KAS COLOMBIA

Veranstaltungsberichte

Hinweise zur Berichterstattung über Migration in Zeiten von Pandemie, Angst und Sozialen Unruhen

Vom 24. bis 26. Junio hat die Konrad-Adenauer-Stiftung Kolumbien (KAS) gemeinsam mit dem Zentrum für Erinnerung, Migration und Rekonstruktion Venezuelas und der Assoziation Ávila Monserrate im Rahmen eines Internationales Seminars vier Expertenrunden zum Thema „Hinweise für die Berichterstattung über Migration in Zeiten von Pandemie, Angst und sozialen Unruhen“ durchgeführt.

Ziel war es, zu einem besseren Verständnis des Phänomens Migration beizutragen und Empfehlungen für einen effizienteren Umgang mit den Herausforderungen der Migrationsbewegungen und der Integration der Betroffenen zu erarbeiten.   

In der ersten Runde wurden die Themen “Migration, Flucht, Exil und Vertreibung” aus historischer Sicht betrachtet. Teilnehmer waren der Anthropologe Alejandro Reig und der ehemalige portugiesische Hochkommissar für Migration, Rui Márquez. Reig erklärte zunächst wie sich die Flucht auf das Identitätsverständnis der Menschen auswirke, die sich gleichzeitig auf ihr Überleben in einer neuen Gesellschaft konzentrieren müssen. Momentan sei aufgrund der Angst vor Fremden in vielen westlichen Ländern eine Zunahme von populistischen und nationalistischen Strömungen zu beobachten. Rui Márquez stellte die 10 Gebote zur Überwindung der Herausforderungen der Migration vor, die aus seinen Erfahrungen mit dem Thema entstanden sind; so empfahl er unter anderem, die Migranten als gleichberechtigte Menschen zu betrachten, durch entsprechende Maßnahmen eine größere Empathie in der Bevölkerung zu erlangen, eine schnelle Regulierung ihres Aufenthaltsstatus anzustreben und von Seiten der Behörden mehr Sicherheit zu vermitteln, um so unnötigen Stress zu vermeiden.  

Die Teilnehmer der zweiten Runde waren die Soziologin, Menschenrechtsverteidigerin und Mitglied von DeJusticia, Ligia Bolívar und der Rechtsanwalt, Experte in Menschenrechten und Mitglied der Asociación Ávila Monserrate, Juan Navarrete. Sie beleuchteten die Situation von Migranten und Flüchtlingen aus der juristischen Perspektive des Internationalen Völkerrechts. Dabei forderte man die Medien dazu auf, die Situation der venezolanischen Migration in Kolumbien als eine komplizierte humanitäre Notlage darzustellen, die durch Inklusion und Hilfeleistungen begleitet werden müsse. Gleichzeitig müsse im Falle der venezolanischen Migranten das Konzept des Flüchtlings als Opfer einer erzwungenen Flucht wieder aufgenommen werden. Abschliessend betonte man die Notwendigkeit von langfristigen Lösungen und der Unterhaltung eines multilateralen Dialogs, um die Problematik auf regionaler Ebene zu koordinieren und politische Strategien zur Integration zu schaffen, die es erlauben neue Migrationswellen besser zu bewältigen.  

Am dritten Tag des Seminars diskutierten die Forscherin des Observatoriums für Venezuela der Universidad del Rosario, María Clara Robayo und der Generaldirektor des Zentrums für Erinnerung, Migration und Rekonstruktion, Tulio Hernández über die aktuelle Situation. Frau Robayo analysierte die historische und politische Entwicklung und konstatierte, dass Kolumbien nicht auf eine internationale Migration vorbereitet sei, weswegen es an Planung und politischen Strategien zur Bewältigung des Phänomens fehle. Ausserdem erklärte sie die Hauptgründe für die venezolanische Diaspora: das Fehlen von Nahrungsmitteln und Medikamenten, der Zusammenbruch des öffentlichen Versorgungssystems in Venezuela, die Wirtschaftskrise und die daraus folgende allgemeine Gewaltbereitschaft sowie die systematische Verletzung der Menschenrechte. Angesichts dieser Problematik müsse der kolumbianische Staat die Rechte der Migranten garantieren, sichere Grenzen schaffen, eine integrale Migrationspolitik verfolgen und die Integration fördern.  

Tulio Hernández verglich Venezuela und Kolumbien mit Zwillingen, die sich den
Rück zukehren und sich gegenseitig nicht als solche anerkennen. Dabei erinnerte er auch daran, dass die Migration in der Geschichte der beiden Länder immer wechselseitig erfolgte und das bilaterale Verhältnis noch nie so kompliziert gewesen sei; die diplomatischen Beziehungen seien abgebrochen worden, die offiziellen Grenzen geschlossen, die Handelsbeziehungen unterbrochen und in den Grenzgebieten operierten kriminelle Banden. Die problematische Beziehung müsse jedoch auch als Chance gesehen werden, vor allem weil Venezuela einen Prozess des Wiederaufbaus durchlaufen müsse, der ohne kolumbianische Unterstützung schwer durchführbar sein werde. Daher sei ein angemessener Umgang mit der aktuellen venezolanischen Migration eine Chance für die wirtschaftliche Entwicklung und die binationale Integration.  

An der letzen Epertentunde nahm ausser Tulio Hernández die Journalistin Ginna Morelo teil. Beide waren sich darüber einig, dass in Reportagen über die Migration mehr konkrete Schicksale vorgestellt werden sollten, um dem eher abstrakten Phänomen der Migration ein menschliches Gesicht zu verleihen. Ausserdem sollten sich die Journalisten, die über das Thema berichten vorher sehr gut informieren und vorbereiten, um die Information so korrekt wie möglich zu vermitteln und Stereotypen entgegenzuwirken, die eine Integration verhindern könnten, vor allem in der aktuellen Coronakrise. Tulio Hernández stellte abschliessend seinen “Dekalog eines guten Journalismus” vor, während Frau Morelo einige Migrantenschicksale aus ihrer journalistischen Praxis präsentierte. 

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