Entwertet Kritik an der SED-Diktatur die Lebensleistung der DDR-Bürger?

Die DDR war eine Parteidiktatur, eine Ideokratie (1) bzw. Weltanschauungsdiktatur. Dieser Sachverhalt lässt sich schwerlich leugnen. Aber er bedeutet nicht, dass das Leben der Menschen in der DDR dadurch entwertet würde. Sie haben die Diktatur mehrheitlich nicht unterstützt und sie in dem ersten Moment, in dem eine realistische Möglichkeit bestand, aus eigener Kraft abgeschüttelt.

Die SED-Diktatur basierte auf drei Säulen: der Ideologie, vielfältigen Anreizen zur Anpassung und der Repression. Die Ideologie sollte eine Anleitung zum Handeln für die politische Elite sein, aber sie reichte nicht aus, um Massenloyalität herzustellen; und durch Repression allein kann sich auf Dauer keine Diktatur lange halten. Insofern bedurfte es einer Klammer zwischen der Ideologie und der Repression. Dies leisteten integrative Faktoren wie etwa bestimmte Maßnahmen im Bereich der Sozialpolitik. Die Menschen hatten sich mangels Alternative mit dem System zu arrangieren und suchten Nischen.

Offenkundig war es der SED-Herrschaft niemals gelungen, die Bevölkerung auf die eigene Seite zu ziehen. Davon zeugen die durch sowjetische Bajonette niedergeschlagene Volkserhebung am 17. Juni 1953, der Bau der Mauer am 13. August 1961 (der „antifaschistische Schutzwall“, der durch die Massenflucht von DDR-Bürgern notwendig geworden war, sperrte die eigene Bevölkerung ein) sowie der mehr oder weniger erzwungene Fall der Mauer am 9. November 1989. Der Freiheit folgte schnell die Einheit. Auch sie geht stark auf die Bevölkerung in der DDR zurück. Sie hat Anlass zu Stolz, nicht zu Verdruss.

Wer mit Blick auf die DDR ohne Wenn und Aber von einer „Diktatur“ spricht, meint das politische System, das eben nicht von den dort Lebenden getragen wurde, wie die erwähnten Beispiele zeigen. Die DDR war, im Gegensatz zum Dritten Reich, mithin keine „deutsche Diktatur“, sondern eine „Diktatur auf deutschem Boden“. Von außen lange gestützt, wurde sie schließlich von innen gestürzt. Hingegen war es beim Dritten Reich umgekehrt.

Es gab ein „gutes Leben“ im „schlechten System“. So finden sich zahlreiche Beispiele von Normalität im Alltag. Das fängt bei der Liebe an und hört nicht bei Erfolgen im Beruf auf. Wer dies bezweifelt, hat eine eindimensionale Vorstellung von einer Diktatur, in der das Leben keineswegs bloß von Freudlosigkeit gekennzeichnet war. Sie basiert entgegen Mythen nicht nur auf Repression, hätte sie sonst doch längere Zeit nicht bestehen können.

Dass manche Menschen aus den neuen Ländern die Bezeichnung der DDR als Diktatur ablehnen oder einschränken wollen, hat viele Gründe: Sie glauben, dadurch werde die eigene Lebensleistung entwertet, wie sie auch Kritik an „der Diktatur“ bisweilen als Kritik an ihnen interpretieren. Diese Auffassung mag durch westliche „Glücksritter“ begünstigt worden sein, durch teils unvermeidliche Fehler im Einheitsprozess – und schließlich auch dadurch, dass Ostdeutsche zu wenig Anerkennung für das erfahren haben, was von ihnen in mehr als zwei Jahrzehnten geleistet worden ist. „Ostalgie“ ist – zum Teil aus Trotz, zum Teil aus Enttäuschung über den zu langsam empfundenen Einigungsprozess – ebenfalls im Spiel. „Man“ vergisst eher das Schlechte und behält stärker das – tatsächlich oder vermeintlich – Gute. So kommt erst im Nachhinein eine Art „Wir-Gefühl“ auf, eine DDR-Identität, die seinerzeit überhaupt nicht bestand. Die meisten Menschen im Osten hatten das schwerere Leben – das gilt für die Zeit vor der friedlichen Revolution wie für die Zeit danach. Dieser Sachverhalt wird zu wenig gewürdigt.

Die an die Diktatur und ihre Opfer wachgehaltene Erinnerung läuft nicht auf eine Entwertung ostdeutscher Biografien hinaus. Wer dies suggeriert, will einen Keil zwischen Ost und West treiben. Gleichwohl: Die innere Einheit ist auf einem guten Weg.

Eckhard Jesse

(1) Vgl. etwa Manuel Becker: Die Ideokratie als Herrschaftsform. Potentiale eines vergessenen Begriffs in der aktuellen Autokratieforschung, in: Zeitschrift für Politik 58 (2011), S. 148–169.