Schiitischer Islamismus in Iran

Die Islamische Republik Iran ist der erste Staat, der von einer islamistischen Bewegung gegründet wurde und von ihren Parteigängern dominiert wird. Im Gegensatz zum sunnitischen Islamismus, der zumeist gegen den Staat agiert, haben islamistische Akteure und Ideen mit der Polity und der Policy des Staates eine enge Symbiose gebildet. Ihr Erfolg zeitigte weitreichende Folgen für das Selbstverständnis und Handeln einer ehemals utopischen Bewegung, die sich nun entlang konkreter politischer und ökonomischer Realitäten bewegen muss. Die Revolutionäre von einst haben sich dabei in mehrere Flügel gespalten, die um die Interpretation und Ausgestaltung der Revolution kämpfen.

Ursprünge von schiitischem und sunnitischem Islamismus

Auch wenn sich schiitischer und sunnitischer Islamismus unterscheiden, teilen sie doch eine gemeinsame Genealogie. Sie speisen sich aus dem Paradoxon, dass die als vollkommen betrachtete islamische Gemeinschaft (umma) vis-à-vis „dem Westen“ – ab dem 18. Jahrhundert insbesondere England und ab Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem die Vereinigten Staaten – politisch, technologisch, militärisch und wissenschaftlich ins Hintertreffen geraten war. Vielfach war die Antwort auf diesen auch am alltäglichen Erfahrungs- und Erlebnishorizont sichtbaren Niedergang die Übernahme westlicher Ideen und Konzepte, die die betroffenen Gesellschaften nachhaltig transformierten, aber auch traumatisierten und Abwehrreaktionen hervorriefen. Islamistische Bewegungen sind eine Form solchen Widerstandes. Auch wenn sich der Islamismus als Rückbesinnung auf eine ideale islamische Zeit geriert, zeichnet er sich doch vor allem durch die Übernahme westlicher Vorstellungen aus. Als Beispiel kann die „klassenlose Gesellschaft“ des Urvaters des schiitischen Islamismus in Iran Navvab Safavi (1923–1955) gelten. Safavi gründete die Fedaiyan-e Eslam („Anhänger des Islams“), die für Morde an politischen Gegnern, etwa Amtsträgern der Monarchie, und Intellektuellen, wie den Islamkritiker Ahmad Kasravi, verantwortlich zeichnete. Safavi forderte die Abkehr von nicht-islamischen Praktiken und die Errichtung eines egalitären, moralisch intakten „islamischen Staates“ und idealisierte dabei die Rolle der Unterschichten. Auch die Vordenker der „Islamischen Revolution“ Al-e Ahmad (1923–1969) und Ali Schariati (1933–1977) nahmen nativistisches und kommunistisches Gedankengut in ihre intellektuellen Entwürfe auf und vermischten sie mit der Idealvorstellung eines klassenkämpferischen, anti-westlichen und anti-imperialistischen Islams. So kann neben dem Diktum Seuferts, dass der Islamismus die Forderung den Islam „als gestaltende Kraft in politischer Sphäre, der Ökonomie, (der Kultur) und im Recht zur Gestaltung zu bringen“ zum Kern hat, gesagt werden, dass diese Forderung nur aus der Konfrontation mit der Moderne selbst entspringen konnte.

Legitime und illegitime Herrschaft

Während also im schiitischen Islamismus Konzepte des frühen 20. Jahrhunderts und die Begegnung und Beschäftigung mit der „Moderne“ und „dem Westen“ eine wichtige Rolle spielen, kommen auch Besonderheiten der schiitischen Theologie zum Tragen. Die Frage nach der Nachfolge Mohammads markiert einen der Zentralkonflikte zwischen schiitischem und sunnitischem Islam. Der heutige Hauptstrom der Schia („Zwölferschia“) postuliert den Übergang der Herrschaft Mohammads auf die „zwölf Imame“, die nicht nur politisch herrschen, sondern auch über besonderes Wissen verfügen und unfehlbar sind. Im Gegensatz zur sunnitischen Kalifatstheorie ist die Imamatslehre stark sakralisiert und weist eschatologische Charakteristika auf. So ist der Tradition zufolge der zwölfte Imam entrückt worden und soll als Messias-Gestalt („Mahdi“) am Ende der Zeiten zurückkehren. Im Laufe der Zeit setzte sich eine quietistische Grundposition gegenüber Formen der politischen Autorität durch, die zwar nur die Herrschaft des Mahdis selbst als legitim anerkennt, die Monarchie jedoch billigend toleriert, da Ordnung der Anarchie vorzuziehen sei. Somit war jedoch nicht die „Islamizität“ des Königs dessen wichtigste Eigenschaft, noch konnte es die Aufgabe der Muslime sein, einen „islamischen Staat“ zu errichten. Es war erst Ajatollah Chomeini (1902–1989), der in seiner „Statthalterschaft der Rechtsgelehrten“ (velayat-e faqih) diese quietistische Doktrin verwarf und erstmals die Forderung erhob, die schiitischen Rechtsgelehrten selbst sollten anstelle des Mahdis herrschen. Diese Doktrin ist das theologische Herz des von Rechtsgelehrten dominierten Staatswesens der Islamischen Republik. Sie wird von der Mehrheit schiitischer Rechtsgelehrter zwar nicht geteilt, jedoch, hier wieder der quietistischen Grundhaltung folgend, auch nicht offen angefochten.

