Tablighi Jama’at

Das Modell vom islamistischen „Durchlauferhitzer“

Die südindische Missionierungsbewegung Tablighi Jama’at wird oft mit den Zeugen Jehovas verglichen. Warum? Ethnozentrische Gründen liegen nahe, weil sich deren Aktivismus so leichter in eine europäische Vorstellungswelt einordnen lässt. Und tatsächlich sind es vor allem religiöse Laien, die an den Türen von Muslimen klingeln, um diese von einem islamkonformen Leben zu überzeugen. Darüber hinaus bemühen sich auch Jihadisten um eine Parallelziehung, wenn auch mit anderer Intention. Nach ihrer Auffassung drücken sich die Tablighis mit ihrer Missionierungstätigkeit um eine zentrale Glaubenspflicht - den militanten Dschihad. Eine genau gegenteilige Sorge machten sich die Sicherheitsbehörden Mitte der 2000er Jahre in Deutschland. Damals hatte die Tablighi Jama’at noch beste Chancen, als Radikalisierungspool und Durchlauferhitzer des globalen Jihad in die Lehrbücher über militanten Islam einzugehen.

Bis zum Jahr 2000 war es noch leicht möglich, ein Studium der Islamwissenschaft zu absolvieren ohne von der 1926 entstandenen südindischen „Missionierungsbewegung“ (Tablighi Jama’at, kurz TJ) gehört zu haben. Das dürfte sich längst geändert haben. Immerhin handelt es sich bei der TJ mit ihren auf 12 bis 15 Millionen geschätzten Anhängern um die vermutlich größte muslimische Bewegung weltweit. Ihr globaler Aktivismus brachte die frommen Männer auch nach Deutschland und im Jahr 2005 wurden in Hamburg sogar tausend Teilnehmer einer Kongregation gezählt, die ein Jahr später noch mal fast so viele Menschen nach Berlin zog. Nun verhält es sich so, dass muslimische Aktivitäten seit den Anschlägen vom 11. September 2001 insgesamt kritisch beäugt werden. Doch die exotisch gekleideten Männer – Frauen sind seltener und wenn, dann nur in islamkonformer Begleitung auf Predigertour – mit ihren weißen, wallenden Gewändern, hätten wohl in jedem Fall Aufsehen erregt. Umso mehr, weil die Bewegung wegen ihres geistigen Zentrums Deoband, zu dem der TJ-Gründer Muhammad Ilyas (1885-1944) enge Kontakte etablierte, als gefährlich galt.

Tablighi Jama’at als Durchlauferhitzer?

Wer einmal in der Nacht im indischen Deoband, nahe der Metropole Neu Delhi, ankommt, sieht sich in einer anderen Zeit. Vom Bahnhof empfiehlt sich die Fahrt mit einer Rikscha, die den Reisenden durch die engen, mit Kandelabern erleuchteten Gassen der Stadt bis zur islamischen Universität Dar al-Ulum (Haus der islamischen Wissenschaften) bringt. Dieser friedliche Eindruck kontrastiert mit der internationalen Berichterstattung. Immer wieder wurde hervorgehoben, dass von der Deoband-Schule auch die afghanischen Taliban beeinflusst seien. Von daher erstaunt es nicht, dass die TJ bei der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus schnell Thema wurde. Und tatsächlich gab es bei einer Reihe von Anschlägen und Anschlagsversuchen in den USA und in Großbritannien TJ-Bezüge. Besonders nach dem 7. Juli 2005, als in London islamistisch-terroristische Anschläge verübt wurden. Von Selbstmordattentätern war die Rede, die zuvor das Hauptquartier der TJ in Großbritannien, einer Moschee in Dewsbury, frequentiert hätten. Selbst ein deutscher Innenpolitiker meinte deshalb in der TJ einen „Durchlauferhitzer“ ausgemacht zu haben. Und so war der Verfassungsschutz bemüht, Organisationsstrukturen zu identifizieren. Schnell war die Rede von einer Zentrale, einem islamischen Verein in Friedrichsdorf bei Frankfurt am Main sowie von lokalen, regionalen und überregionalen Netzwerken.

