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Terroropfer unter zwei Diktaturen in den baltischen Ländern

Aufarbeitung der Vergangenheit zur Sicherung der Zukunft

Auf Anregung der Janis-Cakste-Stiftung für politische Bildung in Lettland, unterstützt durch die Konrad-Adenauer-Stiftung, wurde in Riga vom 3. bis 6. Juni 1999 ein internationales Treffen veranstaltet, an dem Bürgerrechtler, Historiker und Politiker aus Deutschland, Estland, Lettland, Litauen und Russland teilgenommen haben. Unter dem Motto "Aufarbeitung der Vergangenheit zur Sicherung der Zukunft" haben sich die Teilnehmer um eine Gesamtschau über die Terroropfer beider Diktaturen in den baltischen Ländern bemüht. Der im August 2005 erschienene Sammelband enthält eine Auswahl von Vorträgen, die auf dem Treffen gehalten wurden. Diese Beiträge haben an Aktualität nicht verloren. Bezogen werden kann der Sammelband bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Riga und im Okkupationsmuseum Riga.

Terroropfer unter zwei Diktaturen in den baltischen Ländern

Aus dem Vorwort:

Die baltischen Länder haben seit dem 17. Juni 1940 drei Besatzungsperioden durch zwei totalitäre Diktaturen hintereinander erlebt: Ein Jahr sowjetische, vier Jahre nazistische und zuletzt 55 Jahre sowjetische Besatzung. Als es nun - ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des 2. Weltkrieges - den Esten, Letten und Litauern möglich geworden war, selbst die Aufarbeitung der Vergangenheit in Angriff zu nehmen, stellte sich die Aufgabe, den geeigneten Einstieg in die Geschichte zu finden.

Wir wollen mit dem Auffinden von Menschen beginnen, die während der Herrschaft beider Diktaturen getötet worden sind. Und weil für die Ermordeten jedes verbrecherischen Regimes weder dessen Fahnen, Embleme oder Dienstabzeichen der Täter irgendeine Rolle spielen konnten, wollen wir den Vergleich beider Diktaturen beiseite stellen, um nicht die Würde der Opfer zu relativieren.

So wichtig die Suche nach der Schuld und Verantwortung auch ist - sie kann erst dann recht angegangen werden, wenn das Ausmaß der Vernichtung wenigstens in groben Umrissen feststeht. Wir wollen die Opfer beider Diktaturen auch deshalb in einer Zusammenschau zu uns sprechen lassen, weil sonst die Neigung besteht, einer Aufteilung in "unsere" und in "nicht unsere" Vorschub zu leisten. Da jedoch alle Opfer das gleiche Ansehen und den gleichen Anspruch auf Andenken haben, ist die Bemühung um eine umfassende Darstellung der grauenvollen Ereignisse der geeigneteste Ansatzpunkt, selbst wenn kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann.

Vorweg muss noch auf eine besondere Schwierigkeit bei einem solchen Unterfangen hingewiesen werden. Während die Nazis nach der Ermordung der Juden in Lettland mehr als hundert Massengräber zurückgelassen haben, sind die Gräber der meisten Opfer des Stalinismus über zehntausende Kilometer weite Strecken der ehemaligen Sowjetunion zerstreut. Die meisten Grabstätten der Holocaustopfer können ausgewiesen werden und entsprechend können Gedenkstätten eingerichtet werden. Wogegen über den Tod vieler Tausender, die durch Massendeportation aus dem Baltikum verschleppt wurden, es meist nur Aktenvermerke in schwer zugänglichen Archiven gibt.

Wir dürfen hoffen, dass unsere Publikation mit Vorträgen über Einzelthemen für die weiter notwendige Aufarbeitung der Vergangenheit einen wenn auch bescheidenen, so doch nützlichen Beitrag darstellt.

Paulis Klavins

Andreas von Below