Der Hesbollahi – Träger des Islamismus in Iran

Hauptträger der klassenkämpferischen Ideologie und der Doktrin der „Statthalterschaft der Rechtsgelehrten“ sind neben systemnahen Rechtsgelehrten, den islamischen Stiftungen und Räten die sog. Hesbollahis, die „Parteigänger Gottes“. Als Merkmale der Hesbollahis beschreibt Walter Posch sechs Eckpunkte. Erstens ist die Treue zum Obersten Rechtsgelehrten, derzeit Ajatollah Ali Chamenei, und zu seiner Person so ausgeprägt, dass sie die Beschränkung seiner Amtsgewalt ablehnen und einen „religiös verbrämten, antidemokratischen Führerkult“ (Posch) pflegen. Ideologisch lehnen sich die Hesbollahis sowohl an Safavi als auch an Chomeini an. Die Befolgung des koranischen Grundsatzes „das Rechte gebieten und das Verwerfliche verbieten“ (amr be ma‘ruf va nahi az monker) steht im Zentrum ihres Handelns und erstreckt sich vor allem auf die Durchsetzung von Kleidungsvorschriften und die anti-kulturimperialistisch gerahmte Einschüchterung der „säkularisierten Schichten“. Neben dem Gedenken an die Märtyrer des Iran-Irak-Krieges bildet der Einsatz für die „unterdrückten Muslime“, insbesondere in Palästina, ein weiteres Aktivitätszentrum der Hesbollahis. Als letzten Punkt zählt Posch sodann die Gewaltbereitschaft – vor allem gegen „innere Feinde“ – und die prinzipielle Ablehnung des Staates Israels auf.

Fazit und Ausblick

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Konzept „das Rechte gebieten, das Schlechte verbieten“ den Dreh- und Angelpunkt schiitischen Islamismus in Iran bildet und im Wesentlichen nach Innen gerichtet ist. Auch wenn die ideologische Komponente des schiitischen Islamismus nicht unterbewertet werden darf, ist die Anwendung dieses Konzeptes vor allem auch ein Instrument der Sicherung von Macht und ökonomischen Ressourcen. Es ist zugleich den Maßstäben der Realpolitik unterworfen, da staatliche Akteure einerseits bestrebt sind, ihre Anhänger an sich zu binden, dabei jedoch nicht riskieren können, sich von anderen Schichten der Bevölkerung zu entfremden. Somit ist die Bändigung von radikaleren Islamisten und die Frage ihrer Einbindung in die staatlichen Strukturen Bestandteil eines andauernden dialektischen Prozesses zwischen den politischen Flügeln. Während die Hesbollahis zuweilen enorme Freiheiten besitzen und ihre geistigen und politischen Führer und Mentoren in staatlichen Strukturen verankert sind, gilt dies nicht immer umgekehrt für moderate Islamisten. Ziel der Hesbollahis ist die Ausschaltung von Moderaten und Reformern und die Umwandlung der Islamischen Republik in einen „Islamischen Staat“, der die fragilen und umkämpften demokratischen Elemente der Islamischen Republik zugunsten eines Führerstaates austauscht.

Dr. Christian Funke

Lesetipps:

  • Ervand Abrahamian, Khomeinism. Essays on the Islamic Republic, Berkeley, Los Angeles und London 1993.
  • Walter Posch, Ahmadinedschad und die Prinzipalisten: Irans politische Rechte und die Perspektiven für einen neuen Elitenkompromiss, SWP-Studie, 35 (2011).