Der Festtagskalender des Linksextremismus

Traditionell orientieren sich Kulturen an einem Feiertagskalender, der sich auf Ereignisse mit kulturellem, religiösem oder nationalem Hintergrund bezieht. Besonders die beiden letzten Bezüge werden von Linksextremisten abgelehnt. Aber als Bewegung, die mancherlei messianische und pseudoreligiöse Züge trägt, haben sich Linksextremisten einen eigenen Feiertagszyklus geschaffen. Er ist allerdings für Anarchisten und Kommunisten nicht unbedingt gleich. Und vor allem: Mit Jahrestagen wird auch wiederkehrender Anlässe gedacht, die ihren Ursprung in der sozialistischen Arbeiterbewegung haben und von den Kommunisten bloß übernommen und mit eigenen Inhalten umgewidmet wurden. Also ist nicht jeder kommunistische Festanlass im Jahr notwendig ein Emblem des politischen Extremismus.

Wir haben die wichtigsten von ihnen zusammengestellt:

Zweites Wochenende im Januar

Die „Luxemburg-Liebknecht-Demonstration“ erinnert an die beiden 1919 ermordeten KPD-Mitbegründer (siehe auch Falsche Vorbilder: Rosa Luxemburg). Zu DDR-Zeiten hieß sie „Lenin-Liebknecht-Luxemburg-Demonstration“ und war eine Staatsveranstaltung. Nach wie vor zieht sie durch Berlin-Lichtenberg bis zur „Gedenkstätte der Sozialisten“ in Friedrichsfelde und gilt als Event, an dem heute das gesamte linksextremistische Spektrum unter Einschluss der Autonomen und ausländischer stalinistischer und maoistischer Organisationen teilnimmt. Die Anmelder stammen im Allgemeinen aus der „Kommunistischen Plattform“ in der Linken.

30. Januar

Der Tag der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus heißt bei Linksextremisten „Tag der Machtübergabe“. Sie wollen damit suggerieren, dass die bürgerliche Weimarer Republik den Nazis die Macht im Auftrag des Kapitals gleichsam „übergeben“ habe. Als „Gedenktag“ eher eine Veranstaltung älterer Kommunisten und kommunistischer Antifaschisten.

8. März

„Internationaler Frauentag“: Gilt bei den Sozialisten und auch bei der Frauenbewegung insgesamt inzwischen als Symbol des Kampfes für die Rechte der Frau. Kommunistische Organisationen haben ihn seit 1921 mitkultiviert. Dabei ging es ihnen aber nicht um Emanzipation, sondern darum, darzustellen, dass der Kampf um Frauenrechte Bestandteil des internationalen Klassenkampfes sei.

18. März

„Tag des politischen Gefangenen“: Ursprünglich von der KPD in den 1920er Jahren eingeführt, ist dies heute ein Tag der Solidarität des gewaltbereiten Linksextremismus – u.a. mit inhaftierten Linksterroristen in aller Welt. Er hat fast ausschließlich szeneinternen Bekanntheitsgrad und wird vor allem von der „Roten Hilfe e.V.“ kultiviert, einer Rechts- und Hafthilfeorganisation, die nicht humanitär, sondern auf die Unterstützung linksextrem motivierter Gewalt ausgerichtet ist.

Ostern

Die Ostermärsche der Atomwaffengegner wurden 1958 in Großbritannien von Nuklearpazifisten ins Leben gerufen. In der Bundesrepublik teilten sich seit Beginn der 1960er Jahre die illegale KPD und Gruppen der „Neuen Linken“ die Kontrolle über sie. Anfang der 1970er Jahre wurden sie eingestellt, aber von der DKP 1983 reaktiviert, weil sich eine breite – nicht nur kommunistische – Friedensbewegung erhob. Eine zentrale Rolle spielte von jeher die von der DKP gesteuerte Deutsche Friedens-Union (DFU), deren Funktionär Willi van Ooyen über viele Jahre in Frankfurt/Main ein „zentrales Ostermarschbüro“ organisierte (1). Das Ostermarsch-Ritual gehört zur Tradition einer ganzen Generation nicht nur kommunistischer, sondern auch demokratischer linker Friedensfreunde. Es hält deshalb bis heute an und richtet sich vorwiegend allgemein gegen die NATO und andere westliche Streitkräfte.

30. April

„Walpurgisnacht“: Gilt inzwischen als Startschuss für die traditionellen „Revolutionären 1.-Mai-Demonstrationen“. Der Begriff, der interessanterweise aus der sozialhistorisch eher rechtslastigen germanischen Mythologie stammt, ist in der autonomen Szene vor allem Berlins eingeführt und bezeichnet den Auftakt der jährlichen Straßenschlachten am 1. Mai.

1. Mai

  • „Revolutionäre 1.-Mai-Demo“: Seit 1987 ist es eine zwar legal angemeldete, aber stets gewalttätig verlaufende „Demonstration“ in Berlin, die trotz gegenteiliger Bekundungen der Veranstalter (in den letzten Jahren Funktionäre/Mitglieder der Linken) nichts mit dem grundgesetzlichen Verständnis von Demonstrationen zu tun hat. Sie dient ausschließlich als Mantel für die exzessive Straßengewalt.
  • „Tag der Arbeit“: Ein traditioneller Festtag der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften. Natürlich berufen sich demokratische Sozialisten und Kommunisten gleichermaßen darauf. Deshalb sind Kommunisten aller Couleur, bis hin zu türkischen Maoisten mit Stalin-Bildern, auch stets bei den traditionellen DGB-Kundgebungen am 1. Mai zu sehen, um den Kundgebungen einen klassenkämpferischen Einschlag zu geben. Deren Zweck wird dabei in gewissem Sinne verfälscht, denn in marxistisch-leninistischen Systemen sind Gewerkschaften keine Interessenvertretungen der Arbeiter; sie dienen vielmehr dazu, sie zu kontrollieren und zur Arbeit im sozialistischen Staat anzuhalten. So gesehen sind Kommunisten als potentielle Arbeiterkontrolleure eines sozialistischen Systems auf gewerkschaftlichen Mai-Demonstrationen eine ziemliche Fehlbesetzung.

