Motive von Ausreisenden nach Syrien

Trotz der verhältnismäßig hohen Zahl an deutschen Dschihadwilligen – Mitte 2015 war von mehr als 700 Personen verschiedenen Alters die Rede – war lange Zeit über die Motive der Syrienausreisenden nur wenig bekannt. In den Jahren 2014/15 erschienen erste sicherheitsbehördliche Auswertungen, die auf breiter empirischer Datenbasis der Frage nachgingen, was den genannten Personenkreis zum Auswandern in „die Gebiete des Dschihad“ bewegte.

Eine durch das Bundesamt für Verfassungsschutz, das Bundeskriminalamt und das Hessische Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus vorgenommene Auswertung führt aus: „Für mehr als die Hälfte aller Ausgereisten (196 Personen) wird eine islamistisch-jihadistische Ausreisemotivation konstatiert, 70 Personen sollen (auch) aus „humanitären“ Gründen in Richtung Syrien gereist sein. Bei Personen, die in Syrien oder im Libanon geboren sind, liegt der Anteil derer, die aus „humanitären“ Gründen in Richtung Syrien ausgereist sind, deutlich höher. 42 Ausgereiste (11%) haben die Absicht geäußert, selbst an Kampfhandlungen („Jihad“) teilnehmen zu wollen. Für 43 Ausgereiste (11%) wird dies verneint. Bei den übrigen Ausgereisten liegen den Sicherheitsbehörden hierzu keine Erkenntnisse vor.“ (1)

Es wurden einige Motive identifiziert, die auch in der Radikalisierungsforschung Erwähnung finden. Daniela Pisoiu nennt bspw. die idealistische Motivation – aus humanitären Gründen oder durch einen politischen Utopismus motiviert – sowie die materialistische Motivation einiger Kämpfer, welche durch einen gemeinsamen „Lifestyle“ und weniger durch Politik bzw. Religion motiviert seien. Sie identifiziert zudem einen neuen Dschihadistentyp – den „Jihadi hipster“. (2)

Bezugsgruppen und Motivationen

Am besten lassen sich mögliche Ausreisemotive unter Anwendung der Bezugsgruppentheorie ausleuchten. Denn eindimensionale Darstellungen hinken: Es spielen nämlich ganze Motivbündel eine Rolle – „humanitäre“ Einsätze sind bei der dschihadistischen Motivation genauso möglich wie die Verzahnung der subkulturellen Begründung mit politischer sowie religiöser Interpretation (siehe auch Radikalisierungsprozesse). Der Syrienkonflikt bietet für all die motivationalen Bestandteile einen fruchtbaren Boden.

Die Motivlagen und Überzeugungen der Ausreisenden weisen somit viele Ebenen auf. Mit Blick auf positive Bezugsgruppen – die „angegriffene Umma“ – kommen solche Motive zum Tragen, wie etwa der Wunsch, den angegriffenen Glaubensbrüdern zum Sieg und bspw. dem IS zur „Unabhängigkeit“ zu verhelfen und ihn zu verteidigen. Materielle Gratifikationen für sich und die eigene Familie sind angesichts bescheidener „Löhne“ eher zweitrangig, aber nicht ganz von der Hand zu weisen. Auch persönliche Motive wie Eitelkeit, „Ehre und Ruhm“ sind von Bedeutung. Das Ausleben der bis dahin unterdrückten bzw. tabuisierten Sexualität – sei es durch eine islamische Heirat mit einer Muslima, sei es mit einer versklavten Jesidin oder Christin – stellt ebenfalls eine der Verheißungen des Dschihad dar. Auch für junge Musliminnen erscheint die Aussicht, Frau eines „heldenhaften Verteidigers der Umma“ zu werden, nicht unattraktiv. Nicht minder relevant ist auch die Möglichkeit, den „wahren Islam“ zu leben und ein „guter Muslim“ zu sein. Da der IS im Gegensatz zu den Taliban nicht nur Kämpfer, sondern auch Lehrer, Ärzte und Ingenieure braucht, ist die Einsatzpalette für Syrienausreisende erheblich breiter.

Hinsichtlich der negativen Bezugsgruppe stellen Rache, Hass, politisch, religiös und/oder ideologisch konnotierte Ziele weitere Motivationen dar. Ressentiments als Folge der Interaktionen zwischen den angehenden Dschihadisten und der negativen Zielgruppe sind ebenfalls nicht zu unterschätzen.

