Fachkonferenz

23. August 1939 - Der Hitler-Stalin-Pakt und seine Folgen

Terroropfer zweier Diktaturen im Baltikum

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Details

23. August 1939 - Der Hitler-Stalin-Pakt und die Folgen

Seit der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes sind inzwischen 66 Jahre vergangen, doch vergessen wird man den 23. August 1939 in den baltischen Ländern wohl nie. Um die Folgen dieses Paktes zu erläutern und den Opfern des Nationalsozialismus und des Sowjet-Regimes im Baltikum zu gedenken, veranstaltete die Konrad-Adenauer-Stiftung in Riga eine internationale und hochkarätig besetzte Konferenz. Sie fand in den lettischen Medien und bei den über 120 Teilnehmern große Beachtung. Als Redner waren der lettische Außenminister Dr. Artis Pabriks, der Osteuropa-Wissenschaftler Dr. Gerhard Wettig, Paulis Klavins, Mitglied des lettischen Parlaments Saeima und Dr. Egils Levits, Richter am Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften, geladen.

Die Konferenz wurde vom Leiter der Außenstelle Baltische Länder der Konrad-Adenauer-Stiftung Dr. Andreas von Below eröffnet und geleitet.

Der lettische Außenminister Artis Pabriks (Volkspartei) betonte, dass dieser Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und der UdSSR ein Verbrechen gewesen ist: „Es war ein Vergehen sowohl an dem russischen und deutschen Volk als auch an anderen Völkern und Staaten.“

Er glaube aber daran, dass im Zuge der Geschichtsaufarbeitung vielleicht in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren am 23. August auch von russischer Seite Blumen am lettischen Freiheitsdenkmal niedergelegt werden und mit offizieller Beteiligung Russlands eine Veranstaltung zum Hitler-Stalin-Pakt einberufen werden könne.

Es sei jedoch für ihn unmöglich jemandem zu vergeben, der nicht um Vergebung bittet. Daher solle Russland heute zu seiner Geschichte stehen und dieselbige aufarbeiten. Es nütze nichts, wenn nur über die gegenwärtigen und zukünftigen Beziehungen zwischen Lettland und Russland gesprochen werde, wenn die Vergangenheit nicht angemessen berücksichtigt wird, so Pabriks weiter.

Der Osteuropa-Wissenschaftler Dr. Gerhard Wettig bewertete den Hitler-Stalin-Pakt in der Geschichtsschreibung und erläuterte die Hintergründe des Pakts und des geheimen Zusatzprotokolles.

In der offiziellen sowjetischen Geschichtsschreibung wurde der Pakt in der Nachkriegszeit als Versuch Stalins gedeutet, Ostmitteleuropa vor dem deutschen Zugriff zu schützen. Stalin habe sich mit diesem Pakt eine Atempause verschaffen können, um sich auf die zu erwartende deutsche Agression vorzubereiten. Auch habe man mit diesem Vertrag dem deutschen Faschismus erstmals klare Grenzen aufgezeigt und die baltischen Länder und Ostmitteleuropa vor einer geplanten deutschen Eroberung, Besetzung und Annexion bewahrt. Die sowjetischen Historiker versuchten nachzuweisen, dass man sich kein fremdes Gebiet angeeignet habe, sondern dass die Sowjetunion als „Befreier“ aufgetreten sei und im Sinne der historischen Gerechtigkeit nur die ehemaligen russischen Westgebiete unter Zustimmung der betroffenen Länder wiedervereinigt habe.

Die Tendenz zur Verharmlosung hält bis heute bei einigen russischen Historikern an. Es wird weiterhin versucht, dass sowjetische Vorgehen in Ostmittleeuropa freundlich zu interpretieren und zu rechtfertigen.

Im Gegensatz dazu besteht in der internationalen Geschichtsschreibung Einigkeit darüber, dass die territoriale Ausdehnung der Sowjetunion ohne Zustimmung und Beteiligung der Betroffenen stattgefunden habe und nur durch Gewalt und Unterdrückung zustande gekommen sei. Sowohl Hitler als auch Stalin okkupierten die von ihnen in geheimen Zusatzprotokollen festgelegten Territorien Ostmitteleuropas.

Kontrovers werde jedoch über die Beweggründe des Entschlusses Stalins diskutiert, mit Hitler zusammenzugehen. Dr. Wettig legte dar, dass Stalin sich von Anfang an mit Hitler-Deutschland Ostmitteleuropa aufteilen wollte. Nur so habe Stalin die Sowjetunion aus einer von außen eingedämmten, an offensivem Vorgehen gehinderten Macht befreien und das sowjetische System nach Westen ausdehnen können. Großbritannien und Frankreich hätten Stalin diese Zugeständnisse nicht gemacht, also fiel der Entschluss, sich zusammen mit Hitler Osteuropa aufzuteilen. Eine entscheidende Basis zur Zusammenarbeit zwischen Hitler und Stalin sei also ihr gemeinsames Interesse gewesen: die Veränderung des Status quo. Dies ließ die gravierenden ideologischen Unterschiede zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus in den Hintergrund treten, so Herr Wettig abschließend.

Paulis Klavins, Vorsitzender der deutsch-baltischen Parlamentariergruppe, nutze die Veranstaltung um den mit der Konrad-Adenauer-Stiftung neu herausgegebenen Sammelband „Terroropfer unter zwei Diktaturen in den baltischen Ländern“ vorzustellen. Es sind darin ausgewählte Vorträge von Historikern, Bürgerrechtlern und Politikern des im Sommer 1999 stattgefunden internationalen Treffens unter dem Motto „Aufarbeitung der Vergangenheit zur Sicherung der Zukunft“ enthalten, die an Aktualität jedoch nichts verloren hätten.

Dr. Egils Levits, Richter am Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften und ehemaliger Justizminister Lettlands, befasste sich in seinen Ausführungen mit den Formen der Vergangenheitsbewältigung, der Notwendigkeit und den Möglichkeiten einer Aufarbeitung der Geschichte, aber auch mit den Problemen. So sei das vorangegange Regime in Lettland eine schwere Last, die Vergangenheit vollständig aufzuarbeiten. Jedoch sei eine Aufarbeitung dringend notwendig, um das Vertrauen der Bevölkerung in die demokratischen Institutionen zu stärken. Wichtig sei darüberhinaus, dass das geschehene Unrecht offiziell anerkannt werde, damit es zu einer Versöhnung kommen kann. Dies müsse sowohl innerhalb der Gesellschaft geschehen als auch international zwischen den betroffenen Staaten.

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Veranstaltungsort

lettisches Gemeindehaus, Riga

Kontakt

Dr. Andreas von Below

Dr

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Auslandsbüro Lettland