Missbrauchsthese: eine notwendige Korrektur

Das Interesse an der TJ war sicherheitspolitisch bedingt und flaute auch schnell wieder ab. Dennoch sind die Nachwehen bis heute spürbar. Das gilt besonders für die These, dass die TJ den islamistischen Terrorismus fördere. Noch im Jahr 2011 war sie Anlass für das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig sich eingehender mit dieser Frage zu beschäftigen. Grund war die geplante Ausweisung eines Anhängers der TJ, nachdem dieser durch das Verwaltungsgericht in München bereits ein Riegel vorgeschoben worden war. Die in Leipzig bestätigte Begründung aus Bayern, weshalb man ihn nicht ausweisen ließ, lautete, die Lehre der Tablighi Jama’at sei „auf Gewaltlosigkeit ausgerichtet und ein Missbrauch ihrer Strukturen bedeute nicht, dass sie den Terrorismus unterstütze.“ Es ist bemerkenswert, dass es eines Richterspruches bedarf, um auf einen Unterschied hinzuweisen, der meist zu wenig Berücksichtigung findet: Zwischen der Gefahr, die angeblich von einer religiösen Gemeinschaft oder Bewegung ausgeht und der Gefahr, dass eine religiöse Gemeinschaft „missbraucht“ wird. Letzteres lässt sich auch in die Worte von Dietrich Reetz kleiden, dem in Deutschland wohl profundesten Kenner der TJ. Er spricht in Bezug auf TJ-Strukturen von der Möglichkeit jihadistischer „Trittbrettfahrerei“ und moniert zugleich das mangelnde Verständnis für eine Bewegung, der sich anzuschließen es so viele Gründe gäbe wie Anhänger.

Gefährliche Nähe

Die These vom Durchlauferhitzer hat sich bis heute gehalten. Das lässt sich derzeit gut an der Salafibewegung studieren, die in gewisser Weise das Erbe der TJ angetreten hat. Denn während von der TJ seit mehr als fünf Jahren kaum mehr die Rede ist, mehren sich die journalistisch und akademisch gekleideten Kommentare, die im Salafismus den Nährboden oder Durchlauferhitzer des Jihadismus ausgemacht haben wollen (siehe auch Salafismus in Deutschland). Dabei mangelt es im Hinblick auf die Salafibewegung ähnlich wie bei der TJ an fundierten Untersuchungen darüber, welche bewegungstypischen Besonderheiten, Mechanismen und Dynamiken diese Bewegungen möglicherweise anfällig machen für jihadistische Mobilisierung oder nutznießende Auflagerung. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, auf den algerischen Schriftsteller Boualem Sensal („Allahs Narren“) zu verweisen, der in islamistischen Gruppen kein isoliertes Phänomen sehen will. Er spricht von einem „Nebelgewölk“ des Islamismus, in dem es schwer sei, Strukturen oder das Zusammenspiel der zahlreichen islamistischen Organisationen zu erkennen. Bedenkt man, dass temporäres Mitmachen, fließende Übergänge oder multiple Identitäten organisatorische oder ideologische Eindeutigkeiten unwahrscheinlich machen, könnte Informalität ein guter Ausgangspunkt sein, um die „gefährliche Nähe“ zwischen verschiedenen islamischen aktiven Gruppen besser zu verstehen – aber auch, um „Mitgliedschaften“ in der Jihadibewegung vorzubeugen.

Klaus Hummel

Lesetipps:

  • Dietrich Reetz, Islamische Missionsbewegungen in Europa, auf der Konferenz „Islam in Europa“, Wien 2007: https://www.zmo.de/Dietrich/Islamische%20Mission%20in%20Europa.pdf (aufgerufen am 10. September 2015).
  • Klaus Hummel, Das informelle islamische Milieu: Blackbox der Radikalisierungsforschung, in: Hummel/Logvinov, Gefährliche Nähe. Salafismus und Jihadismus in Deutschland, Stuttgart 2014.