Morphologie des extremistischen Denkens

Der Vergleich extremistischer Ideologien steht seit Jahrzehnten unter Kritik. Die Extremismusforschung würde Links- und Rechtsextremismus gleichsetzen, so ein verbreiteter Vorwurf. Dabei gerät schnell aus dem Blick, dass der Vergleich eine wissenschaftliche Methode ist und keine Gleichsetzung a priori bedeutet. Das Tertium Comparationis, die Grundlage des Vergleichs, bilden dabei das Verhältnis der Extremismusarten zum konkurrenzdemokratischen Verständnis in demokratischen Verfassungsstaaten sowie die Feinanatomie des extremistischen Denkens (siehe auch Was ist politischer Extremismus?).

Extremismus als Antipluralismus

Nach Steffen Kailitz stehen nahezu alle Extremismusspielarten mehr oder weniger deutlich in der identitätstheoretischen Demokratietradition: „Alle Extremisten glauben an die Möglichkeit einer homogenen Gesellschaft, in der eine Interessenidentität zwischen den Regierenden und Regierten besteht“. Die soziale und politische Interessenidentität wird dabei durch die Überhöhung eines allumfassenden Merkmals aufgebaut, so dass Abweichungen in solchen Gesellschaftsmodellen nicht vorgesehen sind und als Gefahr für den Erhalt der Homogenität stigmatisiert und/oder bekämpft werden. Im Rechtsextremismus bildet das Merkmal „Ethnie“ bzw. „Rasse“ die Grundlage der homogenen Identität. Im Linksextremismus ist es die soziale Homogenität/Gleichheit bzw. „Klasse“. Im Islamismus und Salafismus stellt der „wahre“ Islam das Mittel zur Herstellung sozial-politischer Identität dar. Somit zeichnen sich alle Extremismusarten durch ihren – mehr oder weniger aggressiven – Antipluralismus und die fundamentale Verwerfung des konkurrenzdemokratischen Gesellschaftsmodells bzw. demokratischen Verfassungsstaats aus.

Anatomie des extremistischen Denkens

Darüber hinaus lassen sich einige Strukturmerkmale erkennen, die für die extremistischen Einstellungen in allen Phänomenen charakteristisch sind.

Uwe Backes benennt folgende Kriterien einer positiven Extremismusdefinition:

  1. offensive und defensive Absolutheitsansprüche,
  2. den vor Kritik immunisierenden Dogmatismus,
  3. Utopismus bzw. kategorischer Utopieverzicht,
  4. rigorose Unterscheidung in Gut und Böse und daraus resultierend Freund-Feind-Stereotype sowie
  5. Verschwörungsdenken.

Armin Pfahl-Traughber entwickelte weitere Strukturmerkmale extremistischer Ideologien. Er unterscheidet neben den bereits erwähnten Kategorien noch weitere:

  1. exklusiver Erkenntnisanspruch und daraus resultierend das Interpretationsmonopol der „Auserwählten“, die ihre Herrschaftsansprüche und soziale Sonderstellung rechtfertigen (sollen);
  2. essentialistisches Deutungsmonopol, welches aus dem Anspruch hervorgeht, das wahre Wesen der Dinge und den eigentlichen Kern hinter der Empirie erkannt zu haben;
  3. holistische Steuerungsabsichten als Ergebnis des Deutungsmonopol: Wer die wahre Natur wie Logik der gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten erkannt hat, kann ganzheitliche Aussagen über die Beschaffenheit der Gesellschaft treffen und für sich beanspruchen, diese zu führen;
  4. deterministisches Geschichtsbild als Ausdruck der Annahme, dass der Geschichte ein Sinn und ein zu erreichendes, feststehendes Ziel innewohnt.
Trotz offensichtlicher Unterschiede zwischen den modernen Extremismen lassen sich somit Ähnlichkeiten feststellen, welche nicht primär auf der inhaltlichen, sondern auf der strukturellen Ebene liegen.

Dr. Michail Logvinov

Lesetipps:

  • Uwe Backes, Politischer Extremismus in demokratischen Verfassungsstaaten. Elemente einer normativen Rahmentheorie, Opladen 1989.
  • Steffen Kailitz, Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung, Wiesbaden 2004.
  • Armin Pfahl-Traughber, Gemeinsamkeiten im Denken der Feinde einer offenen Gesellschaft – Strukturmerkmale extremistischer Ideologien, in: Armin Pfahl-Traughber (Hrsg.), Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2009/2010, Brühl 2010, S. 9-32.