaftliche Konfliktthemen, z.B. über die „korrekte“ islamische Glaubensausübung. So behaupten sie eine flächendeckende Tendenz zur „Islamfeindlichkeit“ oder zur Diskriminierung muslimischer Frauen, die einen Kopf- oder Gesichtsschleier tragen, festzustellen, um auf diese Weise Anhänger zu werben und die eigenen Reihen zu schließen.

Aktuelle Aktionsfelder salafistischer Netzwerke in Deutschland sind z.B. die Koranverteilkampagne „LIES!“ oder „Siegel der Propheten“ und sogenannte „Benefiz“-Veranstaltungen mit Spendensammlungen zugunsten von Muslimen in Konfliktgebieten wie Syrien.

Mit der LIES!-Kampagne versuchen die Akteure des Netzwerks „Die Wahre Religion“ (DWR) seit 2011 in deutschen Innenstädten religiös wenig gefestigte Muslime und Nicht-Muslime an die salafistische Szene heranzuführen und diese Form der extremistischen Islamauslegung weiter zu verbreiten.

Eine aufsehenerregende, wenn auch lokale Propaganda-Aktion salafistischer Protagonisten in NRW war 2014 die Aktion „Shariah Police“. Der Aktion zugrunde lagen Beispiele und Erfahrungen aus Großbritannien, aber auch aus verschiedenen außereuropäischen Ländern. Durch eine an Polizeistreifen angelehnte „Patrouille“ vor Restaurants und Spielhallen versuchten Akteure der salafistischen Szene vor allem junge Muslime zur Befolgung islamischer Glaubensvorschriften z.B. hinsichtlich Alkoholgenuss und Glücksspiel zu bewegen und sie so zu einer Rückkehr zum sogenannten „wahren“ Islam anzustacheln. Nach Reaktionen von Behörden und Medien stellte der Initiator der Aktion, ein bekannter deutscher Islamkonvertit, die Patrouille ein. Die Kampagne zeigte dennoch ein typisches Verhaltensmuster der salafistischen Szene in der Öffentlichkeit, die versucht, mit provokanten Initiativen maximale Resonanz im Dienst der „Da’wa“ zu erreichen, aber zugleich unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit zu bleiben, um Muslime schließlich sogar als „Opfer“ behördlicher Maßnahmen und der Gesellschaft erscheinen zu lassen.

Während solche öffentlichen Aktivitäten dem sogenannten „politischen Salafismus“ zugerechnet werden, der sich nach außen überwiegend gewaltablehnend zeigt, haben in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik auch gewaltbereite Salafisten für beträchtliche Aufmerksamkeit gesorgt.

So kam es 2012 u.a. bei einer Demonstration in Solingen und Bonn zu gewaltsamen Protesten, darunter auch zu tätlichen Angriffen auf die Polizei. In Drohvideos hatte die Gruppierung den Protest als vermeintlich legitimes Instrument zur „Verteidigung des Propheten Muhammad“ bezeichnet und zu weiteren Gewalttaten aufgerufen. In Folge verfügte das Bundesministerium des Innern das erste Vereinsverbot gegenüber der jihad-salafistischen Gruppierung „Millatu Ibrahim“ in Deutschland.

Die Tatsache, dass bei der Radikalisierung junger Muslime durch Salafisten öffentliche Veranstaltungen und Internetpropaganda wachsende Bedeutung erhalten haben, hat zur Folge, dass neben der Beobachtung und Verfolgung von strafrechtlich relevanten Aktivitäten neue präventive Maßnahmen zur Verhinderung des Zulaufs in die salafistische Szene zwingend notwendig geworden sind. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, zwischen verschiedenen Aussagen und Strömungen des Salafismus zu differenzieren, um Solidarisierungseffekte unter Muslimen zu vermeiden.

Dr. Ekkehard Rudolph

Lesetipp:

  • Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (Hrsg.), Nicht nur eine Frage der Sicherheit – Salafismus in Deutschland als gesamtgesellschaftliche Herausforderung, Standpunkte Nr. 1/2015 (www.hsfk.de).