Kann man die Wirtschaft einer Gesellschaft zentral planen?

Linksextremistische Organisationen fordern häufig eine Zentralverwaltungswirtschaft – so die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) in ihrem Programm von 2006: „An die Stelle der chaotischen (…) Konkurrenzwirtschaft tritt eine nach wissenschaftlichen Kriterien gemeinschaftlich und verantwortungsbewusst geplante, von Solidarität getragene Produktionsweise.“ Die Frage, ob man eine Volkswirtschaft tatsächlich zentral planen kann, ist höchst strittig. Die Entwicklungsgeschichte des real existierenden Sozialismus legt nahe, dass die Frage nicht lauten sollte, ob man eine Wirtschaft zentral lenken und steuern kann (man konnte es damals und kann es noch heute, wie Kuba zeigt), sondern ob man es sollte. Vielfach zeigte die Umsetzung dieser Idee in die Wirklichkeit nämlich, dass dadurch Probleme auftauchen, die ihren Nutzen fraglich erscheinen lassen.

In Zentralverwaltungswirtschaften liegen die Entscheidungen darüber, was in welcher Zeit in welcher Menge hergestellt werden soll, bei einer meist staatlichen Behörde (1) – in der DDR war das die Staatliche Plankommission. Der Vorteil einer zentralen Lenkung der wirtschaftlichen Belange ist, dass man sie politischen Zielen unterwerfen kann: Man kann beispielsweise gerechte Löhne einführen, man kann aber auch verhindern, dass Produkte zu teuer werden, weil ein Verkäufer das Monopol hat und so die Preise in die Höhe treibt – einfach, indem man selbst die Preise festlegt.

Einige Verfechter der Zentralverwaltungswirtschaft setzen deren Vorzüge absolut, ohne sie mit den Nachteilen abzuwägen. Zweifel sind allerdings angebracht, wie die folgenden Nachteile zeigen:

1. Unvollständigkeit und Kosten der Planung

Die Erstellung von Produktionsplänen für eine gesamte Volkswirtschaft stellt einen unvorstellbaren Planungsaufwand dar. Eine zentrale Behörde müsste über sämtliche Abläufe innerhalb und zwischen den verschiedenen Unternehmen wachen, immenses (Insider-)Wissen ansammeln und einen noch viel größeren Koordinationsaufwand betreiben. Sie verschlingt daher Unmengen an Zeit, Geld und Arbeitskräften, die dafür aufgewandt werden müssen, herauszufinden, wie viel alle Produktionsbetriebe in einem bestimmten Zeitraum herstellen können – z.B. Autos. Sagen die Betriebe, sie können nicht so viel herstellen, wie der Plan vorsieht, muss dieser Plan nachgebessert werden – so lange und so oft, bis er den Angaben aller Betriebe in einem Land entspricht. Dass das lange dauert und daher die Unvollständigkeit des Plans nach sich zieht, liegt auf der Hand. Es kommt zu teuren Fehlplanungen und aufgrund der „Steuerungswut“ zu Innovationshemmnissen.

2. Mangelnde Flexibilität der Produktion

Bevor neue Erfindungen, effiziente Verfahren, kostengünstige Lösungen und aktuelle Wirtschaftsdaten von einer Behörde über die nächste bis zur zentralen Entscheidungsstelle gelangt sind, kann es schon zu spät sein. Die Folge: eine dauerhaft ineffiziente, d.h. vor allem teure Produktion schlechter Güter bis hin zu völligen Fehlplanungen. Die Wirtschaft hinkt der Forschung und der weltweiten Wirtschaftsentwicklung ewig hinterher, weil sie träge ist. Die Bürger müssten ständig Produkte kaufen, die nicht dem aktuellen Standard entsprechen, zumal die Produkte am Ende einer Planungsperiode (oft fünf Jahre) meist schon zu Beginn existierten. Außerdem stünden die Menschen vielfach vor leeren Regalen.

