Falsche Vorbilder: Fidel Castro

Mit Vollbart und Zigarre kennt man den „Máximo Líder“ der Kubanischen Revolution. Die Bewegung des 26. Juli (M-26-7) unter der Führung des charismatischen Duos Che Guevara und Fidel Castro erlöste die Insel in den 1950er Jahren von der korrupten und repressiven Diktatur Fulgencio Batistas. Die Kubaner gelangten dabei vom Regen in die Traufe, wie sich herausstellen sollte. Denn das Ende einer Diktatur bedeutet nicht automatisch den Beginn der Demokratie – es kann schlicht in eine weitere Diktatur münden.

Es gehört mehr dazu, ein revolutionärer Freiheitskämpfer zu sein, als sich mit einem Gewehr auf dem Rücken durch einen Dschungel zu kämpfen und sich anzuschicken, das bestehende System der Unterdrückung zu stürzen. Fidel Alejandro Castro Ruz, wie sein vollständiger Name lautet, weist einige dieser Eigenschaften auf. Wenn man ihm zwei Dinge nicht vorwerfen kann, sind es Heuchelei und Unentschlossenheit: Mit 13 wiegelt er die Zuckerrohrarbeiter seines Vaters zu einem Streik auf, als Student schlägt er kurzerhand vor, den amtierenden Präsidenten vom Balkon zu stürzen, um den Sieg der Studentenrevolution zu proklamieren – seine Mitstreiter erklären ihn für verrückt. 1950 macht er seinen dreifachen Doktor. Er bewunderte zeit seines Lebens den kubanischen Freiheitskämpfer José Martí, lebt weitgehend bedürfnislos und hat die Amtszeiten mehrerer US-Präsidenten überlebt – trotz zahlreicher Attentate und Umsturzversuche. Wie bei allen Legenden wird aber auch beim „Mythos Castro“ die eine oder andere Begebenheit vergessen, die das Bild trüben würde.

Castro, der erst während der Revolution mit dem Kommunismus in engen Kontakt kommt, verbindet nach der Machtübernahme 1959 dessen Gerechtigkeitsideen mit eigenen Ansichten, die nachfolgend als „Castr(o)ismus“ bzw. „Fidelismus“ bekannt werden – ein Kommunismus eigener Art also. Vereinfacht gesagt zielt er auf die Umverteilung von Boden zugunsten der landlosen Kleinbauern, die wirtschaftliche Umstellung Kubas zum Produzentenland und die Wiedereinführung der Verfassung von 1940. Castro verspricht außerdem freie Wahlen, die Entschädigung der Großgrundbesitzer und eine breit angelegte Alphabetisierungskampagne.

Tatsächlich bringt sich Castro schon zu Beginn der Revolution in den Bergen der Sierra Maestra als ihr einziger Führer in Positur, lange Zeit entschied nur er, was mit dem Land geschieht. Kritische oder desertierende Mitstreiter werden zur Strecke gebracht, wie Eutimio Guerra (1957) oder Außenminister Agramonte (1959). 1959 lässt er einen umfassenden Geheimdienstapparat mit mehreren Organisationen gründen – der Überwachungsstaat wird perfekt. 1961 proklamiert Castro den sozialistischen Staat Kuba – von den versprochenen Wahlen ist nie wieder etwas zu hören.

In jeder – auch konstruktiven – Kritik wittert der Comandante en Jefe auch heute noch Feinde seiner Politik: 1960 werden Zeitungen, TV- und Radiosender beschlagnahmt, 1961/62 werden zahlreiche „Revolutionstribunale“ gegen Abweichler aktiv; Kritiker, kritische Sympathisanten und Christen werden mundtot gemacht und/oder in Arbeitslager gesteckt. Die kubanische Medienlandschaft könnte eintöniger nicht sein – sie soll die Bevölkerung indoktrinieren. Die Feindbildpflege weist paranoide Züge auf – jede Kritik gilt als von den USA gesteuert. Geltung darf einzig die Revolution beanspruchen, Meinungspluralismus wird auch heute noch abgelehnt. Autoren und andere Künstler erfahren ständige Zensur – was nicht prorevolutionär ist, wird nicht veröffentlicht und führt zum Berufsverbot. Extravagante Lebensstile und Homosexualität gelten als soziale Abartigkeiten. Auch im Ausland engagiert sich Castro: nicht nur in den Revolutionen Afrikas und Lateinamerikas; er heißt 1968 auch die blutige Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Armeen des Warschauer Paktes gut.

Die Wirtschaft hängt lange Zeit am seidenen Faden – was der Máximo Líder entscheidet, wird umgesetzt. Dementsprechend krisenanfällig ist die kubanische Ökonomie. Die Landreform 1959 geht völlig unkoordiniert, zum Teil wüst vonstatten, es kommt zu Tumulten. Zwischen 1960 und 1962 verlassen schätzungsweise 200.000 Spitzenkräfte das Land – ihnen folgen bis zur Jahrtausendwende weitere 800.000. Die „Libreta“, ein Warenbezugsheftchen, wird den Kubanern ein ständiger Begleiter der kommenden Jahrzehnte.

Castros Hoffnung, die Geschichte werde ihn freisprechen, muss wohl zurückgewiesen werden – auch in seinem Fall gilt: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Seinen Erfolgen (Alphabetisierungskampagne, Schaffung eines kubanischen Selbstbewusstseins) stehen erhebliche Fehlleistungen gegenüber, bei denen sich die Machtkonzentration bei Castro, das Ausbleiben von Wahlen, die Diskriminierung von Christen, ein massiver Meinungsüberwachungsapparat, Arbeitslager für politische Häftlinge und weitgehende Armut aufsummieren.

Tom Mannewitz