Wahhabiyya

Als Wahhabiyya wird die Ideologie von Muhammad ibn Abd al-Wahhab (1703–1792) bezeichnet. Abd al-Wahhab betonte die Einheit Gottes (tauhid), die er der Praxis der »Beigesellung« (→ s. schirk) entgegen stellte. In der wahhabitischen Doktrin sind mit Schirk alle Handlungen und Praktiken gemeint, die religiös-devotionalen Charakters sind, sich jedoch nicht auf Gott selbst beziehen, sondern etwa auf Heilige, Gräber und Schreine. Nachdem bereits Anfang des 19. Jahrhunderts schiitische Heiligtümer und Grabstätten zerstört worden waren, setzt sich diese ikonoklastische Praxis bis heute auch in Mekka und Medina fort. Ferner werden in der Wahhabiyya die traditionellen ulama (→ s. ulama) für die Entfremdung der umma (→ s. umma) von dem einen Willen Gottes verantwortlich gemacht und die Autorität früherer Rechtsmeinungen nicht grundsätzlich bejaht. Sie könnten nur dann Gültigkeit besitzen, sofern sie Koran und Sunna nicht gegenüberstehen. Seit ihren Anfängen ist die Wahhabiyya eine Allianz mit der Familie der Saud eingegangen, die zum Herrscherhaus und Namensgeber Saudi-Arabiens wurde. Während die Wahhabiyya den Herrschaftsanspruch der Dynastie legitimierte, sicherte diese zu, die Islaminterpretation der Wahhabiyya zur Staatsdoktrin zu erheben. Wegen der Stationierung amerikanischer Truppen auf saudischem Boden, den engen politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen beider Länder sowie des von den eigenen Regeln abweichenden Lebensstils des Hauses Saud brachen Konflikte auf. Striktere Lesarten der wahhabitischen Doktrin als sie vom Herrscherhaus vertreten werden, stellen die Herrschaft der Dynastie selbst in Frage. Diese muss im Spannungsfeld der Realpolitik ihr eigenes Verhältnis zur Wahhabiyya aushandeln: Im zeitgenössischen Saudi-Arabien wird die Einladung zum Islam (→ s. da’wa) durch eine staatliche Religionspolizei kontrolliert. Auch spielt der Export der Wahhabiyya durch die Gründung von Schulen, Moscheen und Stiftungen eine wichtige Rolle und wird durch erhebliche finanzielle Ressourcen ermöglicht.

Dr. Christian Funke