Obwohl die Religion für die eigentlichen Anführer des IS eher zweitrangig sein dürfte, kommt dem religiösen Vokabular als Mobilisierungswerkzeug eine schwer zu überschätzende Bedeutung zu. Dabei vereint der dschihadistische Diskurs Kosmologie, Geschichte und Eschatologie. Dschihadisten wähnen sich in einem Endkampf zwischen Gut und Böse respektive Glauben und Unglauben, der laut einem überlieferten Ausspruch des Propheten im „Scham“ stattfinden soll. Mohammed prophezeite folgenden Ablauf: Den in Al-A'maq oder Dabiq eintreffenden „Römern“ würde ein Heer aus Medina, „bestehend aus den besten Leuten der Erde“, die Stirn bieten. Ein glorreiches, weder geflüchtetes noch getötetes, Drittel der islamischen Armee würde den Krieg für sich entscheiden und Konstantinopel erobern. Im anschließenden Endkampf würde nach einem Gebetsruf der Kämpfer ’Isa ibn Maryam (Jesus, Sohn der Maria) herabsteigen und ihr Gebet anführen. Durch die Hand Jesu würde Allah seinen Widersacher schließlich töten.

Antimodernismus und Antiwesternismus werden somit als religiöser Kampf dramatisiert, wodurch neue Elemente hinzukommen: persönliche Belohnung im Jenseits, Vehikel einer gesellschaftlichen Mobilisierung, moralisches Überlegenheitsgefühl, Rechtfertigung für Gewaltanwendung und eine allumfassende Weltanschauung (vgl. den Begriff der Monoperzeptose). Last, but not least: Platz in der vordersten Reihe eines kosmischen Spektakels.

Rückkehrer und Gefahrenlage

Stellen die Syrienrückkehrer vor diesem Hintergrund eine Gefahr für die deutsche Sicherheit dar? Angesichts der Gewaltaufrufe gegen die Bundesrepublik durch den IS ist die Gefahr nicht zu unterschätzen. Sie geht jedoch nicht zwingend von „den“ Syrienrückkehrern aus. Weitere Differenzierungen sind angebracht. Die Mehrheit von ihnen hatte nämlich (ursprünglich) nicht vor, gegen den Westen zu kämpfen. Ihr Ziel war, sich für den IS bzw. für die „bedrohte Umma“ einzusetzen. Der Westen ist dennoch im Fadenkreuz. Sollte sich das Feindbild Deutschland im dschihadistischen Diskurs fest etablieren, ist eine Spiegelung des Konflikts im Bundesgebiet wahrscheinlich. Der mögliche Einfluss der überzeugten „Veteranen“ auf die Dschihadbegeisterten stellt eine weitere Gefahrenquelle für die deutsche Sicherheit dar. Nichtsdestotrotz ist zu bedenken: Während bereits die Frage konkreter Gewaltanwendung in „besetzten Gebieten“ in der Regel Dschihadisten von ihrem salafistischen Umfeld separiert, werden die ideologischen Differenzen noch größer, wenn es sich um die Anschläge in Europa handelt (1). Das Umfeld der Sauerland-Gruppe wie die Terrorzelle selbst sind dafür ein aussagekräftiges Beispiel.

Die Syrienausreisenden haben also in der Regel nicht im Sinn, einen Krieg gegen den Westen vom Zaun zu brechen. Sie sind weniger „Terroristen“ als „Freiheitskämpfer“, zumindest von ihrer Warte aus. Der Umgang mit Rückkehrern verlangt daher viel Fingerspitzengefühl. Denn auf der einen Seite besteht eine Gefahr der Anschlagsplanung und/oder Beeinflussung bzw. Inspiration der hiesigen Szenen durch Rückkehrer. Auf der anderen Seite ist die Gefahr einer radikalisierenden Wirkung der strafrechtlichen Verfolgung ebenfalls vorhanden. Inhaftierten und/oder stigmatisierten Syrienrückkehrern sind daher Alternativen zur Radikalisierung anzubieten (siehe auch Radikalisierungsprozesse und der Umgang mit Rückkehrern aus Syrien).

Dr. Michail Logvinov

(1) „Analyse der den deutschen Sicherheitsbehörden vorliegenden Informationen über die Radikalisierungshintergründe und -verläufe der Personen, die aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien ausgereist sind“, unter: http://www.innenministerkonferenz.de/IMK/DE/termine/to-beschluesse/14-12-11_12/anlage-analyse.pdf?__blob=publicationFile&v=2 (1.12.2014).

(2) Daniela Pisoiu: Subculture: The third wave of European jihad, unter: http://journals.sfu.ca/jd/index.php/jd/article/view/15/15 (Frühling 2015).

Lesetipp:

  • Thomas Hegghammer, Should I Stay or Should I Go? Explaining Variation in Western Jihadists’ Choice between Domestic and Foreign Fighting, American Political Science Review, Vol.107/ 01, Februar 2013, S. 1-15.