Sprache, Begriffe und Symbole der salafistischen Szene

In der Außendarstellung zeigt sich der Salafismus in Deutschland in den letzten Jahren häufig als Jugend- oder Subkultur. Er präsentiert sich modern und zielgruppengerecht und bietet „suchenden“ Muslimen, darunter vielen Konvertiten, ein willkommenes Instrument, um gegen die Eltern oder den Staat zu protestieren (siehe auch Salafismus in Deutschland und Salafismus als Jugendbewegung).

Dem unbedarften Konsumenten wird die extremistische Agenda kaum deutlich. Aussagen, die in den Bereich der Strafbarkeit fallen können, werden von ihnen als solche nicht wahrgenommen, sondern im Gegenteil als Beweise für den „wahren Glauben“ empfunden. Vielen Sprechern und Akteuren der Szene gelingt es in den entsprechenden Gruppen, eigene Codes der Kommunikation zu entwickeln. Mit ihnen kann sich der Einzelne als ernsthafter Gläubiger erkennbar machen, von Anderen abgrenzen und weitere Muslime für die salafistische Da’wa (= Mission) werben.

Zum Repertoire des Salafismus zählen Symbole und Erkennungszeichen wie z.B. ein typisches äußeres Erscheinungsbild: Männer tragen Voll- oder Kinnbart, knöchelfreie Beinkleider und Gebetskappe (Takke), Frauen einen Hijab (Kopfschleier) oder – noch verbreiteter – einen schwarzen Vollschleier, den Niqab, der Gesicht und Körper bedeckt. Salafistisch beeinflusste männliche Jugendliche, die etwa Korane in deutschen Fußgängerzonen verteilen, tragen aber mittlerweile auch T-Shirts z.B. mit „Muslim-Superman“-Emblem und Kapuzen-Pullovern. Sie zeigen damit Parallelen zur Symbolik westlicher Popkultur einschließlich ihres in der Rapper-Szene üblichen „Bad-Boy-Image“.

Neben der maximalen Abgrenzung von den modischen Trends der Mehrheitsgesellschaft versuchen Salafisten auf diese Weise besondere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu erregen und nicht zuletzt neue Anhänger unter jugendlichen Zielgruppen zu gewinnen.

Ein markantes Zeichen der Szene sind stetig wiederkehrende Begriffe und Slogans, die zumeist aus dem Arabischen stammen und in einem religiösen Kontext stehen. Sie werden häufig in einer extremistischen Art und Weise umgedeutet, politisiert und schließlich in sozialen Netzwerken als nachzuahmende ‚Codes‘ präsentiert und verbreitet.

Als Erkennungszeichen salafistischer Akteure dient mittlerweile überall das Symbol des erhobenen Zeigefingers der rechten Hand. Es zeigt nach außen ein religiöses Bekenntnis, nämlich den strikten Ein-Gott-Glauben (Monotheismus, arab. Tauhid). Zugleich erfährt es eine Umdeutung als Geste eines exklusiven, intoleranten Islamverständnisses.

Typische Beispiele sprachlicher ‚Codes’ sind auch die aus dem Koran stammenden Begriffe „Kufr“ (= Unglaube) und „Taghut“ (= unislamisches Götzensystem), die Salafisten gerne als Gegensatz-Paare zum eigenen „wahren“ Glauben verwenden.

Daneben finden in salafistischen Milieus, vor allem solchen mit gewaltorientiertem Hintergrund, auch Parolen Verbreitung, die deutliche Sympathien für den Jihad und den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) zeigen. Ein Beispiel ist der Begriff „Al-Dawla Al-Islamiya baqiya“ (= Der Islamische Staat bleibt). Um Zuordnungen zu verschleiern und mögliche strafrechtliche Maßnahmen zu vermeiden, wird von den Anhängern oft auch nur der Begriff „Baqiya“ als Synonym für den IS verwendet.

Ein weiteres Szene-Merkmal sind religiöse Hymnen zur emotionalen und künstlerischen Aufwertung salafistischer Botschaften. Auch wenn Musik im herkömmlichen Sinn ebenso wie Tanz bei Salafisten verpönt, d.h. „haram“ ist, haben sich sogenannte „Anashid“ (Sing. Nashid = religiöser Sprechgesang) als Alternative zu westlichen Musikgenres durchgesetzt. „Anashid“ waren vor allem im Umfeld der islamischen Mystik (Sufismus) ursprünglich Ausdruck für eine religiöse Sinnsuche und diente der Mobilisierung zum Glauben. In den letzten Jahrzehnten nutzen Salafisten und gewaltbereite islamistische Gruppierungen diese Form des Gesanges zur Politisierung und als Aufruf zum Kampf gegen Nicht-Muslime (siehe auch Jihadistische Hymnen und Gedichte).

Die Kampf-Anashid weisen eine starke Rhythmik auf, sind meist a capella und werden, wenn überhaupt, nur von Handtrommeln begleitet. In den klassischen Anashid werden häufig Mut, Stärke und Furchtlosigkeit der Gläubigen beschworen, und an heldenhafte historische Ereignisse erinnert. Seit einigen Jahren gibt es auch deutschsprachige Anashid, die den militanten Jihad und Märtyrertod verherrlichen und zur Teilnahme am Kampf in Krisengebieten wie aktuell in Syrien auffordern. Beliebt sind Lieder, die Begeisterung für den Jihad entfachen und die Muslime auffordern, das Schwert für die Sache Allahs zu erheben. Sie werden auch bevorzugt zur Motivation der „Mujaheddin“ (= Kämpfer für den Jihad) eingesetzt, hier vor allem in entsprechenden Videos, um die Wirkung der Bilder zu unterstützen.

Die Kampf-Hymnen können aufgrund ihrer Inhalte und ihrer suggestiven Wirkung Radikalisierung fördern. Sie zielen auf Jugendliche ab, die oft nicht erkennen, dass sie mit Gedankengut indoktriniert werden, das den militanten Jihad sowie den Märtyrertod zu vermeintlich essenziellen Bestandteilen des Islam erhebt.

Dr. Ekkehard Rudolph

Lesetipp:

  • Ministerium für Inneres und Kommunales NRW (Hrsg.), Extremistischer Salafismus als Jugendkultur – Sprache, Symbole, Style. Düsseldorf, August 2015 (www.mik.nrw.de).