Was bedeutet „verordneter Antifaschismus“?

„Antifaschisten“ nannten sich die entschiedenen Gegner der sich etablierenden faschistischen Bewegung in Italien schon in den 1920er Jahren. Die Abwehrfront reichte von Konservativen über Liberale bis zu Sozialisten und Kommunisten. Viele „Antifaschisten“ der ersten Stunde waren zugleich „Antikommunisten“, verteidigten die italienische Republik gegen den Ansturm der Extremismen von rechts und links. Ausdrücklich abgelehnt wurde die Verbindung von Antifaschismus und Antikommunismus selbstverständlich von den Kommunisten, die den Antifaschismus zu einer spezifischen Doktrin entwickelten. Demnach war der Faschismus (und mit ihm der Nationalsozialismus) „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“, so die offizielle Definition durch den VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale im August 1935.

Diese für orthodox-kommunistische Parteien bis heute gültige Formel sah Antifaschismus und Antikapitalismus als Einheit. Antikapitalismus schloss zudem Antiliberalismus im Sinne der Ablehnung der als „kapitalistisch“ und „bürgerlich“ geltenden westlichen Demokratie ein.

Die Wendung vom „verordneten Antifaschismus“ hat sich nach dem Ende der DDR verbreitet und dient meist der kritischen Auseinandersetzung mit deren Staatsdoktrin, die den Antifaschismus als Integrations- und Legitimationsideologie nutzte und damit ihre moralische Überlegenheit, insbesondere gegenüber dem westlichen Deutschland, zu begründen suchte. Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) stellte ihre Politik damit in die Tradition des antifaschistischen Kampfes der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus (siehe auch War die DDR ein „antifaschistischer“ Staat? und Was ist Nationalsozialismus?). Im Unterschied zum westlichen Deutschland war nach dieser Lesart in der DDR die „Macht der Monopole“ gebrochen – und damit dem „Faschismus“ die Grundlage für seine Entfaltung entzogen worden.

Die Kommunistische Internationale (KI oder „Komintern“, ein in der Sowjetunion 1919 gegründeter Dachverband kommunistischer Parteien, die als verlängerter Arm der sowjetischen Außenpolitik fungierte) hatte den Faschismusbegriff in den 1920er Jahren auf alle „gegenrevolutionären“ Kräfte ausgedehnt und damit die sozialistischen/sozialdemokratischen Parteien als „Sozialfaschisten“ praktisch den Nazis gleichgestellt. In Deutschland attackierte die KPD die Republik und Demokratie stützenden Sozialdemokraten zeitweilig heftiger als die Nationalsozialisten, mit denen sie sogar punktuell zusammenarbeitete (wie beim Berliner Verkehrsarbeiterstreik im November 1932). Ein 1933 unter dem Eindruck der NS-Machtergreifung eingeleiteter Strategiewechsel und die Propagierung einer breiten „antifaschistischen Einheit der demokratischen Kräfte“ verloren wiederum ihre Bedeutung mit dem Hitler-Stalin-Pakt vom Sommer 1939. Die Kommunisten schieden nun zeitweilig aus den antifaschistischen Bündnissen aus und schlossen sich ihnen erst wieder nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion (Juni 1941) an. Nach Kriegsende war die Politik des „antifaschistisch-demokratischen Blocks“ eng mit der Etablierung einer kommunistischen Diktatur in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) verbunden. Der SED-Antifaschismus diente der Verschleierung des Diktaturcharakters der DDR und der Diffamierung des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, in dem die Elemente der Kontinuität zum Nationalsozialismus angeblich dominierten.

Indem der SED-Antifaschismus den Nationalsozialismus auf seine – vermeintliche – sozial-ökonomische Basis (Kapitalismus, Monopolkapital) reduzierte, blockierte er eine intensive Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus und dessen spezifischen Wurzeln (siehe auch Was ist Antisemitismus?). Mehr noch: Der SED-Antifaschismus ließ sich problemlos mit einer feindlichen Haltung gegenüber dem Staat Israel (Antizionismus im Zeichen von Antiimperialismus und Antikapitalismus) verbinden (siehe auch Gibt es einen linksextremistischen Antisemitismus?). Auf diese Weise versperrte der verordnete Antifaschismus den Weg zu einer differenzierten, tiefschürfenden und facettenreichen Auseinandersetzung mit dem NS-Regime und den von ihm zu verantwortenden Massenverbrechen.

Uwe Backes

Lesetipps:

  • Manfred Agethen/Eckhard Jesse/Ehrhart Neubert (Hrsg.), Der missbrauchte Antifaschismus. DDR-Staatsdoktrin und Lebenslüge der deutschen Linken, Freiburg i. Brg./Basel/Wien 2002.