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Stimmen die Rahmenbedingungen für den „wissenschaftlichen Nachwuchs“?

Ein Problemaufriss der Rahmenbedingungen für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland

Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz war der politische Versuch, die Situation für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu verbessern. Dies ist nur teilweise gelungen. Die Initiative #IchBinHanna hat die anhaltende Misere erneut in den Fokus gerückt. Einerseits legt das Wissenschaftssystem besonderen Wert auf „Exzellenz“, andererseits vernachlässigt es seine wichtigste Ressource – junge, engagierte Wissenschaftler/-innen. Warum das? Und: Warum ist es so kompliziert, Lösungen zu finden?

Die Rahmenbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland werden seit Langem kontrovers diskutiert. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz war der politische Versuch, die Situation zu verbessern. Dies ist nur teilweise gelungen. Nicht zuletzt die Initiative #IchBinHanna hat das Problem erneut in den Fokus gerückt. Wie kann es sein, dass ein Wissenschaftssystem, das besonderen Wert auf „Exzellenz“ legt, seine wichtigste Ressource, junge engagierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vernachlässigt? Was genau steht in der Kritik? Ist sie berechtigt? Und warum ist es so kompliziert, Lösungen zu finden?

Probleme

Die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses ist geprägt von befristeten Arbeitsverträgen mit kurzen Laufzeiten. Der überwiegende Anteil der wissenschaftlichen Stellen, außer Professuren, ist befristet. Dauerstellen sind rar. Eine mittelfristige Planbarkeit von Beruf und Familie ist kaum möglich. Die Befristungsquote ist in Deutschland höher als in manchen anderen wissenschaftsstarken und innovativen Ländern. Im Vergleich zur freien Wirtschaft ist sie in der Wissenschaft exorbitant hoch.

Obwohl Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler wichtige Leistungsträgerinnen und -träger im Wissenschaftssystem sind, haben sie oft nur Teilzeitstellen inne – bei einem Arbeitspensum, das über das einer Vollzeitstelle weit hinausgeht. Leistungsgerechtigkeit und Anerkennung kommen zu kurz.

Die schwierige Lage jener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wird bereits in der Begrifflichkeit deutlich: Sie als wissenschaftlichen „Nachwuchs“ zu bezeichnen, obwohl sie voll ausgebildet, hochqualifiziert und erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind und in Bezug auf ihr Lebensalter die „Nachwuchsphase“ längst überschritten haben, deutet auf ein dringend reflexionsbedürftiges Wissenschaftsverständnis hin, das nur Professorinnen und Professoren als vollwertige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anerkennt. Diese verquere Sicht muss sich zugunsten der „außerprofessorale Wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler“ ändern.

Argumente und Gegenargumente

Von Befürworterinnen und Befürwortern der jetzigen Situation wird das Argument vertreten, prekäre Arbeitsbedingungen für den wissenschaftlichen „Nachwuchs“ seien als Ansporn für gute Leistungen notwendig. Dafür gibt es jedoch keine empirische Evidenz, die belegt, dass prekäre Lebenssituationen Innovativität und Kreativität fördern. Das Gegenteil scheint genauso plausibel. Es fehlen empirische Untersuchungen. Sie werden für die Entscheidungsfindung dringend benötigt.

Auch das Argument, mehr wissenschaftliche Dauerstellen würden Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen „verstopfen“, ist nicht stichhaltig. Vielmehr sind Modelle denkbar mit mehr Dauerstellen als bisher bei gleichzeitig hoher Flexibilität und Dynamik.

Hinzu kommt, dass es zwischen „unbefristet für alle“ und „befristet für die meisten“ einen weiten Gestaltungsspielraum gibt, den es verantwortungsvoll zu nutzen gilt.

Gangbare Wege

Forschung ist für Deutschland essenziell. Deshalb müssen die Rahmenbedingungen optimiert werden.

Ein wichtiger Schritt ist die Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Dies allein reicht jedoch nicht. Die Verbesserung der Grundfinanzierung ist notwendig, sodass ein finanzieller Rahmen für mehr Dauerstellen gegeben ist.

Strukturelle Veränderungen sind notwendig. Neben dem Lehrstuhlsystem sollten Departmentstrukturen aufgebaut werden, so dass auch in diesem Punkt ein Systemwettbewerb angeregt wird. Tenure Track mit Zielvereinbarungen und verlässlichen Karriereperspektiven müssen Standard werden. Für wissenschaftliche Daueraufgaben sollte es Dauerstellen geben.1

Im Studium muss auch für Tätigkeiten außerhalb der Wissenschaft besser ausgebildet werden.2 Promovierende und Postdocs brauchen Betreuerinnen und Betreuer, die mit Rat zur Seite stehen. Eine Karriereberatung ist notwendig, die die Leistungen und Eignungen der angehenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler berücksichtigt, sodass frühzeitig die Weichen gestellt werden können.

In den 1970er-Jahren wurden die Grundentscheidungen für die bis heute andauernde Entwicklung gestellt. Was damals richtig schien, kann heute unpassend sein. Deshalb sollten in Politik und Wissenschaft die derzeit als selbstverständlich erachteten Grundsätze überprüft werden. Immerhin geht es um Lebensperspektiven hochqualifizierter und engagierter Menschen – und um die Leistungsfähigkeit des Wissenschaftssystems in Deutschland.

Eine ressourcenarme Volkswirtschaft wie Deutschland ist auf engagierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angewiesen. Auf ihrer exzellenten Forschung und ihrem Entwicklergeist baut nicht zuletzt die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auf. Sie ist der Schlüssel für Wohlstand und stabile Lebensbedingungen der Gesellschaft.

 

 

1 Wissenschaftsnetzwerk: Die Zukunft des Deutschen Wissenschaftssystems. Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin 2018, S. 13, zuletzt aufgerufen am 31.05.2022

2 Wissenschaftsnetzwerk: Promotionen in Deutschland. Vorschläge zur Qualitätssicherung. Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin 2020, S. 18, zuletzt aufgerufen am 31.05.2022; Wissenschaftsnetzwerk: Hochschulzugang neu regeln. Mehr fachliche Qualität und Eigenverantwortung. Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin 2018, S. 4, zuletzt aufgerufen am 31.05.2022

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