    Kundgebungen und Demonstrationen am Tag der Arbeit werden üblicherweise vom DGB angemeldet, der in jedem Falle zuverlässig dafür einsteht, dass sie friedlich verlaufen.

8. Mai

„Tag der Befreiung vom Faschismus“ heißt er in kommunistischer Diktion. Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa, und für Millionen Menschen war dies eine Befreiung vom nationalsozialistischen Terror, vom Bombenkrieg und vom Krieg überhaupt. In vielen westeuropäischen Ländern ist er deshalb nationaler Feiertag. Für Osteuropa bedeutete er allerdings auch den Beginn einer fast vierzigjährigen Diktatur. Es ist leider dies, was Kommunisten feiern, wenn sie vom „Tag der Befreiung“ reden. Auch auf diesen Missbrauch muss man hinweisen. Aber immerhin endete am 8. Mai in Europa die Fähigkeit eines historisch beispiellosen Verbrecherregimes, weiter Gewalt auszuüben.

13. August

Der Tag des Baus der Berliner Mauer 1961 (im kommunistischen Jargon „Antifaschistischer Schutzwall“) veranlasste zum runden Jahrestag 2011 die Tageszeitung „junge welt“ (siehe auch Publikationen mit Anbindung an Organisationen und Milieus) unter der Überschrift „Wir sagen jetzt einfach mal Danke“ zur Abbildung von drei Angehörigen der DDR-Betriebskampfgruppen vor dem Brandenburger Tor. Die Leser werden es vermutlich goutiert haben - es handelt sich um ein Milieu, das bisweilen die DDR ganz gerne zurück hätte.

1. September

Der „Anti-Kriegstag“ zur Erinnerung an den Beginn des Zweiten Weltkrieges hieß zu DDR-Zeiten „Tag des Friedens“ (2). Inzwischen haben sich Rechtsextremisten zur Gewohnheit gemacht, ihrerseits Anfang September in Dortmund einen bundesweiten „Anti-Kriegstag“ zu inszenieren, was regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen Neonazis, autonomer Antifa und der Polizei führt.

7. Oktober

Der Gründungstag der DDR („Tag der Republik“) ist heutzutage nur noch in besonders DDR-nostalgischen Milieus ein Grund für freudige Feiern, also wie im Falle des 21. Dezember eher etwas für das Hinterzimmer.

7. November

Ein Tag von großem Gewicht im kommunistischen Festtagskalender, handelt es sich doch um den Jahrestag der Oktoberrevolution 1917. Da die russische Zeitrechnung damals noch nach dem julianischen Kalender funktionierte, fällt die Oktoberrevolution, eigentlich eine putschistische Machtergreifung der Parteigänger Lenins, heute in den November.

21. November

Am 21. November 1992 wurde in Berlin der Aktivist der linksalternativen Szene Silvio Meier das Opfer eines zwischen rechtsextremen und antifaschistischen Gangs ausgetragenen Bandenkriegs. Meier wurde bei einer größeren Schlägerei in einer U-Bahn-Station von Neonazis erstochen. Autonome-Antifa-Gruppen erinnern mit einer jährlichen Silvio-Meier-Demo im Berliner Stadtteil Friedrichshain an das Verbrechen.

21. Dezember

Der Geburtstag J. W. Stalins am 21. Dezember war bis zum Tod des Diktators 1953 in seinem Machtbereich Gegenstand ausführlicher Huldigungen. Den Höhepunkt erreichte dieser Personenkult zu Stalins angeblichem 70. Geburtstag am 21. Dezember 1949 (3). Bei Altkommunisten und Traditionalisten ist das Datum noch präsent, gefeiert wird es eher nichtöffentlich. Mehrfach sind in gewissen Parteien auf kleineren Ebenen solche Events aufgefallen, im Regelfall hieß es dann dazu, man habe einen privaten Geburtstag gefeiert. Das ist übrigens auch die Standardantwort auf ähnliche Vorfälle bei Neonazis am 20. April, dem Geburtstag Adolf Hitlers. Private Feiern am 21. Dezember mit einschlägiger Musik in gewissen Milieus sollten daher durchaus kritisch hinterfragt werden.

26. Dezember

Der Geburtstag Mao Tse-tungs (siehe auch Falsche Vorbilder: Mao Tse-tung) hat allenfalls für die schwindende Maoistenszene in der Bundesrepublik noch Bedeutung. Zum 100. Geburtstag des Massenmörders konnte die MLPD 1993 immerhin noch die Stadthalle einer Ruhrgebietsstadt füllen.

Rudolf van Hüllen

(1) Van Ooyen wurde im Februar 2008 Fraktionsvorsitzender für Die Linke im hessischen Landtag.

(2) Eine etwas widersinnige Bezeichnung, hatte doch der Molotow-Ribbentrop-Vertrag vom 23. August 1939 erst Hitler jene Rückendeckung verschafft, mit der er glaubte, ungestraft einen Angriffskrieg gegen Polen entfesseln zu können. Für die SED war dies indessen kein Problem, denn nach ihrer Lesart existierte der deutsch-sowjetische Vertrag gar nicht, sondern war eine Propagandalüge westlicher Geheimdienste.

(3) Stalin gefiel es aus irgendeinem Grund, ein falsches Geburtsdatum anzugeben: Tatsächlich war er, wie 1990 herauskam, am 18. Dezember 1878 geboren.