3. Mangelnde Reaktion auf Konsumentenwünsche

Das Problem, dass der Verbraucher sehr oft nicht bekommt, was und wie viel er will, folgt daraus, dass die Wirtschaft politischen Zielen untergeordnet ist und die Pläne langfristig angelegt sind. Eine Planungsbehörde hat kein großes Interesse daran, den Wünschen der Verbraucher übermäßig zu folgen, denn sie zieht keinen direkten Nutzen daraus. Dies führt zu immer längeren Käuferschlangen und zu Schwarzmärkten (weil ein bestimmtes Produkt in zu geringer Menge hergestellt, es anschließend stark nachgefragt und dann „unter der Hand“ teuer verkauft wird), zu Ladenhütern (weil ein Produkt nicht gewollt wird) und dazu, dass man auf Alternativprodukte umsteigen muss oder vor leeren Regalen steht. Damit bestimmt man nicht mehr selbst, sondern der Staat, was man kauft.

4. Mangelndes Innovationspotential und verdeckte Arbeitslosigkeit

Innerhalb des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs sind Unternehmer stets selbst gezwungen, ihre Produkte zu überprüfen und zu verbessern, um auch in Zukunft konkurrenzfähig zu bleiben. In einer zentral geplanten Wirtschaft gehen solche Innovationsanreize verloren. Die bisherigen Erfahrungen mit zentraler Planung zeigen, dass dies zur Entstehung von Großbetrieben und Konglomeraten führt. Solche Großbetriebe sind in einem System der Planung nicht dem Wettbewerb und dem Konkurrenzdruck einer Marktwirtschaft ausgesetzt und somit nicht gezwungen, effizient zu arbeiten. Einsparpotentiale bleiben dadurch ungenutzt und Mitarbeiter werden auch dann weiterbeschäftigt, wenn sie eigentlich nicht genügend qualifiziert sind oder nicht gebraucht werden. Besonders diese Form „verdeckter Arbeitslosigkeit“ wird vernachlässigt, wenn in der Öffentlichkeit von Vollbeschäftigung in sozialistischen Systemen gesprochen wird.

5. Fehlen von Ersatzinvestitionen

Die Produktionsmittel und Ressourcen, die in einer zentral geplanten Wirtschaft ineffizient verwendet werden, könnten an anderer Stelle womöglich viel produktiver eingesetzt werden. Das Beispiel der ehemaligen Sowjetunion zeigt deutlich die Ineffizienz riesiger Konglomerate und Staatsunternehmen sowie die negativen Auswirkungen, die sie langfristig auf die Wirtschaft eines Landes haben: Nicht zuletzt aufgrund der ineffizienten Produktionsweise fehlten über Jahre hinweg die finanziellen Mittel, um dringend benötigte Investitionen zu tätigen. Wie sich nach dem Ende des Sozialismus zeigte, war der Kapitalstock der meisten Planwirtschaften völlig erschöpft, Maschinen und andere Technik hoffnungslos veraltet und verschlissen bzw. aufgebraucht.

Fazit

Die zentrale Planung einer Volkswirtschaft bedeutet einen immensen Zeit-, Ressourcen- und Koordinationsaufwand. Neben den Ressourcen, die für die Planung und Überwachung der Produktion eingesetzt werden, muss auch die Zuteilung der Produktionsmittel auf die einzelnen Wirtschaftszweige und Unternehmen zentral geregelt werden. Dies führt in sozialistischen Systemen regelmäßig dazu, dass Versorgungsengpässe auftreten und Ressourcen nicht dahin gelangen, wo sie am effizientesten eingesetzt werden können. In einer zentral geplanten Wirtschaft gehen zudem wichtige Innovationsanreize für Unternehmen verloren. Dadurch werden Ressourcen verschwendet und der Fortschritt bleibt langfristig auf der Strecke. Historische Erfahrungen belegen, dass eine Wirtschaft zwar zentral geplant werden kann, dann aber riesige Wohlstands- und Effizienzverluste hingenommen werden müssen.

David Gregosz /Tom Mannewitz

(1) Vgl. Zentralverwaltungswirtschaft, Bundeszentrale für politische Bildung (05.07.2011).

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