Führt Globalisierung zu Armut?

Obwohl sich die Armutsquote, d.h. der Anteil der Menschen, die von weniger als einem US-Dollar am Tag leben, seit den 1980er Jahren weltweit halbiert hat, wird Globalisierung häufig mit Armut und Ausbeutung in Verbindung gebracht. Ein Beispiel dafür ist diese Sichtweise der Linken auf die Globalisierung:

„Die drohende Klimakatastrophe, die schnelle Erschöpfung vieler natürlicher Rohstoffe und die beschleunigte Vernichtung der biologischen Vielfalt einerseits und die Spaltung der Gesellschaften in Gewinner und Verlierer einer neoliberalen Globalisierung, in ausufernden Luxuskonsum und wachsenden Hunger andererseits sind zwei Seiten einer Medaille.“ (1)

Tatsächlich haben Arbeitsteilung, Spezialisierung und Handel den weltweiten Wohlstand vergrößert. Entwicklungs- und Schwellenländer exportieren heute günstig herzustellende Produkte bzw. Zwischenprodukte, die erst in den Industriestaaten zu technisch höherwertigen Waren weiterverarbeitet werden. Von diesem gegenseitigen Austausch profitieren beide Seiten.

In den letzten Jahren haben sich viele Globalisierungskritiker zu Wort gemeldet und die fortschreitende wirtschaftliche Verflechtung der Welt als Grund für soziale und wirtschaftliche Missstände angeprangert. Dabei sind die Unterschiede im Einkommens- und Lohnniveau zwischen Entwicklungsländern und Industrienationen nicht durch „die Globalisierung“ zu erklären, sondern durch den Stand des technischen Fortschritts und der Ausstattung mit Produktionsfaktoren (gut ausgebildeten Menschen, Maschinen und Anlagen, Infrastruktur etc.) in einer Volkswirtschaft. Freilich spielt auch die politische Situation in einem Land eine erhebliche Rolle dafür, ob Armut entsteht oder überwunden wird.

In den Industrieländern, wie in Deutschland, ruft die Globalisierung teilweise Ängste vor Arbeitsplatzverlagerungen hervor. Zum Teil sind diese Ängste begründet, da vor allem Arbeiten, die eine geringe Qualifikation voraussetzen, leicht ins Ausland verlagert werden können. Auf der anderen Seite entstehen aber wieder Jobs für gut ausgebildete Arbeitskräfte in Deutschland und den anderen Industriestaaten. Die Verbraucher in den Industrieländern profitieren zudem von günstig importierten Waren aus dem Ausland. Die Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern profitieren wiederum von den neu entstandenen Arbeitsplätzen.

Mittlerweile haben Schwellen- und Entwicklungsländer einen Anteil von ca. 40 Prozent an der Weltwirtschaft. Mithilfe von Zöllen wehren sich die EU und andere Industrienationen gegen „Billigimporte“ aus den ärmeren Ländern. Ihnen wird daher oft vorgeworfen, durch ihre Handelspolitik das Aufholen der Schwellenländer zu behindern. Aber auch viele Entwicklungsländer sperren sich gegen ausländische Produkte. In jedem Fall belasten hohe Zölle und Importrestriktionen den Geldbeutel der Konsumenten, sie sollen die Verbraucher aber auch vor Produkten schützen, die z.B. giftige Inhaltsstoffe enthalten oder anderweitig gesundheitsgefährdend sein können. Problematisch sind zudem auch Fragen der Verletzung von Arbeitsstandards in Entwicklungsländern.

Auf globaler Ebene sorgt die Welthandelsorganisation (WTO) für einen fairen Welthandel, einheitliche „Spielregeln“ und den Abbau von Handelshemmnissen. Seit der Schaffung der WTO verbesserte sich die Handelsposition von Entwicklungsländern, da in der WTO alle Länder gleiches Gewicht haben. So soll verhindert werden, dass die großen, wirtschaftsstarken Industrienationen ihre Vorteile gegenüber den weniger reichen Ländern ausnutzen. Die Welthandelsorganisation verfügt auch über ein eigenes Schiedsgericht, das dafür zuständig ist, zu vermitteln und Handelsstreitigkeiten zwischen den Mitgliedsländern beizulegen.

Obwohl sich die Armutsquote, d.h. der Anteil der Menschen, die von weniger als einem US-Dollar am Tag leben, seit den 1980er Jahren weltweit halbiert hat, gilt besonders der afrikanische Kontinent immer noch als Problemfall: Die ärmsten Staaten der Welt dürfen ihre Produkte bereits zollfrei in die Industrienationen exportieren, schaffen es aber trotzdem nicht, die eigenen Industrien aufzubauen und international konkurrenzfähig zu machen. Dafür ist eine Flankierung durch die Wirtschaftspolitik nötig. Auch behindern in einigen afrikanischen Staaten anhaltende Bürgerkriege und korrupte Systeme eine positive gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung. Dort müssen Bildungssysteme und Rechtssicherheit verbessert bzw. Bürokratie und Korruption abgebaut werden.

Globalisierung führt nicht automatisch zu mehr Armut. Unter den genannten Voraussetzungen kann die Globalisierung – die internationale Arbeitsteilung, Vernetzung und Zusammenarbeit – sogar einen Weg aus der Armut aufzeigen.

David Gregosz

(1) Programm der Partei Die Linke vom Oktober 2011, S. 19.